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Wie Courtney Love mit Hole den Neunzigern ihren Stempel aufdrückte

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Im August 2019 heiratete Ilgen-Nur Borali sich selbst. In einer Performance auf dem Berliner Festival Pop-Kultur stand die Sängerin in einem Baiser-artigen Brautkleid auf der Bühne, die mit einem Herz aus Rosen dekoriert war, und sang die liebsten Leidenslieder ihrer Jugend. „Live Through This“ hieß ihr Programm. Allein mit ihrer Gitarre spielte sie Songs der kalifornischen Band Hole, sonst nichts, und nahm ihr Publikum mit auf den Weg zur Katharsis.

Zwischen Boralis Auftritt in Berlin und der Veröffentlichung von LIVE TROUGH THIS, dem zweiten Album von Hole, liegen 25 Jahre. Es ist eine schöne, seltsame Volte der Popgeschichte, dass Borali für ihre Feier der Selbstliebe und Zartheit die Lieder einer Künstlerin wählte, die nie sanft war – weil sie nicht sanft sein konnte, nicht sanft sein durfte. Courtney Love, Herz und schwarze Lunge der Band Hole, ist vielmehr immer die Härte gewesen. Eine Hippietochter mit der Aura einer streetcredibilen Kneipenschlägerin, die zu viel vom Leben gesehen hat, um uns dumm sterben zu lassen, aber auch, um selbst glücklich zu werden. Sie ist verschrien als Exhibitionistin, Bitch und manipulative Nervensäge, als Antiheldin, die selbst der Generation X zu antiheldisch war. Zu derangiert, um ein glossy Popstar zu sein. Zu launisch, um als politisches Vorbild zu taugen. Zu sehr kein Mann, um als das geehrt zu werden, was sie ist: eine Musikerin, die Sound und Ästhetik der Neunziger ihren Stempel aufgedrückt hat.

Die Geschichte ihrer Band Hole beginnt als Abgesang auf die Freiheitsträume der 68er. Courtney Michelle Harrison wurde 1964 in San Francisco als Tochter der Familientherapeutin Linda Carroll geboren. Loves leiblicher Vater Hank Harrison, Manager der Band Grateful Dead, verlor das Sorgerecht für sie, nachdem seine Frau ihn beschuldigt hatte, seiner Tochter LSD verabreicht zu haben. Auf Harrison folgten zwei Stiefväter für Love und acht Umzüge, unter anderem in eine Landkommune in Oregon und nach Neuseeland. Als Love neun Jahre alt war, diagnostizierte ein Therapeut bei ihr Anzeichen für Autismus.

In einem Interview zu ihrem Memoir „Her Mother’s Daughter“ erzählte Loves Mutter, ihre Tochter neige dazu, ein schlichtes Nein als „Ich liebe dich nicht“ zu lesen. Verbote und Grenzen verstand Courtney Michelle, die später den Namen Love annahm, als persönlichen Affront. Während sie selbst Probleme hatte, Anschluss zu finden, stand ihr Elternhaus offen für die Freunde ihrer Mutter, die im Rausch ihrer Gestalttherapie nackt durchs Haus rannten. Nachdem sie als Teenager beim Klauen erwischt wurde, schickte die Mutter sie in eine Besserungsanstalt. Weil Love, mittlerweile volljährig, in Freiheit weder Drogen verkaufen noch Autos knacken wollte, um sich ihr Nomadenleben zwischen Dublin und Taiwan, zwischen Philosophie-Studium und Gay Bar zu finanzieren, begann sie zu strippen. Bis heute ist Love eine Bildungsbürgerin im Neonlicht der Halbwelt: Der Bandname Hole, erklärte sie, basiere auf einem Zitat aus Euripides’ „Medea“. Und die Vagina-Referenz – die möge halt sehen, wer will.

