Live auf dem Berlin Festival: Primal Scream

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Die Hände zum Himmel. Die Gitarrenhälse im Anschlag. Die Londoner Wembley Arena erlebt das Finale einer bizarren Show. Primal Scream geben die knarzigen Urgesteine. Bobby Gillespie macht den Jesus der Vorstädte. Ein radikaler Bruch, nachdem kurz zuvor der Grime-Rapper Professor Green seine Beats hat bollern lassen. Massentaugliche UK-Dancefloor-Entwürfe werden kurzerhand mit dem Gitarrenbrett erschlagen. „Das wird wohl unser Dialog mit der Jugend“, hatte Bobby Gillespie vor dem Auftritt im rrrollenden Glasgower Idiom gemurmelt. „Mal sehen, was wir da reißen können.“

Ziemlich genau 25 Jahre ist es jetzt her, dass ich Gillespies Band Primal Scream beim „C86“-Festival im Londoner Kulturzentrum ICA zum ersten Mal live gesehen habe. Dünne Männer mit Pilzkopf-Frisuren und gestärkten Oberhemden spielten damals charmant-arroganten Gitarrenpop. Der Knapp-Zwei-Minuten-Song „ Velocity Girl“ intonierte wie kaum ein anderer das Lebensgefühl „ Indie“; während draußen auf der Paradestraße The Mall die Vorbereitungen zur Hochzeit von Prinz Andrew und Sarah Ferguson liefen. Es sind Geschichten aus einer anderen Zeit – Opa erzählt aus dem Krieg. Heute vergessene Bands wie die Close Lobsters, The Soup Dragons oder Age of Chance mit ihrem Stakkato-Rhythmus standen für eine neue Aufbruchsstimmung von unten, die mit den überdrehten New-Wave-Konzepten der Mittachtziger flöten gegangen war. Der „NME“ veröffentlichte eine Compilation dazu und schickte damit die nächste Subkultur ins Rampenlicht . „Wir hatten mehr Zeit, uns in aller Öffentlichkeit zu entwickeln. Heute bist du nach einem Flop draußen oder du musst dir endlos den Arsch abspielen, ohne zu wissen, wohin das überhaupt führt“, wagt Bobby Gillespie den Vergleich über Jahrzehnte hinweg. „Unser Label Creation Records war eine Familie und Alan McGee als Chef hat uns mit seiner Energie den Rücken frei gehalten. Wir wussten stets, wo wir hingehörten.“ Erstaunlicherweise hat sich Gillespie gut gehalten mit seinen 47 Jahren. Schlank und rank trotz all der Exzesse. Mittellange Strähnen fallen ins schmale Gesicht und nur gelegentlich versandet ein begonnener Satz im Nichts. Dope und Speed lassen schön grüßen. Doch als Familienvater mit zwei Söhnen hat er sich letztlich dem Drogenelend seiner Ex-Bandmitglieder entzogen.

 

Primal Scream sind als Headliner einer Großveranstaltung namens „ Orange Rockcorps“ gebucht. Eine Belohnungssause der Telefonfirma für rund 11 000 Freiwillige, die sich in ihrem Viertel sozial engagiert haben. Für Altenbetreuung oder Schneeschippen gibt’s ein gesponsertes Popspektakel plus Freidrink. Diddy Dirty Money mit Frontmann Sean „Puffy“ Combs am Mikro, Eliza Doolittle, Professor Green und Kelis locken viele schwarze Kids. Der Umbaupausen-DJ inszeniert einen MeshUp-Mix aus R’n’B, HipHop und Elektronischem zum Höllenspektakel. Begeistertes Gekreische von den Rängen, im Innenraum wird Formation getanzt. Der Gegensatz zwischen „damals“ und „heute“ könnte kaum drastischer ausfallen. Die Generation C86 im Soundsturm von 2011. Ausgebuffte Indierocker im Post-Puff-Daddy-Land. Bobby Gillespie findet dieses Szenario nicht weiter merkwürdig. Er verweist darauf, sicherlich auch im Hinblick auf die anständige Gage, dass sie längst Profis genug wären, auch den letzten Schuppen in Grund und Boden zu rocken. „Vielleicht erobern wir sogar neue Fans“, sagt er und muss über sich selbst grinsen.

