M. Müller-Westernhagen


Schon Hans Albers‘ sehnsuchtsvolles „La Paloma“ wurde als Indiz für den nahen Konzertbeginn frenetisch bejubelt. Und Müllers „Ich hab‘ ’ne ziemliche Grippe, hab‘ auch schon überlegt, ob ich Pierre Littbarski singen lasse. Aber nun bin ich doch selbst aufgelaufen!‘ ging im lautstark zelebrierten Wiedersehenstaumel unter. Das (Fan-)Volk hatte seinen Westernhagen (endlich) wieder. Ob mit oder ohne Halsschmerzen.

Und Marius meisterte sein Zweistunden- und Drei-Zugaben-Programm ohnehin fast mühelos (alter Profi, der er ist) und steckte trotz Grippe nicht zurück. Die Gangart wurde sowieso vom Publikum mitbestimmt. Das wollte seinen „Helden“ schwitzen sehen. Und der wollte seine Getreuen naß machen. So weit, so gut.

Auf einem anderen Blatt stand vor der Tournee, ob und wie weit die Fans MMWs musikalische Kurskorrektur mitziehen würden. Die Ausgangsposition war klar. Hier das neue Album, DIE SONNE SO ROT, im Trio mit viel Elektronik eingespielt. Da das Wissen, daß sich das ohne konventionelle Rockband kaum auf der Bühne umsetzen läßt. Zudem die mögliche Falle, mit den Live-Versionen zwangsläufig wieder in die“.Anachronismen“ (sprich Rock’n’Roll- und Rhythm & Blues-Muster) zurückzufallen, die man glücklich hinter sich gelassen glaubte. Schließlich mußte man ja auch die eigenen Standards, die Oldies, die Hits auf die Bühne bringen. Kurzum: keine einfache Aufgabe.

Daß in dieser Situation kein fauler Kompromiß rauskam, spricht für den Charakter der Beteiligten. Mit Lothar Meid (Baß) und „Kralle“ Krähwinkel (Gitarre) standen da zwei „Altstars“ mit ausgeprägt eigenem Stil auf der Bühne.

Quasi als Gegengewicht wehte der frische Wind aus der anderen Bühnenecke: Die unverbrauchte Frankfurter Fraktion mit Lothar Krell (Keyboards) und Christian Schneider (so gut wie alles, vor allem aber ein geiles Saxophon). Und Tony Nissl hielt mit seinem Schlagzeug alles zusammen.

Gleich Müllers (taktisch kluger) Einstieg mit drei neuen Songs machte deutlich: Auch der „neue Marius“ findet Anklang. Aber egal, von welcher LP der gerade angestimmte Titel stammte, mitgesungen wurden alle 28. Westernhagens Hits wie „Pfefferminz“ und „Dicke“ (mit Sequencern!) behielten ihren Charakter und kamen dennoch modifiziert aus der PA. Das neue Soundgewand stand ihnen prächtig. Daß vor allem auch die ruhigeren Nummern („Lass Uns Leben“, „Ich Bin Ein Mann“) echte Zuhörer fanden, befriedigte nicht nur den Protagonisten.

Müller kann/darf auch als Musiker endlich sein Ding machen. Theo ist zwar nicht vergessen. Aber für den Sänger Westernhagen und sein Publikum ist er nicht mehr relevant.