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„Narzisstisch“, „Wahnsinnig“, „Fähnchen im Wind“ – Dschungelcamp gucken mit einem Systemischen Therapeuten

Läuft eine WM, gibt es plötzlich Millionen Bundestrainer. Übertragen auf die Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ ließe sich sagen: Wenn Dschungelcamp ist, tritt eine ebenfalls nicht unbeträchtliche Anzahl von Freizeit-Psychologen auf den Plan. Doch wie bewertet ein diplomierter Profi das Geschehen? Linus Volkmann hat sich auf die Couch gesetzt – zu einem Systemischen Therapeuten. Dabei lief im TV das Dschungelcamp 2017.

„Ja, okay, Honey hat’s verkackt – wollen wir ihn gleich umbringen oder später?“

So trocken kommentiert Kader Loth im diesjährigen Dschungelcamp die unbefriedigende Leistung eines ihrer Mitkandidaten. Therapeut Thomas Pieger muss lachen ob dieses Einschubs, der in seiner Drastik dem gerade ablaufenden Mobbing gegen jenen Honey völlig die Spitze nimmt. Pieger klingt beeindruckt, wenn er Kader zugesteht: „Das war echt Mal eine paradoxe Intervention.“ Für die mittlerweile abgewählte Gina-Lisa hat er indes weniger gute Worte parat. Seine Einschätzung: „Fähnchen im Wind“.

Kooperation

Sehr gut, mit so viel Offenheit lässt sich doch arbeiten – oder zumindest angeregt gemeinsam das Camp schauen. Danach geht die Sitzung allerdings erst richtig los. Karten auf den Tisch, wie gestört ist Hanka Rackwitz denn nun wirklich und was würde ein Systemischer Therapeut einem Promi raten, der vorhat, an dieser Show teilzunehmen?

Herr Pieger, können Sie das Dschungelcamp entspannt schauen, ohne dass permanent Therapie-Phantasien aufkommen?

Thomas Pieger: Für mich persönlich steht die Neugierde auf Menschen im Vordergrund, die man als Therapeut ohnehin mitbringen sollte. Insofern ist bei meinem Interesse am Dschungelcamp nicht wirklich zu trennen, was nun beruflich und was privat ist – das geht ineinander über. Aber ich bemühe mich, die Show auch mal zum Runterkommen zu benutzen und nicht überall einen analytischen Blick drüber zu legen. Ich möchte schließlich auch meinen Spaß haben.

Raufen Sie sich nicht als Therapeut die Haare, wenn Sie sehen, wie jemand im Camp leidet, weil er oder sie aus destruktiven Mustern nicht herausfindet?

Nicht wirklich. Man muss sich bewusst machen: Alle haben sich selbst ausgesucht, an der Sendung teilzunehmen. Niemand begibt sich dort hinein, um wirklich Selbsterfahrung zu machen, diese Behauptung ist Quatsch. Klar geht es darum, die Teilnehmer an Grenzen zu bringen, aber das Camp wird von Psychologen begleitet und es würde nicht passieren, dass jemandem, der wirklich droht, in eine Psychose zu verfallen, nicht geholfen würde.

IBES
Linus guckt gerne das „Dschungelcamp“ – hier mit Unterstützung eines Experten

Systemische Therapie bedeutet meist Familientherapie, nun bezeichnet sich die aktuelle Dschungelbesatzung selbst als „La Familia Grande“. Wo sehen Sie Unterschiede?

Was der Gruppe fehlt, ist der gemeinsame Auftrag. Ihr Ziel ist es, maximal zwei Wochen zusammen zu überstehen. Es gibt keine Organisation, die darüber hinaus reichen würde – außer die Motivationen, die sich jeder für die Zeit danach selbst gesteckt hat.

Gibt es Muster, die Ihnen nicht nur in Ihrer Arbeit regelmäßig begegnen, sondern die auch jedes Mal im Dschungel eine Rolle spielen?

