Highlight: Die 50 besten Alben des Jahres 2016

Reportage

Mit Golf beim Reeperbahn Festival 2016: „’Ruf‘ mich auf mei’m iPhone an‘ – das ist doch doof“

Golf schwelgen in Erinnerung. André (Gesang, Gitarre), Wolfgang (Keyboard, Gitarre, Gesang), Nils (Bass) und Jonathan (Drums) sitzen in der Superbude, einem In-Hotel im Hamburger Schanzenviertel. Heute Abend werden sie im Rahmen des Reeperbahn Festival im Terrace Hill, einem Club im ehemaligen Luftschutzbunker St. Pauli, spielen. Doch zuerst erzählen sie von der Zeit, als sie sich noch eisbær nannten.

Damals machten die vier aus Essen stammenden Freunde noch hibbeligen, Foals-infizierten Indie-Rock. Definitiv eine Zeit, die sie nicht missen wollen. „Wir haben letztens nach einem Festivalauftritt im Auto die ‚Wasser‘-EP von eisbær gehört – und das war wirklich geil. Die Songs sind damals alle im Proberaum entstanden. Der war im Keller und alle zwei Stunden kam der Nachbar herunter, um uns anzukacken“, erinnert sich André und setzt ins kindische Kichern der Bandkollegen ein.

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eisbær, so reflektieren die jungen Männer, sei ihre erste Band gewesen, die Gruppe, mit der man alles ausprobiert und aus den Fehlern lernt, „eine Art Trainingscamp für Golf“, versucht André es in Worte zu verpacken. Dass aus diesen vier Ruhrpottblagen eine der größten deutschsprachigen Musikhoffnungen werden könnte, konnten Beobachter schon in eisbær erkennen. Einer der Songs aus dieser Ära, „Wasser“ hat es auch auf PLAYA HOLZ, dem Debütalbum von Golf, geschafft. Aus dem Zappelphilipp-Track ist ein smoother Dancefloorfiller voller pluckernder Samples geworden. Er steht sinnbildlich für die Entwicklung, weg von eisbær, hin zu Golf.

Das Quartett spürte, dass eisbærs Sound nicht mehr repräsentativ für ihre musikalische Identität stand. Diese jedoch zu entpuppen, dazu benötigte es auch Tom Hessler. Der Sänger der verschollenen Indie-Band Fotos produzierte mit Golf PLAYA HOLZ und half den Jungs ihre Ideen im Studio zu artikulieren. „Er hat uns durch seine Erfahrung, die er mit der Aufnahme seiner sehr guten Alben gesammelt hat, weitergeholfen“, sagt Wolfgang und André unterstreicht Hesslers Position während des Aufnahmeprozesses zu PLAYA HOLZ: „Wir haben uns an einem Zeitpunkt mit Tom getroffen, an dem wir alle Bock hatten, in diese eine Richtung zu gehen. Bei einem Song hat er uns gesagt, dass er neidisch sei, dass er das gerade für uns macht, obwohl das auch voll sein Ding wäre.“ Dieses Ding, so nennt es André, sei „die Vision einer tanzbaren, deutschen, clean klingenden Band, was es meiner Meinung nach so noch nicht gab.“

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Tatsächlich trifft Andrés Erklärung der Golf-Vision die wichtigsten Eckdaten der Band. Songs wie „Macaulay Culkin“ sind tanzbar, mit ihren zeitlosen, oftmals ins angenehm cheesiege abgleitenden Synthie-Garnituren entrückend clean und vor allem wahnsinnig schwer zu fassen. Natürlich machen Golf Pop, aber sie sind eine Band, die Musikjournalisten die Schubladen, die sie öffnen müssen, um die Band zu kategorisieren, nicht gerade vorgibt. Golfpop wäre der treffendste Begriff für diese Pastiche aus Einflüssen und Sample-Irrsinn.

Golf sind eine Kölner Band aus dem Ruhrpott

Die Stimmung ist gelassen, die Jungs fühlen sich wohl, was man bemerkt, da sie minütlich tiefer in ihren Ruhrpott-Slang abrutschen. Diese so nach „Digital Boheme“ ausssehenden Typen könnten mit ihrem Zungenschlag auch im nächsten Film mit Ralf Richter eine Nebenrolle bekleiden.

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Trotz der hörbaren Verankerung im Ruhrgebiet findet das Bandleben von Golf vorrangig in Köln statt. Angesprochen auf all die guten, jungen Bands aus der Domstadt, reagieren Golf ähnlich wie einige Tage zuvor bereits die ebenfalls in der Rheinmetropole ansässigen Woman: „Das ist ziemlich vorteilhaft, wenn immer wieder erwähnt wird, dass Köln die Stadt ist, in der zur Zeit so viel passiert. Das ist einfach gut für Kölner Bands“, sagt Wolfgang und André sieht die Sache von einer ganz neuen Perspektive: „Ich mag Köln auch einfach sehr gerne als Label. Würden wir aus Berlin oder Hamburg kommen, hätte ich mit dieser Vereinnahmung schon größere Probleme.“

„Würde mich interessieren, was Woman dazu gesagt haben“, hakt Wolfgang nach und ich erzähle: „Woman finden es völlig okay, dass es diesen Begriff „New Sound Of Cologne“ gibt. Sie hoffen, dass in 20-30 Jahren noch über diesen Begriff gesprochen wird.“  „Oah, das wäre natürlich krass“, platzt es aus André heraus, „wenn wir da sitzen würden und alle erzählen: „It’s crazy how much talent there was in Cologne.“

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Der Unterschied zwischen Womans und Golfs Ambitionen liegt in einem Detail: Mit ihren deutschen Texten beeinträchtigen sich Golf in der Möglichkeit international durchzustarten viel mehr als ihre Kölner Buddies Coma, Roosevelt oder eben auch Woman. André grübelt: „Natürlich; das tut schon weh mit den deutschen Texten, weil wir unsere Musik lieben und es oftmals einfacher wäre, einen englischen Text drüber zu setzen. Gerade die Art der Musik, die wir spielen, würde super mit englischen Texten funktionieren.“

Drummer Jonathan meldet sich zu Wort und erzählt von einem Phänomen, das sicher viele Menschen ereilt: „Mir fällt immer wieder auf, dass, wenn ich Musik mit englischen Texten höre, ich den Gesang als weiteres Instrument wahrnehme und nicht so sehr auf die Wörter achte.“ Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion darüber, warum wir Englisch als „chilliger zu hören“ erachten und ob Engländer sich eigentlich vor ihrer Sprache ekeln. Dieses urdeutsche Ding, von seiner Sprache angewidert zu sein, ist ein Segen für Texter André: „ Gerade weil die Sprache so belastet ist, kann man superinteressante Sachen mit ihr anstellen. „Ruf mich auf mei’m iPhone an“ – das ist doch doof. Das muss man einfach mal so sagen. Aber das war der PLAYA HOLZ-Gedanke. Diese Gratwanderung zwischen Playa, geiler Mucke machen zu wollen, und dann mit diesem Holz umgehen zu müssen, was so deutsch ist.“

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Bedächtiges Nicken in der Runde. André hat den perfekten Schlusspunkt für das Gespräch geliefert, unsere Wege trennen sich vorerst, die Band zieht sich in ihre Zimmer zurück.

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Max Hartmann
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