„Nehmt den Robotern die Stifte weg!“ – Musik-Acts zeichnen Plattencover

Eine Plattenveröffentlichung ist eine Welt für sich. Ganz wichtig dabei das Artwork. Manche Acts können sogar Musik und Bild. Eine Liebeserklärung an selbst gezeichnete Cover von Linus Volkmann.

Eine Plattenveröffentlichung ist eine Welt für sich. Ganz wichtig dabei das Artwork. Manche Acts können sogar Musik und Bild. Eine Liebeserklärung an selbst gezeichnete Cover von Linus Volkmann.

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Selbstgemalt ist besser. Foto: Linus Volkmann

Um in der Popkultur etwas von Dauer zu erschaffen, sollte man sich vor allem an eine Regel halten: Der Dreiklang! Eindringlich, rhythmisch, bunt. Ich spucke auf alles, was keine Trilogie ist.

„Star Wars“ hat es einst vorgemacht und man denke natürlich auch an „Herr der Ringe“ von Peter Jackson. In aller Bescheidenheit darf ich nun auch meine letzten drei Kolumnen auf Saurons Lieblingssender Musikexpress.de in dieser Tradition wähnen.

Bei dem von mir aufgebotenen Dreierlei handelt es sich um Einlassungen zum Thema „Kunst ohne Emotionen – die Sache mit den KI-Bildern“, oder um es zum großen Finale mal etwas hemdsärmeliger auszudrücken: „Nehmt den verdammten Robotern gefälligst die Stifte weg!“ Denn es sollte doch Konsens sein, dass bei einer Plattenproduktion weder die Musik noch das Artwork an Künstliche Intelligenz outgesourced wird. Sicherlich ein paar dezidiert Computer generierte Platten, eine Ausstellung mit KI-Zeichnungen könnten zwischendurch mal von Interesse sein – aber wie heute einfach bloß aus Faulheit und Ignoranz die künstliche „Ästhetik“ auch in nicht-kommerzielle Musikzusammenhänge reinbricht, das ist doch eine Zumutung. Zum Glück sagt das mal wer! Ich. Und zwar hier. Los ging es mit dieser Kolumne:

Zwei Wochen später empfehle ich echte, atmende Graphiker:innen – und greife so die Causa noch mal auf:

Nun das große Staffelfinale. Ich habe mir lange Gedanken gemacht, wie kann man die Leute abringen von diesem austauschbaren KI-Novelty-Look, der sich selbst gerade überall ins Blickfeld scheißt?

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Typische Chatgpt-Ästhetik, die sich selbst bei dem Studio Gibhli bedient.

Wenn so oder ähnlich auch bald alle Flyer, Konzertplakate und gar Plattencover aussehen, dann fange ich an, Stöcke und Steine zu sammeln im Wald! Denn bis mir hier der 3D-Drucker einen Strich durch die Rechnung macht, dürfte es noch dauern. Aber soweit muss es ja nicht kommen. Achtet einfach darauf, lebendige Artists zu supporten.

Ich sage es mal ganz deutlich: KI-Diskriminierung in der Kunst ist komplett okay. Beruft euch im Zweifel auf mich.

Um jedenfalls zu demonstrieren, wie toll, seltsam aber vor allem individuell Plattencover sein können, habe ich diese kleine Sammlung zusammengestellt. Die Prämisse ist, von Künstler:innen zu künden, die nicht nur Musik machen, sondern auch ihr eigenes Artwork gemalt oder gezeichnet haben.

Dank an dieser Stelle an die berüchtigte Schwarmintelligenz, die mir hier ganz viel wertvolle Tipps gegeben hat.

Klassiker international

The Sea And Cake THE BIZ (1995)
Mittlerweile gehört Bassist Eric Claridge nicht mehr zum Chicagoer Post-Rock-All-Star-Ensemble The Sea And Cake, aber in seiner Amtszeit hat er prägenden Alben mit eigenen Gemälden versehen. Zum An-Die-Wand-Hängen schön einfach.