Nach neun Alben in 27 Jahren – Gillespie benennt den 12. Oktober 1984 als offizielles Gründungsdatum – sind die mehrfach umformierten Primal Scream am nächsten Knackpunkt ihrer schillernden Langzeitkarriere angelangt. 2011 markiert nämlich das 20ste Jubiläum ihres präg­nantesten Werkes Screamadelica. Jene seinerzeit unerwartete Fusion von Psychedelia, Funk und Rolling-Stones-70er-Jahre-Blues. Das alles mit entsprechenden Beats durch den Dancefloor-Filter des Produzenten-Teams um Andrew Weatherall, Terry Farley und The Orb gejagt. Tracks wie „Loaded“ , „ Come Together“ oder „Moving On Up“ dienen bis heute als Floorfiller im Indie- und im Club-Kosmos gleichermaßen.„Wir haben uns eigentlich schon mit dem neuen Album beschäftigt, als das Management mit einer Idee um die Ecke kam“, erzählt Gillespie. „Es gäbe da diese Originalaufnahmen von früher; ob wir uns nicht noch einmal mit diesem Material im Hinblick auf ein weltweite Live-Tour beschäftigen wollten. Während ich noch schwer damit gehadert habe, ob das nicht zu retro, nostalgisch und rückwärts gerichtet rüberkäme, waren die Jungs schon voll ins Thema eingetaucht.“ Besonders Bassist Gary „Mani“ Mounfield, der zum ursprünglichen Erscheinungsdatum im Spätsommer 1991 noch bei den Manchester-Radaubrüdern Stone Roses spielte, stürzte sich mit Begeisterung auf das legendäre Rock-Dance-Crossover. Wiederauf­erstehung im Zeichen des Rave. „Irgendwann hat es mich dann auch selbst erwischt. Voll irre, was wir damals alles eingespielt haben“, sagt Gillespie.

 

Und so reisen Primal Scream – nebst einem Konzertmitschnitt aus dem Londoner „Olympia“ auf DVD – mit großem Erfolg um die Welt, um einen 20 Jahre alten Geistesblitz zu präsentieren. Eine Poprevue in eigener Sache. Neu interpretiert wie ein Oratorium der klassischen Musik. Das passt vorzüglich in eine „Retromania“-Ära, in der Live-Aufführungen längst zum verlässlichen Einnahmefaktor avanciert sind; zumindest für halbwegs etablierte Musiker und Bands. Die Produktion von Tonträgern, und somit von neuer Musik, wirkt dagegen fast schon wie eine zusätzliche Marketing-Maßnahme. Nach dem Motto: „Hallo, wir leben noch. Wo können wir auftreten?“ Der Songschreiber und Sänger Bobby Gillespie sieht das verständlicherweise nicht ganz so nüchtern. „Ich habe genug Zeug im Kasten, um zwei neue Alben damit zu füllen“, sagt er. „Doch wenn man so lange dabei ist, finde ich es durchaus legitim, sich auch mit dem eigenen Backkatalog zu beschäftigen. Und Screamadelica ist selbst für Leute interessant, die damals drei oder fünf Jahre alt waren.“ Mit leuchtenden Augen erzählt er vom „Optimus“-Festival in Portugal, wo Primal Scream gerade im Umfeld der Stooges aufgetreten sind. „Raw Power“ oder „ Search & Destroy“, dargeboten von Ur-Frontmann Iggy Pop, hätten auch heute noch mehr Durchschlagskraft als jede Zwanzigjährigen-Band, findet er. Er wolle damit keine rechthaberische Alte-Knacker-Stimmung verbreiten, sondern einfach Respekt vor zeitloser Qualität bekunden. „Ich habe die Stooges in den vergangenen Jahren öfter erlebt“ sagt Bobby Gillespie. „Und ich freue mich jedes Mal aufs Neue. Gerade so wie in meiner eigenen Teenagerzeit. Bei Neil Young geht’s mir genauso.“ Und wie zum Beweis, dass er als multi-interessierter Musik­fan eben nicht nur altbackene Helden endlos rotieren lässt, verweist er auf aktuelle Entdeckungen. Von Panda Bear bis zu allerlei Neo-Krautrockbands, die sein schottischer „R“-Dialekt leider unidentifiziert lässt.

