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Mein Leben mit… „Sex and the City“

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Fast jede Liebe geht vorbei. Mit etwas Glück bleibt eine Freundschaft übrig, mit weniger Glück immerhin das Gefühl, dass die Zeit nicht vergeudet war. Wenn es schlimm kommt, weiß eine/r bald nach der Trennung gar nicht mehr, was er oder sie überhaupt mal am Anderen fand. So katastrophal ist meine derzeitige Beziehung zu „Sex And The City“ nicht, aber sie ist mit der Zeit doch dramatisch abgekühlt.

Dabei fing 1998 alles so schön an. Im Vorspann thronte noch das World Trade Center über der Stadt, Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) lebte ein beneidenswert unbekümmertes Leben, sie liebte Schuhe und steile Klamotten, sie war nebenbei Kolumnistin und scharfe Beobachterin ihrer Mitmenschen. Lange vor Kevin Spacey in „House Of Cards“ wurde hier die vierte Wand durchbrochen: Carrie blickte ständig in die Kamera und klärte die Zuschauerinnen über die verheerenden Zustände im New Yorker Liebeszirkus auf. Das Konzept wurde allerdings bald zugunsten einer klassischen Komödienerzählung fallengelassen; von Candace Bushnells Romanvorlage entfernte sich Darren „90210“ Stars Serie auch immer mehr.

Trotzdem blieben ihr viele über Jahre treu. Carries Gedanken, vor allem aber die Gespräche mit ihren drei besten Freundinnen waren das Faszinierende an „Sex And The City“: In keiner Sitcom war je so offen über Analverkehr und Cunnilingus, Chlamydien und Vibratoren geredet worden. Dass sich wahrscheinlich nur ein Prozent aller Frauen tatsächlich so mit Freundinnen austauscht: geschenkt. Die Unterhaltungen waren skurril, die Kulissen schick, die Situationskomik funktionierte.

Samantha Jones (Kim Cattrall) und Miranda Hobbes (Cynthia Nixon)
Samantha Jones (Kim Cattrall) und Charlotte York (Kristin Davis)

Wer den allzu realistischen Arbeiter-Alltag vom „King Of Queens“ nicht ertrug und fand, dass Paul Reiser und Helen Hunt es sich in „Verrückt nach Dir“ zu gemütlich machten, der bekam bei „Sex And The City“ das New York präsentiert, von dem alle träumen – und dazu gleich die beruhigende Erkenntnis, dass es hier auch keinem besser geht als in Neu Wulmstorf. Das Frauen-Quartett war dabei ähnlich geschickt gecastet wie eine Girlgroup: für fast jeden etwas dabei. Die spießige Galeristin Charlotte York (Kristin Davis) hält sich für eine Romantikerin, legt aber vor allem Wert auf gutes Aussehen, Manieren und Geld, bis sie einen glatzköpfigen Schlamperich kennenlernt, in den sie sich tatsächlich verliebt. Ihr Gegenpol ist die freizügige PR-Frau Samantha Jones (Kim Cattrall), das Sexmonster der Serie, was anfangs lustig und bald nervig ist, aber sogar sie findet schließlich die Liebe, nachdem sie der Krebs offensichtlich gelehrt hat, dass es Wichtigeres als Vögeln gibt. Frauen, die etwas auf sich hielten, identifizierten sich mit der realistischen Anwältin Miranda Hobbes (Cynthia Nixon), zumindest solange bis sie ein Kind bekommt, nach Brooklyn zieht und sich nicht mehr gegen die Kleinbürgerlichkeit wehren kann.

Carrie stellt die wichtigen Fragen:

Ist Macht attraktiv? Stört ein kleiner Penis?

Carrie, die Frau im Mittelpunkt, sitzt meistens auf ihrem Bett und tippt rauchend ihre wöchentliche Kolumne in ein Notebook. Klar, dass so eine entspannte Arbeit sicher keine Wohnung in Manhattan finanziert, auch all die Cosmopolitans und Manolo Blahniks nicht. Das ist aber egal, denn so unrealistisch Carries Leben scheint, so realistisch sind ihre Überlegungen – zumindest für New Yorker Verhältnisse. Sie behandelt die wichtigen Fragen, die sich Frauen mit Anfang 30 stellen, wenn sie keine echten Sorgen haben: Können Frauen unemotionalen Sex haben wie Männer? Warum stehen Männer auf Magermodels? Gibt es einen Kalten Krieg zwischen Verheirateten und Singles? Ist Macht wirklich attraktiv? Und ein kleiner Penis störend?

Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) und Miranda Hobbes (Cynthia Nixon)
Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) und Miranda Hobbes (Cynthia Nixon)

Schon in der ersten Folge taucht der Mann auf, um den sich Carries Leben von nun an drehen wird, während sie ständig betont, dass ihre Freundinnen das Wichtigste sind. Auf dem Rücksitz seiner Limousine erzählt sie Mr. Big (natürlich gutaussehend und reich): „Ich bin so eine Art Sexual-Anthropologin.“ Worauf er sagt: „Sie meinen, so ähnlich wie eine Nutte?“ Das Geflirte nimmt ein jähes Ende, als er Carrie unterstellt, sie sei noch nie richtig verliebt gewesen. In der deutschen Übersetzung antwortet er auf ihre Frage, ob er denn je verliebt gewesen sei: „Verdammte Scheiße, aber ja!“ Im Original sagt er ein Wort, das seitdem Alltagssprache geworden ist: „Abso-fucking-lutely!“ Die anderen Männer sind nette Statisten wie der schwule Stanford (gespielt vom wunderbaren Willie Garson), der nette Skipper, der unsichere Steve. Auch die Typen, die Carrie später ins Auge fasst, weil Mr. Big sich als vorübergehend beziehungsunfähig erweist, sind Schwächlinge, die entweder zu devot oder zu bestimmend sind, aber Carrie gelingt es ja genausowenig, sich richtig auf einen anderen einzulassen – der Sex ist nicht das Problem, sondern die Liebe.

Am Ende, nach sechs Staffeln und 94 Folgen, bestätigte „Sex And The City“ dann genau das Klischee, gegen das die Serie angetreten war: Glücklich kann eine Frau nur an der Seite eines Mannes werden. Auf die Freiheit, die sie jahrelang propagiert hatten, verzichten sie für ein Happy-End alle gern. Und damit war nicht einmal für immer Schluss. Vier Jahre später kam 2008 der erste Film ins Kino, eine romantische Komödie mit ein paar netten Spitzen. Die Fortsetzung 2010 begrub endgültig alle Hoffnungen: Aus „Sex And The City“ war eine hohle Kostümschau mit Billig-Provokationen und witzlosem Geplänkel geworden. Drehbuchschreiber Michael Patrick King dachte sich einige Jahre später „2 Broke Girls“ aus, eine putzige Sitcom über zwei Freundinnen in Williamsburg mit wenig Glamour, aber sehr viel Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein – zwei kleine Carries im Kellnerinnen-Outfit. Dass sie Vibratoren, Geschlechtskrankheiten und keine Scham haben, ist heute längst selbstverständlich.

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