Was immer passiert in Gruppen, ist Ausgrenzung. Es werden Sündenböcke kreiert, denn irgendeiner ist stets Schuld und die Haltung der anderen ist: „Zum Glück bin’s ich nicht“. Damit verknüpft ist stark das Thema Angst. Man passt sich an, weil man nicht der Nächste sein will – hier entlarven sich typische Mobbing-Strukturen. Worauf man auch jedes Mal trifft, sind die bestimmten Phasen, die Gruppen durchlaufen. Das geht los mit Forming, wenn es heißt: „Wir sind eine Gruppe! Wir halten zusammen!“ Ist diese Basis erstmal geschaffen, kommt die zweite Phase, die man Storming nennt. Dort fallen dann die zuerst ausgeblendeten Unterschiedlichkeiten auf und es regt sich der Wille der Einzelnen, sich individuell zu positionieren. Diese Phase ist die bewegungsreichste und in der versucht die Sendung ihre Teilnehmer zu halten. Danach folgt Norming, wo gemeinsame Werte gesetzt werden, und das Performing, wo Unterschiede gewünscht sind und effektive Ergebnisse erzielt werden können – das sind allerdings Phasen, die im Camp eigentlich nie erreicht werden.

Seit zwei Staffeln werden die Gruppen am Anfang getrennt und nach einigen Tagen wieder zusammengeführt. Zielt das Ihrer Meinung nach bewusst darauf ab, jene Phase des permanenten Storming mehrfach zu erzeugen?

Davon bin ich überzeugt. Storming ist fürs TV das Attraktivste, denn da geht es um die Positionierung innerhalb der Gruppe. Diese spielt sich ab – auch eine Theorie der Systemischen Therapie – in dem Spannungsfeld von Intimität, Macht und Zugehörigkeit. Auch ist mir aufgefallen, dass überhaupt die Zahl der Kooperationsspiele zugenommen hat. Da sieht man, dass das Teamplay mehr in den Fokus der Sendung gerückt ist und dass es für die Kandidaten darum gehen soll, die gruppeneigenen Verlässlichkeiten auszutesten.

Welche Rolle für die Gruppendynamik spielen Faktoren wie Schlafentzug, das wenige Essen, die permanente Beobachtung und ähnliches?

Nun, Schlafentzug wird in anderen Zusammenhängen als Foltermethode eingesetzt. Mit solchen Faktoren muss man erstmal psychisch klarkommen. Man reagiert heftiger auf Konflikte, wenn man keinen Rückzugsraum besitzt, oder man permanent in regennasser Kleidung steckt. Da wird das eigene Urverhalten getriggert, das man sich mitunter abtrainiert hat.

Wie verhält es sich mit den Dschungelprüfungen? Die Zeit des Ekels scheint vorbei, was ist deren Sinn mittlerweile?

Die Prüfungen schüren Konkurrenz: Wer ist aus Sicht der Gruppe ein Schlappschwanz und wer nicht? Hier geht es um Macht und darum, wer was zu sagen hat. Auch interessant dabei: Wem ist es erlaubt, in Prüfungen zu scheitern, wem weniger? Wobei die eigentlichen Herausforderungen mit den Sternen in den Hintergrund treten, denn es ist nicht mehr relevant, ob der Känguru-Penis zum hundertsten Mal gegessen wird oder nicht. Es geht einzig darum, wie die Gruppe darauf reagiert.

Dschungelcamp
Steht seit Jahren auf der Dschungel-Speisekarte: Penisse von Känguruhs oder anderem Getier

Wir haben vorhin auch den Kandidaten und Schönling „Honey“ gesehen, wie jener eine Prüfung für das ganze Team ablehnte, weil er das Gefühl hatte, die dafür notwendige Halskrause sei ihm zu eng. Das sorgte für großen Aufruhr.

Man hat es bei diesem Honey mit einer Person zu tun, die sich über ihre Einzigartigkeit definiert. Er nimmt es sich heraus, über diese Selbstdefinition die Gruppe im Stich zu lassen. So etwas muss dann natürlich ausgekämpft werden.

