ME-Helden Teil 3: Brian Eno

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In unserer neuen Serie ME-Helden porträtieren wir Bands, die unser Leben beeinflusst haben. Den Auftakt bildete Jim Morrison und seine Band The Doors – Musik aus den Sechzigern, die Pate stand für viele Gruppen, die nach ihnen folgten. Die weiteren Teile der Serie widmen wir jüngeren Bands, die die ME-Redakteure und unsere Leser prägten. Teil 2 drehte sich um die Pixies.

Im dritten Teil geht es um Brian Eno. Dieser Fachmann aus der „Kommunikationsbranche“ war Pionier des Glamrock, stellte den Progrock auf das richtige Gleis, inspirierte den Punk und erfand die Ambient-Musik. Dass er bis heute einen so wesentlichen Einfluss darauf hat, wie Popmusik entsteht und wie wir sie verstehen, liegt daran, dass brian eno sich selbst nie als Musiker verstanden hat.Er ist ein Musiktheoretiker, dessen klingende Beispiele die Welt verändern. Ein Porträt von Arno Frank.

Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno. Wer dieses eitle Ungetüm von einem Namen laut ausspricht, der muss davor und danach erst einmal Luft holen. Natürlich auch, weil dieser Name so lang ist, dass sich in ihm sogar Johannes der Täufer mühelos verstecken kann. Vor allem aber, weil dieser Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno schlicht der wichtigste Klangkünstler unserer Zeit ist. Wer sich für Musik interessiert, der hat Platten von Brian Eno zu Hause stehen, selbst wenn es keine Platten von Brian Eno sind.

Es gibt nicht wenige Leute, die halten ihn für DEN intellektuellen Guru der Popmusik. Im eigentlichen Wortsinn ist Eno wohl tatsächlich ein Guru, ein charismatischer Lehrer. Der „Mojo“ -Journalist David Sheppard brauchte in seiner Brian-Eno-Biografie 350 Seiten alleine für dessen Umtriebe in den 70er-Jahren. Irgendwann kapituliert er vor dem gewaltigen Stoff und seufzt, es müsse eigentlich eine „Eno-cyclepedia Britannica“ geben. Oder, wie es sein Schüler Bono von U2 einmal so originell auf den Punkt brachte: „Er ist eine bewusstseinserweiternde Droge.“ Wesentliches Merkmal dieser seltsamen Droge ist es, dass ihre entscheidenden Bestandteile nur ganz am Rand mit Musik zu tun haben – sondern theoretischer Natur sind. Theorie war ihm wichtiger als Praxis und Zufall wichtiger als Bedacht. Dieser Mann hat fast im Alleingang und für alle Zeiten die Weise ver­ändert, wie wir Musik begegnen, sie komponieren, aufführen und wahrnehmen.

THINK OF THE RADIO

Wer über Brian Eno schreibt, schreibt sich in Schwierigkeiten. Wie einen Mann beschreiben, der ein Pionier des Glamrock war, Progrock auf das richtige Gleis gestellt, den Punk inspiriert, den Ambient „erfunden“ und der Weltmusik den Weg bereitet hat? Reichtum, Vielseitigkeit, Fülle und Tiefe seines Werkes sind auf den ersten Blick so einschüchternd, dass man vor einem echten Dilemma steht. Aber Brian Eno wäre nicht Brian Eno, hätte er nicht (gemeinsam mit dem Künstler Peter Schmidt) auch für das kreative Dilemma eine Lösung entwickelt. Dabei handelt es sich um eine unscheinbare kleine Box, in der 100 Zettel mit kryptischen Anweisungen enthalten sind. Manche dienen der Arbeit im Studio, aber die meisten sind immer dann anwendbar, wenn man sich verrannt hat. Die erste Auflage dieser „Oblique Strategies“ (etwa: schiefe Strategien) genannten simplen Spielerei ist 1975 veröffentlicht worden (inzwischen gibt es natürlich auch schon eine „iOblique“ -App).

Brian Eno selbst erklärt in einem BBC-Interview mit Jarvis Cocker: „Wenn ich eine Karte ziehe und mir sage, dass ich genau das machen werde, was die Karte verlangt, dann komme ich dahin, wo es interessant wird. Es holt dich aus der Routine und schubst dich in ein Verhalten, das du normalerweise nicht an den Tag legst. Und das kann sehr produktiv sein.“ Es ist nicht bekannt, wie viele Künstler seitdem auf die „Oblique Strategies“ zurückgegriffen haben. Sicher wissen wir es von R.E.M., die die Karten für Monster und Up verwendeten. Phoenix nutzten sie für Wolfgang Amadeus Phoenix, und auch MGMT und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten arbeiteten damit.

