Festival-Reportage

Mit den Parcels auf Festivaltour: „Mittelmaß ist das Schlimmste, was dir passieren kann“


Innerhalb weniger als neun Stunden aus Lissabon über Berlin nach Hamburg. Aus iberischem Sonnenschein ins Hamburger Schietwetter. Kein Wunder, dass wir in geräderte Gesichter blicken, als wir die Parcels nach ihrem Soundcheck kennenlernen. Jules Crommelin (Gitarre), Patrick Hetherington (Keyboards), Noah Hill (Bass), Louie Swain (Keyboards) und Anatole Serret (Schlagzeug) liegen, lehnen, sitzen über zwei Zimmer verteilt in den Backstageräumen des Hamburger MS Dockville Festivals, das sie am heutigen Freitagabend auf dem Vorschot, der zweitgrößten Bühne der Veranstaltung, als Headliner bespielen werden.

Die fünf Australier haben einen steilen Aufstieg hingelegt. 2014 verließen sie ihre Heimat Richtung Berlin – eine vollkommen beliebige Wahl, wie die Band auch an diesem Tag beim Dockville betonen wird –, um es in Europa als Musiker zu schaffen. Die ersten Monate schlagen sich die frisch von der Schule verabschiedeten Freunde mit Gelegenheitsjobs durch, schlafen zeitweise zu dritt im selben Bett, nehmen ihre Demos über das Mikro eines klapprigen Laptops auf. Durch Freunde von Freunden lernen sie ihren heutigen Manager kennen, der ihnen 2015 auch eine ihrer ersten Festivalshows organisiert – beim MS Dockville. Vier Jahre später reisen sie nicht mehr zu sechst und mit dem Omnibus an, sondern stilecht mit Nightliner und einer gut zehnköpfigen Live-Crew. Nach Freude über diese triumphale Rückkehr zu den Anfängen sucht man jedoch noch vergeblich in den müden Augen.

Bassist Noah schnappt sich ein Wasser, lässt sich wie ein nasser Sack auf einen Stuhl fallen und sagt: „Wenn Festivals dein Job sind, verlieren sie ein Stück weit ihren Reiz. Du denkst dir nicht mehr, ‘Wow, eine weitere Bühne mit neuen Künstlern zu entdecken.‘ Du versuchst dich einfach so wenig wie möglich zu stressen vor der Show.“ Völlig abgestumpft sei er vom ständigen Touren jedoch auch (noch) nicht. Er nutze besonders Festivals immer noch dazu, seine imaginäre Must-See-Liste abzuarbeiten. „Die Arctic Monkeys sind so eine Band. Ich habe sie in Chile gesehen und es war die beste Show, die ich seit Jahren gesehen habe. Sie sind einfach eine richtige Band – und musikalisch besser als jede, die mit Backingtracks und dem ganzen Scheiß auftritt. Es war so inspirierend. Sie haben mir wirklich das Gefühl gegeben, eines Tages auch ein Major-Festival headlinen zu können.“

Milla Jovovich und Daft Punk sind bekennende Parcels-Fans

Was für Noah die Band um Alex Turner ist, sind für Keyboarder Pat Tame Impala. Sie geben ihm den Glauben, erzählt er später am Nachmittag im Tourbus, dass man es mit Gitarren noch zu internationalem Ruhm schaffen kann. „Aber ich sehe keine Band, die ihnen auf diesem Weg folgen könnte“, merkt Pat an. Dass es vielleicht gerade seine Band, die Parcels, ist, die auf dem Weg zur weltweiten Ikone ist – diese Annahme winkt er mit einem verhuschten Lächeln weg.

Dabei ist sie gar nicht so abwegig. Mit nur einem Album, ihrem selbstbetitelten Debüt, haben die Parcels bereits das Londoner Roundhouse (Kapazität: 3000 Besucher), das Pariser Olympia (3000 Besucher) und die Berliner Columbiahalle (3500 Besucher) teils Wochen im Voraus vollgemacht. Sie sind gern gesehene Besucher auf Renommee-Festivals wie dem Coachella und dem Glastonbury, Promis wie Schauspielerin Milla Jovovich und die French-House-Legenden Daft Punk zählen zu ihren Fans. Drummer Anatole amüsiert der Erfolg seiner Band eher, als dass er ihn einschüchtern würde. Er zückt sein Handy, öffnet Instagram und zeigt uns ein Foto:

Anatole: „Kennst du den Typen?“

Musikexpress: „Klar, das ist der Typ, der Steve Harrington in ‚Stranger Things‘ spielt (Joe Keery, Anm.).“

Anatole: „Ja, ist mir auch erst aufgefallen, als ich mir endlich mal eine Folge angeguckt habe… Naja, schau mal, wie obsessed er mit uns ist: Er reagiert auf jedes einzelne Posting, auf jede einzelne Story, die wir teilen.“

„Ich vermisse Australien nicht wirklich“ – Anatole Serret (Parcels)

Anatole schaut noch einmal etwas verwirrt auf den Bildschirm, kichert, schüttelt mit dem Kopf und steckt das Handy weg. Wo andere solche prominente Fürsprecher als Antrieb für den ersten Höhenflug nutzen würden, lehnt sich Anatole zurück und erzählt uns erst einmal, wie sehr er sich freut, nach der Festivaltour für ein paar Monate bei seiner Familie in Australien zu sein und für seine Mutter kochen zu können. Was denn sein Leibgericht sei, wollen wir wissen. „Oh, weißt du, in unserer Heimatstadt Byron Bay kriegst du wahnsinnig guten, frischen Fisch. Ich kaufe gerne ein gutes Stück Lachs und werfe es einfach mit etwas Knoblauch, Ingwer und Mayoran auf den Grill. Das ganze drapiere ich danach auf schön fluffigen Reis.“ Ein erstes Glänzen blitzt in seinen Augen auf. Vermisst er Australien, wenn er so darüber spricht? „Nicht wirklich“, entgegnet er. Er sei sehr zufrieden mit seinem Leben in Berlin und auf Tour. Doch eine Sache, die vermisse er dann doch.

