Man muss sich zum Affen machen


Wer gut gekleidet ist, entscheidet Jan Joswig. Heute vor dem Stilgericht: robyn

Schweden sind die perfekten stromlinienförmigen Modeopfer. Wenn irgendwo auf der Welt ein Trend entsteht, haben sie ihn perfektioniert, sobald er nur in Umrissen erkennbar geworden ist. Burlesk und 30er-Jahre? In Stockholm tragen Männer schmale Schnurrbärte und breite Hosenträger. Und zwar alle. Die Bereitschaft, die neuesten Moden ohne Widerspruch über-zu-erfüllen, kann Außenstehenden gehörig Angst einflößen. Schweden wirken wie die gleichgeschalteten Kinder aus dem Grusel-Science-Fiction „Das Dorf der Verdammten“.

Rückblickend kommt einem die Unterhaltungsmaschine „Abba“ in ihrer unbeholfenen Bühnengarderobe schwer sympathisch vor. Noch netter wirkt Bubblegum-Heroine Robyn in ihrem Versuch, das 90s-Revival durchzuboxen. Das ist so gar nicht stromlinienförmig. Die Rave-90s, es lässt sich nicht wegdeuten, waren vulgär. Entsprechend sah selten eine Musikerin aus dem Land der Acne Jeans so sehr danach aus, als könne sie die beste Nachbarin von Britney Spears sein, wie Robyn in ihrem Neunziger-Outfit. Blondierte Helmfrisur, von schlechtem Speed verkniffener Mund, Plateau-Timberlands, mehr mieser Vorort-Disco-Look aus Snap-Zeiten geht gar nicht. Aber Robyn wäre keine Schwedin, würde sie sich nicht eine Hintertür zur Distinktion offen halten. Ihr Ballonmantel zitiert die höchsten Weihen der Kunst-Mode-Vermählung: Yves Saint Laurents Kleid im Piet-Mondrian-Muster. Die prollig-ignoranten Rave-90s wiegt Robyn mit einer der Ikonen der Modegeschichte auf. Und ihr Trick, für den man sie gar nicht genug bewundern kann: die prolligen Rave-90s triumphieren.

Der Mondrian-Mantel könnte von „Pimkies“ sein. Ein Fetzen für Alcopop-Fans, gekonnt unsubtil untermauert durch die Püppchen-Aktentasche in beißendem Metalliclila. Robyn nutzt die Verweise auf die 1990er, um die Frage nach gutem oder schlechtem Geschmack offenzulassen. Ein Spiel mit der Ambivalenz, für das bisher das 1980er-Revival mit Trucker-Caps zuständig war, das aber längst zu Tode durchgehechelt wurde. Robyn nutzt die noch nicht augeschlachteten 1990er, um der gerade grassierenden geschmackssicheren Langeweile aus 1930er- bis 1970er-Revival in der Mode wieder ein bisschen Verunsicherung unterzuschieben. Ob sie damit nur das schwedische Geschick zur Trend-Früherkennung bestätigt oder bewusst riskiert, sich gegen alle Trends zum Affen zu machen, bleibt offen. Genau das ist Stil: die Bereitschaft, sich zum Affen zu machen.

Jan Joswig ist studierter Kunstgeschichtler, wuchs in einer chemischen Reinigung auf, fuhr mit Bowie-Hosen Skateboard und arbeitet als freier Journalist für Mode, Musik und Alltag. Was LL Cool J in den Achtzigern die Kangolmütze bedeutete, ist ihm der Anglerhut.