DON’T AVOID WHAT IS EASY

Geboren wurde Eno am 15. Mai 1948 in Woodbrigde, Suffolk, einem kleinen Städtchen unweit der ostenglischen Küste. Schlichte Verhältnisse. Ein US-Luftwaffenstützpunkt in der Nähe, viele GIs, Doo-Wop und früher Rock’n’Roll in den Kneipen. Eno war eines von fünf Kindern eines Briefträgers, der im Krieg eine belgische Katholikin geheiratet und mit nach England genommen hatte. Daher der Name.

Als kleiner Junge las er eifrig in einem Lexikon von A bis Z und in Heften von „National Geographic“, die er laut seinem Biografen nach Bildern unbekleideter Frauen durchkämmte – denen er aber auch sein ers­tes Hobby verdankte, die Geologie: „Ich kannte keinen anderen, der sich dafür interessierte. Also packte ich mir ein paar Brote ein und radelte alleine an Orte, von denen ich gehört hatte. Meistens waren das Strände. Dort verbrachte ich ganze Tage damit, mir Steine anzuschauen. Ich erinnere mich daran sehr klar als an eine sehr glückliche und transzendente Zeit. Jenseits des Denkens, tatsächlich.“

Enos Vater, Großvater und ein Onkel waren alle Briefträger. „Sie arbeiteten in der Kommunikationsbranche“, sagt Eno, „und so gesehen setze ich diese Tradition fort.“ Sein Vater reparierte nebenbei Uhren, sein Großvater Kirchenorgeln. So kam der Junge früh mit Dingen wie Mechanik, Klang, Raum und Automatisierung in Kontakt. Konzepte, die ihm noch dienlich sein würden. Mit der Pubertät freilich schleicht sich ein neuer, sehr alter Antrieb ein, der Brian Eno für die kommenden Jahrzehnte mit Energie versorgen wird: Sex. „Ich begann, gewisse exzentrische Interessen zu kultivieren, weil ich mir vorstellte, das mich die Mädchen deswegen mögen würden.“

ONCE THE SEARCH IS IN PROGRESS, SOMETHING WILL BE FOUND

Nachdem eine erste Ehe in die Brüche gegangen war, zog Eno nach London. Dort besuchte er die Kunsthochschule, die er als ausgebildeter Maler wieder verließ. Zu Hause spielte er mit Tape-Rekordern herum, beeinflusst von minimalistischen Komponisten wie Terry Riley, La Monte Young, Steve Reich oder John Cage. Reich experimentierte zu jener Zeit mit hypnotisch-repetitiven Tonbandkollagen („It’s Gonna Rain“).

 

Cage erklärte kurzerhand die räuspernde Stille im Konzertsaal zur Musik („4’33”“). Zugleich studierte er den deutschen Künstler und Zerstörungstheoretiker Gustav Metzger. Metzger war es, dessen Konzept der „Dekonstruktion“ den jungen Pete Townshend von The Who auf die Idee brachte, es könnte irgendwie politisch und cool sein, auf der Bühne seine Gitarre zu zertrümmern. Brian Eno hielt sich eher an ein visionäres Manifest von Metzger aus dem Jahr 1961, als IBM gerade seinen allerersten Computer zur Speicherung von Kundendaten anschaffte: „Selbstzerstörerische Kunst und selbstschöpfende Kunst zielen auf eine Einbettung der Kunst in den Fortschritt von Wissenschaft und Technologie. Das unmittelbare Ziel ist die computergestützte Schöpfung von Kunstwerken, die programmiert sind und ein Element der Selbstregulierung enthalten.“

Simple Systeme stellen komplexe Strukturen her. Seelenlose Maschinen erzeugen seelenvolle Kunst. Im Grunde: OK Computer. Das ist er auch schon, der Kern, in dem Brian Enos ganze musikphilosophische Welt verborgen ist.

