Livebericht Jan Delay in Mainz

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Schon seit Monaten können wir die Verwandlung des Jan Eißfeldt vom Staatsfeind Number One (stilisiert auf der SEARCHING FOR THE SOUL REBELS-Platte) zum Soulbrother und lässigsten Entertainer der deutschen HipHop-Szene beobachten. Auf der „Disko No.1“-Tour gibt er den Partypaten. Was sich eventuell wie Kritik anhört, aber keine ist. Denn gerade Feiern ist nicht unpolitisch. Die Party als der vielleicht letzte Hort des Widerstandes gegen eine geordnete Welt, gerade heute, in Zeiten eines konservativen Backflasch – das ist ein definitiver coolfact. Nichterst seit den Grinsattacken von Westerwelle nach der Bundestagswahl.Er ist der Styler. Er ist der coole Taktgeber des Abends. Er serviert die Party. Delay hat die Beats. Das Konzert beginnt er mit ein paar saftigen Soul-Nummern, die Soul-Ladies im Hintergrund, die Bläser-Section mitten drin im Sound. Spätestens als er dann nach den Oldschool-Beats zum Ragga-Style, den Vintage-Beats (Zitat Delay) rüberscraift, ziehen Marihuana-Wolken durch die Halle. Alles wird lockerer. Er fragt die Crowd, ob diejenigen, die sich nicht berauschen, vielleicht etwas verpassen. Hier kommen auch die Songs aus der politischen Schaffensphase zur Darbietung. Und „Vergiftet“ als Dub-Ragga-Soul mit der neuen Zeile, „Ich bin auch vom Geld vergiftet“. Ja, Jan, bist aber trotzdem f e t t . Zwischendurch ein bisschen Neunziger-Euro-Techno. Yeah, really. Die Disko-Number-One-Band macht daraus Partytrash und bringt die Halle zum Toben. Er spielt die neue Single „Disko“ in einer Wall-of-Sound Version, live aufgepimpt mit Saxophon-Solo (1A!). Auch die Beginner-Phase wird gewürdigt. (Ist das wirklich schon zwölf Jahre her?) Die Veteranen im Publikum sind begeistert, aber auch die fünfzehnjährigen HipHop-Girlies gehen ab. Nach gut zwei Stunden ist die Feierei dann vorbei. Als Abschluss noch ein bisschen Pop. Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ veredelt durch die Delay-Vibes. Vielleicht kann man mit Mitte Dreißig nicht mehr den HipHop-Rebellen geben. Ein Provokateur, wie seine Berliner Aggro-Kollegen war er ja nie, aber sein Style war nie tougher.

Peter Wolfgang Dörrhöfer – 07.12.2009


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