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Lotte, Lea, Lina und Alina: Warum junge Künstlerinnen keine Nachnamen mehr haben

Lotte, Lea, Lina und Alina. Was haben diese vier gemeinsam? Sie gehen alle in denselben Kindergarten in Berlin-Prenzlauer Berg? Vielleicht. So heißen aber auch vier Newcomerinnen im deutsch-sprachigen Pop. Auffälliger Trend: Einen Nachnamen haben sie als Künstlerinnen nicht mehr. Ist das schon post-feministisch oder kuschelige Image-Arbeit?

„Sag mir, bin ich die Einzige, die für immer alleine bleibt?“, fragt Alina mit Kulleraugen in die Kamera und spaziert bedeutungsvoll über eine leere Wiese. In Leas „Wohin willst du“ ist der Kerl schon fast weg und in Lottes „Du fehlst“ jetzt bei einer anderen. Die Songs handeln von einer Generation voll von bindungsunfähigen Männern und unerfüllter Liebe. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert, aber nur seinetwegen. Gemeinsam ist den jungen Sängerinnen auch, dass sie im Gegensatz zu Tim Bendzko, Philipp Poisel, Johannes Oerding oder Max Giesinger ohne Nachnamen auftreten. Gab’s das nicht schon mal? Ach ja, im Schlager. Bei Manuela, Nicole und Michelle.

Wer braucht schon Nachnamen? Diese Mädchen wollen doch bloß geliebt werden

Süße Vornamen sind im Grunde auch keine schlechte Marketingstrategie. Sie klingen vertraut und sympathisch, wie eine gute Freundin, die einen versteht, tröstet und dann mitschleppt zu den besten Partys der Stadt. „Sieht die Welt beschissen aus, schmeiß’ ganz einfach Glitzer drauf“, singt Lina und tanzt lachend mit rosa Haaren am Pool.

Nicht, dass es nicht auch anders ginge: Antje Schomaker bringt neben einem Nachnamen auch genügend Selbstironie mit, um ihre romantischen Komplikationen angenehm unprätentiös klingen zu lassen. Und Mine, die zuletzt mit Fatoni auf ALLE LIEBE NACHTRÄGLICH gleich ein ganzes Konzeptalbum dem Themenkomplex Herzschmerz 3.0 widmete, schafft den Brückenschlag zwischen musikalischem Anspruch und Generation-Y-Beziehungsanalyse. Okay, Mine ist auch nur ein Vorname, aber immerhin stimmt der Inhalt. Im Mainstream unterdessen hält sich hartnäckig das Rom-Com-Klischee vom Mädchen, das doch nur geliebt werden will. Solange am Ende die Kasse stimmt, lässt sich der feministische Zeitgeist gut ignorieren.

Interessante Randnotiz: Laut einer Studie von Leipziger Sprachwissenschaftlern ist die weibliche Sprechstimme in den letzten Jahrzehnten um zwei bis drei Halbtöne tiefer geworden. Ihre Theorie: Frauen korrigieren ihre Stimmen unterbewusst nach unten, um sich besser gegenüber männlichen Kollegen zu behaupten. Während Frauen in den meisten Jobs also nach männlicher Durchsetzungsfähigkeit streben, wird im Deutsch-Pop bewusst das hyper-sweete Mädchenimage reproduziert. Immerhin hat die derzeit erfolgreichste deutsche Künstlerin einen Nachnamen. Obwohl, so beruhigend ist das auch wieder nicht: Es ist Helene Fischer.

Dieser Text ist zuerst als Teil unseres Jahresrückblicks-Specials im Musikexpress 01/2018 erschienen.



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