DON’T BE FRIGHTENED OF CLICHES

Würde man in einem Lexikon den Begriff „Glamrock“ nachschlagen, müsste sich dort zur Illustration eigentlich ein Foto von Brian Eno als Paradiesvogel finden, in den er sich spätestens zu Beginn der Siebziger verwandelt hatte. Über die üblichen Umwege – frühe andere Bands mit absolut uncoolen Namen – gründete Brian Eno zusammen mit Bryan Ferry, dem Saxofonisten Andy Mackay und dem Gitarristen Phil Manzanera die Gruppe Roxy Music. „Auf der Kunsthochschule fragte ich mich noch, ob ich in die hohe Kunst oder in die Popart gehen sollte. Und dann passierte Velvet Undergrund, und ich dachte: ,Oh, das geht ja beides!‘“, erinnert sich Eno später. Während Ferry den Dandy kultivierte, wählte Eno mit bonbonfarbenen Federboas, skurrilen Hüten, langen Haaren, Plateau-Schuhen, dickem Make-up und lackierten Fingernägeln einen deutlich schrilleren Auftritt. Aus heutiger Sicht wird diese optisch ausgestellte sexuelle Ambivalenz gerne überbewertet. Eno selbst sagt: „Ich wollte sensationell aussehen. Und die Wissenschaft vom Sensationell-Aussehen wurde von Frauen betrieben, nicht von Männern.“

Noch auffälliger indes war sein Keyboardspiel, das auf Roxy Music und For Your Pleasure bereits deutlich an den Grenzen des Üblichen kratzt.

 

 Vielleicht hätte er sie zusammen mit Roxy Music überschritten, wäre es nicht schon 1973 zum Bruch gekommen. Über die Trennung ist viel spekuliert worden, aber nirgends dürften ihre wahren Gründe besser auf den Punkt gebracht worden sein als in folgendem Interview aus der hervorragenden BBC-Dokumentation „ Another Green World“ von 2010:

„Ist es ein Mythos, dass Bryan Ferry sauer war, weil Sie mehr Mädchen hatten als er?“

„Ich weiß nicht, ob er das war oder nicht.“ – “Aber … Sie hatten mehr Mädchen?“

„Ja.“

FACED WITH A CHOICE, DO BOTH

Im Feld herkömmlicher Rockmusik veröffentliche Brian Eno in den 70er-Jahren gerade mal vier Platten, deren Namen sich merken muss, wer sich für die Musik dieses Jahrzehnts interessiert: Here Come The Warm Jets (1973), Taking Tiger Mountain (By Strategy) (1974), Another Green World (1975) und Before And After Science (1977). Zu den ergebenen Fans dieser subtilen Meisterwerke gehört auch Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, der seine Er­gebenheit einmal im Deutschlandradio erklärt hat: „Das ist auch Babymusik und trotzdem hochkonzentriert und ernsthaft. Es ist auch kranke Musik. Aber sie hat Schönheit. Es ist eine kranke Märchenmusik, eine kalte Märchenmusik, Schneeköniginnenmusik. Kalter Kitsch.“

Neben Prä-Ramones-Punk, also schroffem Geschrammel ohne Rücksicht auf ästhetische Haltungsnoten, stehen hier tatsächlich Melodien für die Ewigkeit: „The Fat Lady Of Limbourg“ oder „By This River“ gehören zum reinsten und rührendsten Pop, der in dieser Dekade produziert wurde. Metall und Plastik. Mensch und Maschine. Kryptische, aber immer heitere Texte. Die einzige Grenze, die dieser Musik gesetzt war, ist Enos eigene, schutzlose und eben auch recht dünne Jungenstimme.

 

Selbst dieser Aspekt, dieses „Singen ohne Muskel“, ist von Verehrern aufgegriffen worden. Another Green World enthielt flächige Instrumentalpassagen von schillernder Zeitlosigkeit („In The Dark Trees“, „Sombre Reptiles“) – wie Soundtracks für etwas unheimliche, nie gedrehte Filme. Und über Before And After Science schrieb damals ein Kritiker, dies sei das Album, das Pink Floyd hätten machen können, wären sie nicht so sehr damit beschäftigt, Pink Floyd zu sein. Es sollte nicht lange dauern, und die Avantgarde übernahm das Ruder.