Zurück in San Francisco sang Love kurz bei Faith No More, bevor sie in Portland 1985 ihre erste eigene Band gründete. Sugar Babydoll, die sich später in Pagan Babies umbenannten, waren eine Grunge-Supergroup avant la lettre, obwohl Love zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen harten Rock mochte: Neben Love spielten in der Gruppe Kat Bjelland, später Sängerin von Babes in Toyland, und Jennifer Finch von L7 – und sie spielten einen hübschen Kompromiss aus dem Sound der Cocteau Twins und jenem der Bangles. 1989 schickte Love schließlich eine Annonce an ein Fanzine in Los Angeles: „Ich will eine Band gründen. Meine Einflüsse sind Big Black, Sonic Youth und Fleetwood Mac.“ Eric Erlandson, der damals bei einer Plattenfirma in Los Angeles arbeitete, meldete sich. „Wir trafen uns in einem Café, ich sah sie und dachte: ,Oh Gott. Oh nein. Wo gerate ich denn hier hinein?‘“, erzählte Erlandson später. Aber er blieb.

Love und Erlandson waren der Nukleus von Hole – und kurzzeitig ein Paar. Mit ihm, Jill Emery und Caroline Rue, die Hole nach dem Debüt wieder verlassen würden, nahm Love eine Handvoll Demosingles auf, die ihre Superkraft deutlich werden ließen: Wenn Courtney Love schreit, bündelt sie mehr als die Kraft aus zwei Lungenflügeln. Es ist eine reinigende Urgewalt, die sich Bahn bricht, wenn Verletzung und Scham zu blanker Wut mutieren.

Hole hatten den richtigen Sound zur richtigen Zeit. „Here we are now, entertain us“, sangen Nirvana, aber Love war entertaining für zehn, dazu so geschäftstüchtig wie kompromisslos. Ein Angebot von Madonnas Label Maverick schlug Love mit der Begründung aus, Madonna sei so interessiert an Hole wie Dracula an seinem nächsten Opfer. Holes Debüt PRETTY ON THE INSIDE (1991), produziert von Kim Gordon von Sonic Youth, wurde ein Biest von einem Album. Zäh wie Sirup, schwer wie Blei und laut wie das, was drüben im dunklen New York der 80er mal „No Wave“ genannt wurde. Und es begann mit einem Urschrei: „When! I! Was! A! Teenage! Whore! My mother asked me, she said, ,Baby, what for?‘“, kreischte Love wie ein Raubtier im Käfig.

Mit dem Song „Teenage Whore“ nahm sie ihre großen Themen vorweg: schlimme Tochter sein, sexuell frei sein – schuldig sein. Immer wieder kehrt Love zurück zur Erzählung der Sünderin, die von Jugendtagen an Moral und Körper verkaufen musste, um in der verkommenen Gesellschaft zu überleben. Passend dazu kleidete sich Love wie eine Lolita mit Drogenproblem. Sie trug kurze Kleider mit Bubikragen zu zerrissenen Strumpfhosen. Den roten Lippenstift malte sie so dick auf, bis sie aussah, als hätte sie eine blutende Wunde im Gesicht. „Kinderhuren-Look“ nannte die Presse diesen Stil zwischen kaputtem Stoffpüppchen und „Angriff der 20-Meter-Frau“ halb entsetzt, halb angegeilt.

Love war ein Faszinosum, bald aber auch ein Ärgernis. Nicht nur, dass sie Madonna düpiert und für Hole einen besseren Plattenvertrag als die männliche Grunge-Konkurrenz ausgehandelt hatte – sie datete bald auch noch den größten Rockstar der Welt: 1991 begann Love eine Beziehung mit Kurt Cobain. Die Geschichte ist bekannt: Zwei suchtaffine Scheidungskinder wurden zu einem Paar, das in der öffentlichen Wahrnehmung – je nach Parteinahme – als Reenactment von John und Yoko oder Sid und Nancy durchging, heirateten auf Hawaii und bekamen ein Kind. Um ihr zweites Album LIVE THROUGH THIS aufzunehmen, pendelten Hole, zu denen mittlerweile die Schlagzeugerin Patty Schemel und die Bassistin Kristen Pfaff gestoßen waren, zwischen Los Angeles und Seattle. Dort geschah die Katastrophe: Am 5. April 1994, eine Woche vor Veröffentlichung von LIVE THROUGH THIS, erschoss sich Kurt Cobain in seiner Garage.