„Jules und ich hatten früher in Australien eine Morgenroutine. Jeden Morgen sind wir um 6 Uhr zum Strand gefahren, sind gesurft, geschwommen und haben die morgendliche Sonne genossen. Danach, so gegen 9, gab es den ersten Kaffee des Tages und die Tageszeitung als Lektüre. Gegen 10 Uhr fühlten wir uns wie neu geboren. Es gibt nichts Besseres als einen Morgen, nach dem du bereits das Gefühl hast, etwas geschafft zu haben.“

Ein Gefühl, das sich am heutigen Morgen in Hamburg nicht recht einstellen will. Um der Lethargie, die sich zu verbreiten droht, vorzubeugen, schlagen wir vor, das Gelände des MS Artville mit seinen Kunstinstallationen auszuchecken. Noah, Louie und Anatole sind froh über die Bewegung, schnappen sich noch einen Tee und setzen sich mit uns in Gang.

Wir laufen über das verzweigte, verschachtelte Gelände, vorbei an Graffiti, Installationen und den ersten DJ-Sets. Zwischen einer kurzen Runde Pingpong und einem Rundblick übers Gelände, bleibt der Blick der Parcels an einem Kunstwerk hängen: Eine überdimensionale Holzhand lässt mit ihrem Daumen den Bildschirm eines ebenso überdimensionalen Handys zerspringen.

Viele interessierte Blicke, Versuche durch fundierte Analysen zu punkten, dann doch Schulterzucken, Witze, der Spruch „Wird wohl irgendwas Kritisches gegen den Social-Media-Konsum sein.“ Einen Nerv scheint die Installation dennoch getroffen haben, die Frage sei also erlaubt, wie wichtig Social Media für sie als Band ist. Louie sagt, sie seien das größte PR-Tool der Parcels, aber: „Wir haben das Gefühl, dass dieses Spiel längst durchgespielt ist. Die Leute machen sich viel zu viele Gedanken um ihre Posts. Am Ende ist es nämlich so, dass sich unsere Follower am meisten über ungestellte Fotos von uns beim Frühstücken freuen.“

Mehr als von der Kunst und dem Gewusel um ihn herum, ist Noah von einer Sache begeistert: den wildwachsenden Brombeersträuchen, die uns umgeben. Langsam, zögernd nähert er sich einem, pflückt sich dann doch eine Beere, steckt sie sich in den Mund: „Mmh, die sind ja perfekt reif.“ Direkt eine hinterher. Und noch eine. „Ich glaub, ich bleib‘ hier den ganzen Tag. Ihr könnt schonmal vorgehen.“

Die Parcels waren früher auch nur Teenies

Obwohl sie vorhin noch so nüchtern über Festivals sprachen, taut die Band während des Spaziergangs übers Dockville-Gelände merklich auf. Drummer Anatole spricht gar von sich aus eine junge Frau mit Parcels-Fanshirt an, die Band wirkt ein Stück weit in ihre Zeit als normale Festivalbesucher zurückversetzt.

„Nichts hat uns so beeinflusst wie unsere eigenen Festivalbesuche als Teenager“, sagt Noah. Louie muss grinsen, man sieht wie die Erinnerungen hochkommen. Auf Festivals, erklärt Louie, habe er die meiste Zeit damit verbracht, über den Campingplatz zu schleichen und Alkohol aus fremden Zelten zu klauen. Die Truppe lacht, Noah schiebt nach: „Du siehst, unsere eigenen Festivalerfahrungen waren so klassisch, wie man sie sie sich nur bei Teenagern vorstellen kann: Mädchen küssen, Alkohol, gute Musik.“

Als Anatole, Noah und Louie von ihrem Aufwachsen im australischen Surferparadies Byron Bay erzählen, verstärkt sich die Frage nach dem Warum: Warum verlassen so junge Erwachsene, wie es die Parcels waren, ihr gewohntes Umfeld, paradiesisches Klima, um im für seinen erbarmungslos grauen Winter bekannten Berlin den Traum des Musikerlebens zu verwirklichen? Louie beantwortet es mit Abenteuerlust, dem Wunsch dem geographisch isolierten Australien zu entfliehen, Europa zu erkunden. Dass es sie dafür in die deutsche Hauptstadt verschlagen hat? Zufall, so stumpf es auch klingt.

„Um ehrlich zu sein, haben wir sehr lange überlegt, ob wir nach Prag ziehen sollen, bis uns jemand gesagt hat, dass dort musikalisch wirklich gar nichts geht“, erinnert sich Louie und Noah fügt hinzu: „Wir waren wirklich kurz davor, Flüge nach Prag zu buchen. So beliebig war unsere Wahl pro Berlin am Ende.“

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Max Hartmann
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