Folgende Vorstellung: Vor Beginn des Camps sucht Sie ein Teilnehmer auf und fragt, was Sie ihm raten würden bezüglich des Dschungels…

Mein Rat wäre: Bleib zuhause! [lacht] Ansonsten gälte es zu klären, was will jemand dort – und was soll sich für ihn ändern, nachdem er die Sendung absolviert hat. Wenn es tatsächlich nicht nur ums Durchkommen, sondern wirklich um den Sieg geht, kann man kaum etwas anderes raten, als authentisch zu bleiben. Figuren wie Vorjahresgewinner Menderes traue ich nicht zu, dass sie überhaupt in der Lage wären, ihre spezielle Art zwei Wochen als Rolle zu spielen. Ginge es allerdings nur um das Antrittsgeld, dann klingt mein Rat vielleicht langweilig, aber wäre sehr effektiv: Einfach die Klappe halten und auf Durchzug stellen. So wie dieses Model, die relativ schnell wieder draußen war, Nicole Mieth. Oder war die Schauspielerin? Von der hat man jedenfalls nichts gesehen. Ich denke, sie hat daher viel richtig gemacht.

Es gibt ja auch Kandidaten, die denken, sie seien sehr clever und bieten eine telegene Rolle an. Dieses Mal hat das der unlustige SAT1-Comedy-Typ mit Werbespot-Hintergrund gemacht, Markus Majowski. Er inszenierte sich als eine Art Camp-Psychologe.

Sowas wird schnell vom Zuschauer bestraft, Majowski musste ja bereits als zweiter gehen. Es wirkte eben sehr unauthentisch, wie er zwischen den beiden Figuren, sich selbst und seiner Rolle, hin- und her gewechselt ist. Für mich war er – ohne Diagnose – der Wahnsinnigste von allen. Diese Szene, bei der er in der Prüfung ausgetickt ist und danach meinte, der Ausbruch sei nur gespielt gewesen – da ließ sich schon ein stark narzisstisches Verhalten erkennen. Eines, das er sich natürlich mit einigen im Camp teilt – zum Beispiel mit Kader Loth oder Florian Wess [dessen Profession bei Wikipedia übrigens pragmatisch wie treffend angegeben ist mit „Reality-TV-Teilnehmer“, Anm. des Autoren].

Gibt es dieses Jahr auch einen Dschungelcamper, der Sie positiv überrascht hat?

Natürlich. Ich war zum Beispiel von jenem Botox-It-Boy Florian sehr verwundert – und zwar als er seinem Ärger Ausdruck verliehen hat in dem oben erwähnten Konflikt rund um Honeys verweigerte Prüfung. Da sprach er in klaren Ich-Botschaften.

Was meinen Sie mit Ich-Botschaften?

Das Vermeiden von Sätzen mit „man“ oder „wir“. Er sagte nicht „wir finden“, sondern „ich habe deine Handlungen so empfunden“. So hat er Honey dargelegt, dass er glaube, jener spielt bloß eine Rolle. Ob das stimmt oder nicht, sei mal dahingestellt – diese Einschränkung hat er ja auch selbst betont. Es war eben seine Meinung. Er hat sich nicht – wie sonst in so einer Situation typisch – versucht, den Außenseiter mit Hilfe der eigenen Koalition noch weiter zu separieren.

Gibt es in der Opferrolle eine Möglichkeit, diese in so einem Moment zu durchbrechen?

Wenn die Gruppe wirklich geschlossen ist, hat man da kaum eine Chance. Ich bin allerdings ein Freund der transparenten Konfrontation und empfehle dann, dieses Problem direkt anzusprechen. Das ist etwas, das in der Systemischen Therapie auch als „Gegen Verstören“ bezeichnet wird. Auf lange Sicht wird sich entweder mit der Opferrolle abgefunden, wie es bei Schülern oft der Fall ist, oder es geht darum, eigene Koalitionen zu bilden.