 Als Bilderbuch-Held der britischen Working Class hat Gillespie die Schule, die für ihn eher ein Auffanglager für Problemfälle als eine Lehranstalt war, so schnell wie möglich verlassen. Sein Vater engagierte sich in der Drucker-Gewerkschaft und kandidierte später für die schottische Labour Party. Der Bruder begann eine frühe Drogenlaufbahn. Ohne die Musik, sagt Gillespie heute, wäre er sicher versumpft wie die kaputten Typen aus „ Trainspotting“. Bereits als Teenager arbeitete er als Roadie, lungerte in Clubs herum und hörte sich quer durch die Popgeschichte. Er verehrte die Glasgow-Indie-Pop-Sternchen Altered Images mit ihrer mädchenhaften Sängerin Clare Grogan, genauso wie die Sex Pistols zu seinen Allzeithelden zählen. „Punk war zweifellos meine Initialzündung, selbst etwas zu wagen. Egal, ob du schüchtern oder verpeilt warst, diese rohe Energie hat dich auf die Bühne getrieben.“

Die eigene Band war bereits formiert, während er noch als stoischer Steh-Drummer bei den Glasgow-Kollegen von The Jesus and Mary Chain wirkte: Feedback-Gewitter, dunkle Sonnenbrillen, schwarze Klamotten – eine schottische Prolo-Variante des Modells Velvet Underground. Erst mit dem Ende dieser Doppel­funktion, also im Oktober 1984, beginnt für Gillespie die Ära Primal Scream – und damit eine wüste Achterbahnfahrt durch verschiedene Spielarten. Auf den verschnupften Gitarrenpop der Single „Velocity Girl“ folgen mit Sonic Flower Groove und Primal Scream zwei rausgebolzte Alben, in denen Gillespie seiner Leidenschaft für derbe Rocker frönt. Die Band trägt fortan Lederhosen und bauschige Musketier-Hemden. Musik-Junkie Gillespie wird in Interviews zum Kronzeugen des massiven Revivals der Westcoast-Band Love. Ein Rückgriff auf die späten Sechziger und eine Huldigung des tragisch-genialen Sängers Arthur Lee, der dann 2006 an Leukämie verstarb. Primal Scream als wandelndes Lexikon der Musikgeschichte.

Es gehört zu den großen Momenten des Pop, dass dieser Zitatschatz Anfang der Neunziger ausgerechnet unter der brüchigen Konstruktion des „Rave“ explodiert. Gillespies Urgefühl für trippige Stimmungen und das dröhnende Wabern seiner Revolvertruppe wird unter der Ägide des Mixerteams zu einer dichten Rhythmus-Abfahrt. Das britische Crossover zwischen Ibiza, Manches­ter und den Clubs des Kontinents feiert fröhliche Urstände. Happy Mondays, Flowered Up, Stone Roses und auch Primal Scream als rockende Antwort auf den Urknall des Techno. Warum ist die Band nach Screamadelica wieder zum Gitarrenrock zurückgekehrt? „Da gibt es nichts zu beschönigen“, sagt Bobby Gillespie. „Nach der fast schon sonnig-freundlichen Welle mit Ecstasy wurde der Drogenkonsum bei Primal Scream immer härter, die Stimmung düsterer. Letztlich wurde unser damaliges Lineup durch Heroin vollends aus der Bahn geworfen.“

Als müssten sie einen Gegenpol markieren, zeigt das Cover des 1994er-Albums Give Out, But Don’t Give Up eine Südstaatenflagge in Neon. Das dröhnende „Rocks“, das sie bis heute spielen, ist eine Lektion in US-Stadionrock.