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John Lennon WALLS AND BRIDGES (1974)
Auf seinem fünften Solo-Album prangt ein Bild von John Lennon himself. Das Besondere daran stellt er selbst aus: Und zwar den Hinweis, beim Malen selbst erst elf Jahre alt gewesen zu sein. Hat ein wenig was von Wunderkind-Framing. Der Verweis auf das Alter des Zeichnenden taucht hier in dieser Liste noch mal (mit ganz anderer Intention) bei den Lemonheads auf. Scrollt runter, wenn ihr es nicht abwarten könnt.

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Joni Mitchell CLOUDS (1969)
Wenn man von selbstgemalten Albumcovern anfängt, dauert es nicht lange, bis jemand „Bob Dylan SELF PORTRAIT“ ruft. Nicht zu Unrecht, hier aber trotzdem lieber ein anderer Klassiker. Joni Mitchel musikalisches Werk ist eng verknüpft mit jenem von ihr als Malerin. Ausgangpunkt dieser Verschränkung ist bereits ihr Debüt SONG TO A SEAGULL von 1968. Die Nachfolgeplatte CLOUDS wurde ihr erster großer Erfolg und verhalf auch ihrem Talent am Pinsel zu großer Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt ein Selbstporträt Kanadierin.

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Broken Social Scene BROKEN SOCIAL SCENE (2005)
Nochmal Kanada. Eine der kreativsten Zellen des kontemporären Indies ist sicher die Broken Social Scene. Aktuell veröffentlichen sie nach langen Jahren Pause ein neues Album – hier sei ihr selbstbetitelter Klassiker von vor über 20 Jahren gehighlightet, gemalt von Kevin Drew einem der zentralen Mitglieder des Kollektivs.

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Nirvana INCESTICIDE (1992)
Mit Nirvana verkaufte sich Anfang der Neunziger einfach alles. Kein Wunder, dass die Plattenfirma auf diese Rarities-Sammlung drängte. Cobain stimmte dem Projekt nur unter der Bedingung zu, die Gestaltungsfreiheit bei dem Produkt zu besitzen. So ziert das Cover ein Ölgemälde von ihm. Ok, wow!

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Daniel Johnston HI, HOW ARE YOU (1983)
Für manch Subkultur-Nerd (und damit meine ich mich und vielleicht auch dich) ist der Frosch von Daniel Johnston mindestens genauso ikonisch wie das Strichmännchen von den Einstürzenden Neubauten.

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Courtney Barnett SOMETIMES I SIT AND THINK (2015)
Lettering wie auch das Cover versprühen koketten LoFi-Charme, der auch einen Rückkanal auf die Musik der Australierin selbst besitzt.

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… And You Will Know Us By The Trail Of Dead THE CENTURY OF SELF (2009)
Ich war irgendwann mal in Köln bei einer Ausstellung von Sänger Conrad Keely. Der ist nämlich bildender Künstler, der gern mit kleinteiliger Überwältigungsästhetik arbeitet. Dieses verästelte Werk hier hat er lediglich mit einem blauen Füller gemalt.

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Deutschsprachig

Voodoo Jürgens ‘S KLAANE GLÜCKSSPIEL (2020)
Hierbei handelt es sich um ein Alternativ-Cover, die sogenannte Bummerl-Edition. Ich dürfte bei dem Kunstmagazin Monopol vermutlich nicht mal die Aschenbecher ausleeren, aber hier im Musikexpress kann mich niemand hindern, diesem Bild einen bestechenden Style zwischen Impressionismus und South Park zu attestieren.

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Messer DIE UNSICHTBAREN (2013)
Hendrik Otremba ist wie Obelix als Kind in einen Zaubertrank gefallen. Die Frage ist nur, was in jenem wohl drin war … Zumindest etwas, das ihn nicht nur zum Buchautor oder Musiker befleißigte, sondern auch zu einem sehr versierten Maler machte. Die Cover seiner Band Messer zeugen davon.