Die Journalistin Lynn Hirschberg hatte schon 1992 ein Porträt des Paares im Magazin „Vanity Fair“ veröffentlicht, in dem anonyme Zitatgeber Love als Intrigantin beschrieben. Cobains Suizid besiegelte das Urteil über seine Frau. Love galt nun als schwarze Witwe, die dem trauernden Fan beim Verlesen des Abschiedsbriefs zurief, Cobain sei ein Arschloch gewesen – und trotzdem von seinem Genie profitierte. Seit der Veröffentlichung von LIVE THROUGH THIS halten sich Gerüchte, Cobain habe nicht nur aus Promo-Gründen sterben müssen, sondern sei auch Urheber der besten Songs von Hole. Die Trauernde wurde zum Boxsack für verzweifelte Fans und Freunde.

Courtney Love und Kurt Cobain mit ihrer gemeinsamen Tochter Frances Bean Cobain.

Man würde ihre Geschichte gern als Martyrium einer unangepassten Frau erzählen, deren Courage die Welt nicht gewachsen ist. Aber Love ist nicht nur Opfer. Sie wollte Freiheit und Gleichberechtigung, aber eben auch immer ein Star, die Größte, Allermeiste sein: das „girl with the most cake“, „the one with the most soul / one above and one below“.

In ihrem Kampf um Anerkennung und gegen ihre Drogensucht hat die Frau, um die sich so viele Mythen ranken, wirklich hässliche Dinge getan. Loves Tochter Frances Bean erzählte mal, dass ihre Mutter sich vor ihr vom Balkon stürzen wollte. Immer wieder redeten die beiden nicht miteinander. Auch Loves Fehden sind legendär. Ihr früheres Idol Kim Gordon fiel wegen deren Freundschaft zu Kurt Cobain in Ungnade, die Ex-Bandkolleginnen Jennifer Finch und Kat Bjelland beschuldigte sie, Ideen von ihr geklaut zu haben. Love beleidigte Pearl Jam („Karrieristen, die mit Models ausgehen“) und boxte Kathleen Hanna von Bikini Kill auf dem Lollapalooza-Festival ins Gesicht. Während Hannas Band Bikini Kill die Botschaft der Verschwesterung um die Welt schickte, witterte Love überall Feinde.

Genauso löwinnenhaft wie die eigene Lebensleistung verteidigte Love aber als Bandleaderin ihre Außenseiter-Runde gegen die Grausamkeiten des Mainstreams. „Courtney war eine Gewalt, die es nicht zuließ, dass eine von uns von oben herab behandelt wurde – egal, wo wir waren“, schrieb Patty Schemel in ihrer Autobiografie „Hit So Hard“. „Darin war sie gut. Ich habe mich in der Band sicher dabei gefühlt, mein Coming-out als lesbische Frau zu haben.“

Obwohl LIVE THROUGH THIS mit seinen immer noch wuchtigen, aber Pop-orientierten Songs zwischen Selbstzerstörung, -entblößung und -ermächtigung ein großer Erfolg wurde, verlief das Jahr 1994 traumatisch für Hole. Zwei Monate nach Kurt Cobains Tod starb die Bassistin Kristen Pfaff an einer Überdosis Heroin. Love sagte später über ihre umnachteten Auftritte Mitte der 90er, sie sei so high gewesen, dass sie sich heute schäme. In einem Interview mit dem „Rolling Stone“ schilderte Erlandson 1995, wie er Love im Urlaub in den Nachrichten sah und plötzlich Angst bekam, sie könnte tot sein, wenn er zurückkommt. Ihr Zustand wurde immer besorgniserregender – bis sie etwas tat, was niemand mehr von ihr erwartet hätte: Sie kriegte ihr Leben auf die Reihe. Wurde clean. Spielte in Miloš Formans Film „Larry Flint A– Die nackte Wahrheit“ so überzeugend die Frau des „Hustler“- Gründers Flint, dass sich Hollywood vor ihr verneigte.