DO NOTHING FOR AS LONG AS POSSIBLE

Irgendwann saß Brian Eno auf dem Flughafen Köln-Bonn fest. Ein luftiger, damals sehr moderner Bau. Erlesene Gebrauchsarchitektur, die Eno durchaus zu würdigen wusste. Was er nicht zu würdigen wusste, was ihm nachgerade tierisch auf die Nerven ging, das war die Musik, die dort lief: „Da werden Millionen ausgegeben für Architektur, und dann läuft dort eine Kassette, die irgendwer mitgebracht hat“, würde er sich später erinnern. Wieder zu Hause, schrieb Eno federleichte Gebrauchsmusik, die sich wie luftige Mobiles drehte und so zurückhaltend war, dass sie sich kaum noch wahrnehmen ließ. Die hohe Kunst, knapp am Nichts vorbeizukomponieren, so wie die deutschen Krautrocker von Cluster, mit denen Eno arbeitete. Musik, die keiner Aufmerksamkeit bedarf, Aufmerksamkeit aber belohnt. Klänge, die ein Ambiente bereiten und die Atmosphäre eines Raumes subtil beeinflussen. Diese Musik erschien 1978, und mit dem Titel gab Eno dem neuen Genre auch gleich noch einen Namen: Ambient 1: Music For Airports.

ASK PEOPLE TO WORK AGAINST THEIR BETTER JUDGEMENT

Gleichzeitig widmete sich Eno der Musik anderer Leute. Nicht das verkopfte Experiment, sondern Pop für die Massen. Sein ewiges Vorbild in dieser Hinsicht war nun kein akademischer Neutöner, sondern: Giorgio Moroder. Die perfekte Produktion, schwärmt Eno noch heute, sei dessen Hit „State Of Independence“ mit Donna Summer, dieser „krude, mechanische, fast robotisch-deutsche Rhythmus in Kombination mit der warmen Gospelstimme“. Genesis holten ihn für The Lamb Lies Down On Broadway ins Studio, wo er die gewünschten Keyboardsounds ermöglichte – was als „Enossification“ auf dem Album vermerkt wurde. Zusammen mit David Byrne nahm er 1981 mit „My Life In The Bush Of Ghosts“ das erste Album auf, dessen „ Gesang“ ausschließlich auf Samples beruhte – und bereitete mit afrikanischen Rhythmen wie nebenbei der Weltmusik den Weg. Zusammen mit David Bowie produzierte und schrieb er an Heroes, Low und Lodger, wo sich das Flüssige mit dem Mechanischen, das Menschliche mit dem Technischen kreuzte.

 

Ab 1984 half Eno einer Gruppe bei ihrer Selbstfindung, die das kommende Vierteljahrhundert und alle Stadien dieser Welt dominieren sollte: U2. Interessant die Entscheidung, ausgerechnet Eno für The Unforgettable Fire zu engagieren:

„Ich wusste, dass er kein Fan von uns war“, sagt Bono: „Das war einer der Gründe, warum wir mit ihm arbeiteten. Ich wollte die andere Seite anhören. Ich wusste, was wir richtig machten … ich wollte herausfinden, was nicht richtig war.“ Andere Bands wären auf der Kunsthochschule gewesen, U2 „und sicher auch Coldplay“ dagegen wären „bei Brian Eno“ gewesen.

MAKE A LIST, IGNORE IT

Auch auf The Joshua Tree, Achtung Baby, Zooropa und zwei weiteren U2-Platten verteilte Eno seinen akustischen Feenstaub – und verwandelte, was gut war, endgültig in Gold. Seine offenbar alchimistischen Talente führten dazu, dass Eno – außer bei weiteren Ambient-Exkursionen – in den kommenden zwei Jahrzehnten kaum mehr solo in Erscheinung trat. Es lohnt sich, den Deckel der erstaunlichen Grabbelkiste ein wenig zu lüften, in der sich all die Künstler tummeln, mit denen er in den vergangenen 40 Jahren auf die eine oder andere Weise zusammengearbeitet hat: Coldplay, Talking Heads, Phillip Boa, Roedelius, Paul Simon, Nico, Ultravox, James, Devo, Depeche Mode, Phil Manzanera, Bryan Ferry, INXS, Derek Jarman, Laurie Anderson, Peter Gabriel, Neville Brothers, Belinda Carlisle, Icehouse, John Cale, Sinéad O’Connor, Gavin Bryars, Genesis, Camel, Michael Nyman, Robert Wyatt, Simian, Penguin Cafe Orchestra, Suede, Arto Lindsay, 801 Live, Natalie Imbruglia, Dave Stewart, RJD2, Jarvis Cocker, U.N.K.L.E., Dido, Grace Jones, Can, Daniel Lanois, André Heller, Underworld, The Walkabouts, Marianne Faithfull, Massive Attack und, ach ja, Luciano Pavarotti.