Primal Scream auf dem Weg zurück zu tieferen Wurzeln, wo immer die auch liegen mögen, mit Funk-Großmeister George Clinton als Gastproduzent des Titelsongs. Der Beginn einer 15 Jahre andauernden Rumpelstrecke, die über einen Beitrag zum „Trainspotting“ -Soundtrack und eine kryptische Hymne mit Dub-Produzent Adrian Sherwood zur Fußball-Europameisterschaft 1996 führt („The Big Man And The Scream Team Meet The Barmy Army Uptown“). Während die heile Indiewelt der Achtziger und Neunziger zerbröselt und die angestammte Heimatbasis Creation Records zur Jahrtausendwende eingeht, irrlichtert Bobby Gillespie durch Raum und Sounds. Das 2000er-Album XTRMNTR, gleichzeitig der Abschied von Creation, führt das britische Magazin „Q“ unter seinen Top-50 der brutalsten Alben aller Zeiten. Polit-Krawall und enervierende Elektro-Sounds, während der britische Boulevard dem ewigen Springinsfeld Gillespie eine Affäre mit Kate Moss andichtet. Primal Scream waren nie weg in all den Jahren. Doch ihr radikaler Trip durch bluesige Bar-Atmosphären, flirrende Techno-Entwürfe und Krautrock-Schmankerln hat viele Fans überfordert. Es scheint nicht leicht, über drei Jahrzehnte hinweg auf der Erfolgsspur zu bleiben, wenn man dem eigenen Wahnsinn treu bleiben möchte. Bobby Gillespie als spontan-radikaler Spinner hat sich jedenfalls von nichts und niemandem beirren lassen.

 

So ist es letztlich kein Wunder, dass er diese aufgedrehte PR-Veranstaltung in der Londoner Wembley Arena mit sonnigem Gemüt nimmt. Er hat schon zu viel erlebt, um sich von den Ins und Outs der Popmusik leiten zu lassen. Primal Scream sind an diesem Abend definitiv falsch platziert, vor all diesen nu-ravenden Streetkids. Doch als Gillespie mit seiner glänzenden Alufolien-Jacke und nach wie vor dünnen Streichholz-Beinen auf die große Bühne tanzt, ist Londons Jugend erst einmal baff. Was soll das sein, scheinen sie sich zu „Moving On Up“ zu fragen. Ein brachiales Rock-Musical? Wie bei einer Performance bricht im Innenraum eine Schlägerei aus, die der Ordnungsdienst mit den gelben Alarmjacken jedoch nach wenigen Au­genblicken schlichten kann. Und bereits zu „Loaded“ haben sich ganze Reihen in den Bandkosmos eingehört. Man hüpft, reckt Arme, lässt sich gehen. Derbe rocken mit den Jungs von damals. In Wembley spielen Primal Scream nur ein Auszug aus ihrem Festivalprogramm, das Screamadelica als Gitarren- und Bass-Schlacht wieder auferstehen lässt. Späte Hits wie „Country Girl“ werden in diese kompromisslose Brettershow integriert. Als „Kraftwerk spielende Motörhead“ hat Ex-„NME“-Schreiber James Brown im „Observer“ die Primal Scream von 2006 gesehen. Eine Diagnose, die auch fünf Jahre später zutrifft. Bobby Gillespie ist dann doch zu sehr der Stooges-verehrende Chaot, als dass er aus Screamadelica eine Neo-Disco-Show macht. Für ihn ist das damalige Zusammengehen von Clubkultur und Rockkultur aus heutiger Sicht eine Momentaufnahme des Pop. Eine beswingte Fusion von milden Drogen, Ibiza-Gefühlen und neuen Produktionstechniken. Vor allem aber: eine abgeschlossene Ära. „Ich hätte es komplett bescheuert gefunden, dieses Album als nochmalige Wiederkehr des Summer of Love aufzuführen. Für derartige Soundclashes sollen die heutigen Innovatoren sorgen.“ Gillespies Antwort auf die Vergangenheit heißt „Rock“ als endloser Trip. Dass er dabei weiterhin im großen Arsenal des Pop von Aretha Franklin über Can bis Dubstep wühlt, ehrt ihn. Auf der Bühne jedenfalls lässt er es krachen.

Primal Scream spielen ihre „Screamadelica“-Show als Headliner neben Suede und Beginner beim Berlin Festival 2011 am 9./10. September 2011 auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof.


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