Wie bewerten Sie die in dieser Staffel sehr zentralen Zwangsstörungen der Kandidatin Hanka Rackwitz?

Für mich war ein sehr entscheidender Punkt, als sie bei einer Verkündung einer anderen Kandidatin um den Hals fiel – und das obwohl sie sich eigentlich nicht berühren lassen kann. Ich glaube daher, es handelt sich nicht um eine Zwangsstörung sondern um einen Tick, den sie auch bewusst benutzt. Im Schauspiel funktioniert es ähnlich, dort legt man Figuren mit wiederkehrenden Ticks an – dadurch macht man sie interessant, hält sie präsent. Dass Hanka es eklig findet, wenn jemand vom Kochlöffel isst, das glaube ich ihr – aber es handelt sich eben meiner Meinung nach dabei um einen Tick, den sie einfach nur gut bespielt.

Was kann man als Zuschauer vom Dschungelcamp lernen?

Nun, dort sieht man nichts, was nicht täglich um einen selbst herum stattfindet: Ausgrenzung, Zugehörigkeitsgerangel, der Wunsch nach Anerkennung. Was natürlich nicht bedeutet, dass man nichts davon mitnehmen kann. Im Gegenteil: Man sieht hier Gruppenkonflikte komprimiert – und daraus kann man für sich selbst etwas ableiten.

Wenn Sie an die bisherigen Dschungelcamp-Staffeln zurückdenken, welche Figuren sind Ihnen am deutlichsten in Erinnerung geblieben?

Man darf sich nichts vormachen, die Allermeisten in dieser Show sind Eintagsfliegen und schnell wieder vergessen. In meinem Gedächtnis blieb Desiree Nick [Siegerin Staffel 2], weil sie so auffallend zickig war und auch danach noch viel gemacht hat. Ebenfalls noch in Erinnerung habe ich Olivia Jones [Platz 2, Staffel 7], sie hatte ja den späteren Dschungelkönig, diesen etwas einfachen Jungen Joey Heindle unter ihre Fittiche genommen. Da kam eine Diskussion zum Thema Travestie, Transsexualität, Homosexualität auf – weil dieser Joey vieles einfach nicht wusste. Olivia hat ihm das dann stellvertretend für bestimmt viele vor dem Fernseher anschaulich erläutert.

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Thomas Pieger erklärt Linus Volkmann und uns, was es mit den Gruppendynamiken im Dschungelcamp auf sich hat

Thomas Pieger

Nach dem Abschluss des Diplom-Studiengangs der Pädagogik erlangte der Wahl-Kölner durch eine dreijährige Weiterbildung den Status des Systemischen Therapeuten. Er arbeitet zudem auch in der Sexual- und Theaterpädagogik. Für ein anderes Reality-TV-Format stand er der Produktion bereits als Berater zur Seite.

Systemische Therapie

Die Systemische Therapie geht davon aus, dass Menschen nicht unabhängig von ihrem sozialen Umfeld agieren können, sondern viel mehr alle Beteiligte eines verbundenen Systems sind. System kann dabei die Familie sein, aber auch eine Bürogemeinschaft oder die Insassen einer TV-Show. Dieses Verfahren der Psychotherapie zeigt Ordnungsstrukturen auf, denen die Handlungen in der Gruppe unterworfen sind.

Um jene konkret offen zu legen, wird mit „Irritationen“ gearbeitet, die das System in Bewegungen bringen. Die Systemische Therapie stellt dabei keine Diagnosen, sondern versucht Lösungswege sichtbar zu machen, die aus Gruppenkonflikten wie auch aus persönlichen Problemen herausführen sollen.

Die elfte Staffel „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ läuft noch bis zum 28. Januar 2017 täglich um 22:15 Uhr auf RTL.

Linus Volkmann Privat
RTL / Screenshot
Linus Volkmann

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