Aber selbst als Hole Ende der Neunziger mit CELEBRITY SKIN – nun mit Melissa Auf der Maur am Bass – ein Album aufnahmen, das nach Heavy Rotation auf MTV verlangte, blieben sie Außenseiter. Seit dem Debüt hatte man Hole unter „Foxcore“ verbucht, wie man damals Punk- und Hardcore-informierte Bands in weiblicher Besetzung nannte. Doch wirklich richtig standen Hole in Gesellschaft von Bands wie Veruca Salt oder 7 Year Bitch nicht. Elizabeth Wurtzel, Autorin des Generation-X-Standardwerks „Prozac Nation“, schreibt, Love habe mehr mit Joni Mitchell als mit L7 gemein, weil sie Themen wie Beziehungen, Drogen, Abtreibungen und Schmerz – das ganze Leid „gefallener Frauen“ – mit einer Direktheit besinge, die gleichzeitig voyeuristischen Thrill und Katharsis biete. Hole waren keine Sloganschreiber, und erst recht nicht waren sie Teil der Riot-Grrrl-Bewegung, die Anfang der 90er von Olympia aus in die Welt schwappte. Im Song „Rock Star“ ätzte Love gegen die Girls, die zur „Schule in Olympia“ gegangen seien. In einem Interview erzählte Love 2005, sie werde es immer vorziehen, mit Frauen zu spielen und mit Frauen abzuhängen, und sie werde immer Feministin sein – „aber lass mich dir eins sagen: Gloria Steinem hat mir nie aus der Patsche geholfen, Larry Flint schon.“

Zum feministischen Underground der 90er verhielt sich Love wie eine Freundin, die man lieber nicht zum Judith-Butler-Lesekreis einlädt, weil man nie weiß, ob sie etwas begnadet Schlaues sagen, betrunken aufkreuzen oder die anderen Frauen als Fotzen beschimpfen würde. Die Autorin Anna Feigenbaum schreibt, Courtney Love trage ihr Stigma als „schlechte Mutter“ nicht nur, weil sie angeblich ihr Kind vernachlässigt habe – sondern auch, weil sie ihre „Grrrls“ im Regen habe stehen lassen. Doch mit deren Gegenspielern, den Schönen und Reichen aus L. A., konnte sie nicht viel besser. Obwohl Love mal gesagt hat, die A-Liga-Stars seien netter zu ihr als die Rocker, blieb sie auf dem roten Teppich immer ein Misfit: Die Tatsache, dass Hollywood und Freiheitsdrang nicht zusammenpassen, ist die Krux ihres Künstlerinnenlebens. In ihren Songs brüllte sie gegen die Objektifizierung von Frauen an, wollte aber zugleich schillernde Oberfläche sein.

Auf Loves Ausflug in den Star-Olymp folgte ein neuer Absturz. Hole trennten sich 2002, Love veröffentlichte zwei Jahre später – wie auch Melissa Auf der Maur – ein Soloalbum. Seitdem kennen viele die Frau, die zwischen 1991 und 2010 drei Millionen Platten in den USA verkauft hat, als Dave Grohls Antipodin im Kampf um das Erbe von Nirvana, als Schreckschraube aus der Yellow Press, Schauspielerin aus der Serie „Sons Of Anarchy“ – oder als Rockstar-Witz, über den Love zuallererst selbst lachen würde. 2010 verärgerte Love ihre ehemaligen Bandkolleg*innen, indem sie ein neues Hole-Album in völlig neuer Besetzung veröffentlichte. Man hat Love auch das verziehen: Seit Jahren geistern Comeback-Gerüchte durch die Welt, ein Auftritt von Love und Auf der Maur wurde kürzlich Corona-bedingt verschoben.

Courtney Love hat mal gesagt, es pisse sie an, dass ihre Fans auf ewig lieber LIVE THROUGH THIS als ihre neuen Songs hören wollen. Man kann nur spekulieren, wie Love es fände, dass Ilgen-Nur Borali, die als junge, queere woman of color in der süddeutschen Provinz andere Probleme hatte als sie, ihre alten Songs covert. Vielleicht würde sie keifen und lästern. Und vielleicht wäre sie stolz auf ihre Schwester im Geiste, die sanfte Kämpferin im Marshmallowkleid.

Dieses Interview erschien zuerst im ME 11/20

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Lindsay Brice
Terry McGinnis WireImage

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