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Katze VON HINTEN (2005)
Zuletzt gab es wieder einiges an Illustrations-Fame für Klaus Cornfield (Ex-Throw That Beat In The Garbagecan). Seine Reihe „Musikatzen“ erfreut sich auf Social Media großer Beliebtheit und wurde zum vielgefragten Kalendermotiv. Unvergessen (sicher nicht nur von mir), dass er auch in den Nullern die Cover seiner tollen Band Katze selbst malte.

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Erobique URLAUB IN ITALIEN (2018)
Carsten Meyer a.k.a. Erobique stellt den Aufhänger dar für so einiges, was ich in dieser Trilogie angezettelt habe. Er selbst zeichnet nicht nur eigene Cover sondern immer wieder auch Poster und Flyer für sich und andere. Auch der beliebte Orgel-Smash-Hit „Urlaub in Italien“ erzählt davon.

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Bärchen und Die Milchbubis DIE RÜCKKEHR DES BUMM! (2024)
Sie sind Wiedergänger des originalen End-70er, Anfang-80er-Deutschpunk. Für mich auch musikalisch eine Entdeckung mit ihrem Spätwerk. Besonders schön in der selbstgemachten Verpackung – gestaltet von Sängerin Annette Simons.

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Locas in Love SAURUS (2007)
Die Kölner Band Locas In Love schöpft schon immer aus dem Vollen. Nicht nur musikalisch. Den Bass schultert hier die bildende Künstlerin Stefanie Schrank. Ihr Gestaltungswille prägt die vielen großen und kleinen Veröffentlichungen der Band. In ihrem jüngsten Imprint als Solo-Artist setzte Schrank beim Artwork dagegen auf Fotos.

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The Lemonheads „Mrs. Robinson“ (1992)
Erinnert ihr euch noch an den Verweis bei der Lennon-Platte etliche Meter Text und Werbung über diesem Eintrag hier? Bestimmt. Lennon verwies durch Altersangabe, wie jung er noch war, als er schon cool und deep zeichnen konnte. Lemonheads-Sänger Evan Dando baut das Prinzip auf diesem Maxi-Cover gleich. Jenes sieht aus, als hätte es ein Kind gemalt. Blumig, naiv. Die Linernotes aber lassen keine Zweifel aufkommen, mit wem man es hier zu tun hat „Cover: Evan Dando 25 ¼ years old“.

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St. Thomas LET’S GROW TOGETHER (2004)
Ähnlichen Kindergarten-Swag verströmt das Albumcover des 2007 verstorbenen norwegischen Singer Songwriters St. Thomas. Auch er malte das bunte Kinderbild als erwachsener Mann.

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Shonen Knife RIDING ON THE ROCKET (1992)
Eine Katze fliegt durchs Süßigkeiten-Weltall. Was aussieht wie ein abgemaltes topaktuelles Memes stammt aus 1992 und von der japanischen Punkband Shonen Knife aus Osaka. Jene durften einst Nirvana auf Tour begleiten, existieren heute seit über 40 (!) Jahren und erfreuen sich einem angemessenen Kultfollowing. Das Cover stammt von Schlagzeugerin Atsuko Yamano.

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Honigbomber LIVE IM REICHSTAG (2011)
Einer der vielen Tipps aus der Community (es ist eben nicht alles schlecht auf Social Media). Band war mir nur vage bekannt, aber die Story des Covers, die Hank Strummer überliefert, hat mich gekriegt. Das Bild sei selbst gemalt worden von der Band auf einem Konzert in Berlin – und zwar auf der Rückseite eines Plakates von irgendeiner anderen Band. So schön hingerotzt kann es eben auch mal sein. Für ein originelles Artwork braucht man zumindest nicht zwingend Talent oder besondere Fähigkeiten.

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In diesem Sinne, geht mehr auf Konzerte, kauft Tonträger und Merch – und rollt sichtbar mit den Augen, wenn eure Lieblingsacts sich ihre Cover einfach von KI auswerfen lassen.

Privat

Linus Volkmann schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.