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Werden wir die Pandemie-Konzerte bald vermissen?

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Eines vorweg: Ich weiß natürlich, dass sich all diese Pandemie-Konzerte mit Hygiene-Konzept und Abstandsregeln in keiner Weise rechnen. Und ich in bin allen Veranstaltenden und Live-Acts dankbar, dass sie trotzdem, wo immer es ging, Shows gespielt und ermöglicht haben. Ich bin sogar dem Staat dankbar, wenn er es denn mal geschafft hat, gute Shows zu unterstützen. Ebenso weiß ich, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist, wir alle noch eine Weile vorsichtig bleiben sollten, die Delta-Variante sich schon warmläuft und es noch eine Weile dauern wird, bis wieder „normale“ Konzerte möglich sind.

Aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich all diese seltsamen Konzerte, die ich seit März letzten Jahres erlebt habe, irgendwie vermissen werde. Ok, ein Autokino-Konzert brauch ich im Leben nicht mehr. Aber die Shows auf dem Reeperbahn Festival, oder im Cruise Inn in Hamburg oder die zahlreichen Picknick-Konzerte – das hatte schon einen Vibe und einen Komfort, der mir fast zu gut gefiel.

Abstand ist halt auch mal angenehm

Frauen werden mir da vermutlich sofort zustimmen, dass der erste Vorteil dieser Konzerte der verordnete Abstand zu fremden Menschen ist. Keine Drängler, keine Anfasser-Typen, kein Schweiß-Shirt, das beim respektlosen Durchrempeln alle benässt, die im Wege stehen. Vor der Pandemie erlebte man so ein Raumverhältnis höchstens mal in überteuerten VIP-Bereichen beim Primavera oder dem Lollapalooza – hier wiederum war sie verordneter Standard. Und da eh nur eine übersichtliche Zahl an Zuschauern erlaubt war, gab es die gute Sicht quasi noch on top. Und hey, wann hat man denn schon mal mit 500 Fans eine Arena für 20.000 Menschen für sich, wie hier im Video in der Kölner Lanxess Arena? Eben.

Musik zum Sitzen ist nichts Schlechtes

Hier spielt vielleicht auch das Alter ein wenig rein, aber trotzdem hatte ich oft das Gefühl, selbst den jüngsten Fans gefiel es ganz gut, auch mal sitzen zu können. Sei es auf der Picknick-Decke, im Liegestuhl, auf einem gewöhnlichen Klappstuhl oder gar in einem Strandkorb. Möglichkeiten gab es viele und selbst wenn es einen hin und wieder vom Stuhl reißt, gibt einem die Sitzmöglichkeit ein VIP-Flair, das man sonst nicht hat. Und, machen wir uns nichts vor: Es gibt eben Musik, die ich viel lieber sitzend und melancholisch sinnierend genieße. Wer muss denn bei einem, sagen wir, Ben Howard-Konzert stehen? Macht er ja selbst meistens nicht mal. Oder bei der Akustik-Show von der Herren Wiebusch, Bosse, Uhlmann? Da lässt sich man sich doch auch viel lieber im Sitzen zuschnacken. Wer eine Karte für das Reeperbahn Festival im letzten Jahr ergattern konnte, merkte ebenfalls, dass in der Not der Pandemie-Situation sehr nahe, intime Shows zustande kamen – wenn man erst einmal überall aus- und eingecheckt hatte.

Love Is In The Air

Man sieht es auch in diesem Aftermovie: All diese Konzerte hatten eine wundervolle, dankbare, glückliche Stimmung, wie man sie vor der Pandemie nicht immer erlebt hat. Vor allem auf den großen Festivals hatte ich damals oft das Gefühl, dass die Musik – gerade bei kleineren Acts – bei einem großen Teil des Publikums nicht die Liebe bekommt, die sie verdient hat. Das war nun anders. Auf der Bühne, vor der Bühne, hinter der Bühne – überall spürte man bei all dem Scheiß, der gerade auf der Welt passierte, die tiefe Liebe zum Musikmachen und Musikhören. Als ich zum Beispiel im Knust ein Konzert des ziemlich großartigen Lie Ning sah, applaudierten die 50 Gäste die reindurften in einer Lautstärke, die sonst der ausverkaufte Laden kaum hinbekommen hätte.

Ein bisschen was davon darf bleiben

Was ich mit all dem sagen will: Diese Liebe und der Enthusiasmus und die Dankbarkeit für alle, die solche Konzerte möglich machen, dürfen und sollten sich von jetzt an eh bis zum Ende der Menschheit halten. Aber auch ein paar dieser Konzertkonzepte würde ich hin und wieder gerne noch mal erleben. Wenn es geht, ohne eine weitere Pandemie. Einfach nur so. Diese Picknickdecken-Konzerte zum Beispiel passen doch perfekt zu Shows von Kings of Convenience, Steiner & Madleina, Ben Howard, beabadoobee, Phoebe Bridgers, Lucy Dacus oder eine Akustikshow von Provinz oder Giant Rooks.  Und Strandkorb und Live-Musik? Hey, besser geht’s doch nicht.


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