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Kritik

„Narcos: Mexico“ auf Netflix: Druglords dieses Landes, vereinigt Euch!

Dass „Narcos“ in Teilen mehr Dokumentation als Fiktion ist, wurde bereits im Vorfeld der vierten Staffel schmerzlich bewusst: Der für Netflix arbeitende Locationscout Carlos Muñoz Portal wurde 2017 auf der Suche nach Drehorten in Temascalapa, einer Gegend nordöstlich von Mexiko City, mit mehreren Kugeln erschossen. Die Details und Hintergründe des Mordes sind bis heute ungeklärt, es liegt aber der Verdacht nahe, dass sich jemand seine noch immer laufenden Geschäfte nicht von Kamerateams eines Streaminganbieters oder eben bloß von einem herumstreunenden Fotografen versauen lassen wollte.

Von der Realität ließ Netflix sich sein Projekt aber nicht versauen. Gedreht wurde trotzdem, und während die ersten drei „Narcos“-Staffeln Kolumbiens Kartellkriege und Korruption vor, während und nach der Ära Pablo Escobars von den späten Siebzigern bis in die Neunziger zeigten, widmet sich die viertel Staffel „Narcos“, die offiziell eben das nicht sein will, sondern ein Ableger, nun dem Aufstieg des ebenfalls einst real existierenden Guadalajara-Kartells in Mexiko. „Inspired by true events“, wieder mit dem gleichen Vorspann-Theme „Tuyo“ von Rodrigo Amarante, wieder ohne Synchronisation des Spanischen, sondern Untertiteln, geführt von einem (englischsprachigen) Erzähler aus dem Off, flankiert mit originalen Video- und Fotoaufnahmen aus dem mexikanischen Drogenkrieg.

Im Guadalajara-Kartell vereinten sich die Drogengeschäfte Mexikos

Diego Luna mimt einen Drogenboss.

Sinaloa, West-Mexiko, 1980. In den Bergen Cannabis-Felder, so weit das Auge reicht. Die Dealer und Kartelle waren damals landesweit noch unorganisiert, jeder machte, was er wollte. Der Ex-Cop Felix Miguel Ángel Félix Gallardo (Diego Luna aus „Rogue One“) wittert eine geschichtsträchtige Chance: Er bringt alle an einen Tisch und organisiert so einen nationalen Zusammenschluss aller Kartelle. Grasanbau, Aufspüren neuer Anbauflächen in scheinbar trockenen Gegenden, Vertrieb, Export in die USA, Schmieren von Polizisten und Gouverneuren – es gibt genug zu tun. Die Zahl der Vergehen bleibt dabei offiziell gering genug, dass die Politik nicht unter Handlungsdruck steht. Das ist sie natürlich aber nur, eben weil die Cops mitverdienen. Tatsächlich lag der Umsatz des Guadalajara-Kartells später zeitweise bei fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr. An die Anzahl der Morde, Foltereien, Gewalttaten und weiteren Gesetzes- und Moralbrüche mag man kaum denken.

Kooperation

DEA-Agent Kiki Camarena (Michael Peña) will – anders als viele seiner Kollegen – nicht beide Augen zudrücken. Aus Kalifornien lässt sich der US-Amerikaner mexikanischer Herkunft zurück in seine alte Heimat versetzen und zieht mit seiner schwangeren Frau und seinem Sohn nach Guadalajara. Die „Drug Enforcement Administration“ steckt erst in den Kinderschuhen, zählt damals international noch weniger Agenten „als Polizistinnen bei der NYPD“. Schnell kapiert er, wie seine Arbeit hier laufen soll – und an welcher Schwelle die organisierte Kriminalität gerade steht. Kiki geht undercover und entdeckt als Schwarzarbeiter nicht nur eines der Cannabis-Felder, er kommt auch Gallardo und seiner Familie auf die Spur. Dem Mann, der die Geschäfte neuerdings lenkt und auf ein neues Level bringen will. Und damit den Mann, den es zu stoppen gilt.

Drogenbarone, die wie Witzfiguren aussehen

In den Achtzigern wird die Handlung von „Narcos: Mexico“ nicht nur durch die Klamotten, Inneneinrichtung und wahren Hintergründe verortet: Auf Partys laufen heutige 80s-Klassiker wie Totos „Hold The Line“, Gerry Raffertys „Baker Street“,„Pop Muzik“ von M, „Karma Chameleon“ vom Culture Club und „Keep On Loving You“ von REO Speedwagon. Im Verlauf niedergestreckte Drogenbarone tragen Frisuren und Hemden, dank derer sie wie Witzfiguren aus einem nie gedrehten weiteren „Austin Powers“-Film aussehen. Beim ersten richtigen Höhepunkt in Folge 5 wird es wieder ernster – da treffen die Handlungen der früheren „Narcos“-Staffeln mit der in „Narcos: Mexico“ aufeinander und von der Drogengeschichte Amerikas wird das große Bild entworfen: Anders als sein alter Freund Rafa, der das samenlose und deshalb effizienter zu vertreibende Gras erfand, will Gallardo im nächsten Schritt in den Kokainhandel einsteigen.

Die Stärken der alten Staffeln sind indes die Schwächen der neuen: Gallardo ist zwar ein smarter Typ, der seine Zeit gekommen sieht und sich schon dadurch von den barbarischen, dickbäuchigen und stumpfen anderen Bossen unterscheidet, dass er sein Ego an den richtigen Stellen zurückstellen kann, Selbstkritik beweist und gleichzeitig nicht allein an einem florierenden Unternehmen, sondern am Aufbau eines „Empire“ interessiert ist. Ein so brutaler, rücksichtsloser, gewiefter und dabei urkomischer Bösewicht wie der von Wagner Moura gespielte Pablo Escobar aber ist er nicht.

Ähnliches bei den Ermittlern: Selbst als Escobars Handwerk und das seines Medellin-Kartells gelegt war, blieb Agent Javier Peña (Pedro Pascal) ein Getriebener, der sich als nächstes das Cali-Kartell vorknöpfte. Kiki hingegen, obwohl vom renommierten Michael Peña („L.A. Crash“, „American Hustle“, „Ant-Man“) gespielt, bleibt relativ gesichtslos. Die Parameter sind die gleichen (Korruption, Sex, Egos, Gewalt, Größenwahn, Einblendungen Archiv-Material), und wie in den ersten Staffeln ist auch jetzt das Ende bekannt – so wie die Geschichte Escobars ist ja auch die Geschichte des Guadalajara-Kartells nachzulesen. Schockierend und packend ist „Narcos: Mexico“ also einmal mehr nicht allein durch seine kaltblütigen Charaktere und Gewaltszenen, sondern durch das Wissen, dass das alles so oder so ähnlich passiert ist. Und – siehe ermordeter Locationscout – immer noch passiert.

Es ist wohl, wie der Voice-Over-Sprecher gleich in der ersten Folge sagt: „Drogenhändler sind wie Kakerlaken: Du kannst so viele töten wie du willst. Sie kommen immer wieder aus ihren Löchern.“ Nichts anderes deutet auch eine weitere kleine Szene am Anfang an: Gallardo erschießt seinen „Padron“, lässt dessen Chauffeur, obwohl Augenzeuge, aber am Leben und fortan für ihn arbeiten. Dessen Spitzname: „Chapo“. Auch hier weiß die Geschichte, was aus ihm noch werden würde.

„Narcos: Mexico“ auf Netflix – seit dem 19. November 2018 im Stream verfügbar.

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