DO SOMETHING BORING

Es gibt ein Stück von Brian Eno, das selbst solche Leute mehrfach täglich hören, für die Musik ein rätselhaftes bis lästiges Tralala ist. Dieses Stück Musik ist so winzig, dass man fast von einem Splitter reden müsste. Oder, wie Eno, von einem „Kristall“. Die Rede ist vom knapp vier Sekunden langen Geräusch, das jedesmal erklingt, wenn auf der Welt jemand einen Computer mit dem „Windows 95“-Betriebssystem von Microsoft startet. Als Vorgabe machte Microsoft eine Liste mit Adjektiven wie „inspirierend, universell, optimistisch, futuristisch, emotional“ und stellte eine einzige Bedingung: Das Stück durfte nicht länger sein als vier Sekunden.

 

Eno tauchte ab in die mikromusikalische Welt winzigster Klangskulpturen, die, kaum erklungen, auch schon wieder verklingen mussten. Am Ende lieferte er 84 solcher Miniaturen ab, Microsoft entschied sich für eine einzige – und entlohnte Eno seine Arbeit mit umgerechnet 35 000 Euro. Als er anschließend wieder zu regulären Songs von drei Minuten Länge zurückkehrte, habe sich das angefühlt wie ein „Ozean aus Zeit“.

LOOK AT A VERY SMALL OBJECT, LOOK AT ITS CENTRE

Wäre das Leben ein Comic, Brian Eno wäre ein Superheld namens „ Professor Pop“. Dabei kann man’s halten wie David Enthoven, seinerzeit Manager von Roxy Music, der sich eher abfällig äußerte: „ Eno ist der beste Gebrauchtwagenhändler, dem ich je begegnet bin. Er kann dir alles verkaufen.“ Man kann es aber auch halten wie die akademische Welt, die Eno zu Füßen liegt. Der Mann ist Gastprofessor am Royal College Of Art in London, Ehrendoktor für Technologie an der Universität von Plymouth und Honorarprofessor an der Hochschule der Künste in Berlin. Über seine intellektuellen Ansätze ist allerhand geschrieben worden, unter anderem vom Medienphilosphen Friedrich Kittler, der Enos Leben und Werk knapp so beschrieb: „Alles, was erklingt, ist programmierbar. Und wir anderen können nur sagen, wir sind dabei gewesen.“

IS THERE SOMETHING MISSING?

Was die Faszination von Brian Eno als Musiker ausmacht, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Warum er aber ein so inspirierender Lehrer ist, das hat der U2-Produzent Daniel Lanois auf seinem Album Here Is What Is festgehalten. Zwischen zwei Songs bittet Lanois seinen Freund Eno um Rat bei einem Filmprojekt über Kunst. Eno denkt kaum nach und sagt dann etwas, was als Zusammenfassung seiner Philosophie verstanden werden kann: „Was wirklich interessant sein könnte für die Leute: zu sehen, wie schöne Dinge aus Scheiße erwachsen. Kein Mensch glaubt das. Weißt du, jeder denkt, dass Beethoven seine Streichquartette komplett im Kopf hatte. Dass sie irgendwie aufgetaucht und in seinem Kopf Form angenommen hätten, sodass er sie nur noch niederschreiben musste, damit sie in der Welt waren. Aber ich glaube, was … was so interessant ist und wirklich eine Lektion wäre, die jeder lernen sollte, ist, dass die Dinge aus dem Nichts hervortreten. Die Dinge entwickeln sich aus nichts. Weißt du, das … aus dem kleinsten Samenkorn kann in der richtigen Umgebung der allerschönste Wald entstehen, und der vielversprechendste Samen wird in der falschen Situation zu – nichts. Es ist wichtig, dass die Leute das verstehen, denn es wird ihnen Vertrauen in ihr eigenes Leben geben, wenn sie wissen, wie die Dinge laufen. Wenn du mit dem Glauben rumläufst, manche Leute seien so talentiert und hätten diese wundervollen Ideen im Kopf, aber du bist keiner von ihnen, nur ein normaler Mensch, der so was nie tun könnte, dann lebst du ein anderes Leben, weißt du? Du … du könntest ein anderes Leben leben, indem du dir … indem du dir sagst: Ich weiß, dass Dinge aus dem Nichts kommen und also keinen vielversprechenden Anfang haben, ich bin ein solcher wenig vielversprechender Anfang. Also könnte auch ich mit meinem Leben etwas anfangen.“


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