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Neu im Kino: „Boyhood“, Menschen, die versuchen ihr Leben in den Griff zu bekommen und nach der großen Liebe suchen

von

Film der Woche:

„Boyhood“

USA / Frankreich / Großbritannien 2014 , Regie: Richard Linklater, mit Ellar Coltrane, Ethan Hawke, Patricia Arquette

Einmaliges Filmexperiment: Aus zwölf Jahren Leben macht Richard Linklater Kino.

39 Drehtage brauchte Richard Linklater für seinen neuen Film. Was nicht so besonders wäre, wenn sich diese 39 Drehtage nicht über einen Zeitraum von zwölf Jahren erstreckt hätten. Nun ist Linklater bekannt für seine unbändige Freude daran, auf gängige Regeln von Produktion und Filmauswertung zu pfeifen. Aber selbst für den Mann, der mit den „Before“-Filmen die einzige Kinoreihe erschaffen hat, die denselben beiden Hauptfiguren seit 1995 alle neun Jahre wieder begegnet, ist „Boyhood“ ein singuläres Ereignis in der Geschichte des Films.

Bestenfalls vergleichbar mit dem viereinhalb Filme umfassenden Antoine-Doinel-Zyklus von François Truffaut oder Michael Apteds „ Up“- Langzeit-Dokumentarreihe. Ach was, dieser 160 Minuten lange Film, der das Erwachsenwerden eines Jungen vom siebten bis zum neunzehnten Lebensjahr festhält, ist einmalig und einzigartig. Ein Epos über ein denkbar unepochales Leben, angefüllt mit all jenen kleinen Momenten, die jeder Drehbuchautor bei einer konventionellen Produktion ohne Zögern noch beim Verfassen der ersten Skriptfassung eliminieren würde.

Was auch daran liegen mag, dass Linklater hier unmöglich mit einem Drehbuch hat arbeiten können: Wie im wahren Leben bedingen nicht dramaturgische Kniffe die Entwicklung der Geschichte. Vielmehr ergibt ein Ereignis zwangsläufig das nächste, weil niemals klar sein konnte, wann sich wieder die Gelegenheit zur Fortsetzung des Drehs ergeben würde. Hut ab also vor allem vor Ethan Hawke und Patricia Arquette, die ihrem Regisseur über all die Jahre hinweg immer wieder bereitwillig als Eltern des Jungen zur Verfügung standen: Wie der von Ellar Coltrane zunächst ungelenk, dann aber immer souveräner dargestellte Mason zusammen mit seiner Schwester – gespielt von Linklaters Tochter Lorelei – die Beziehungsdebakel seiner Mutter damit überbrückt, vom kleinen Buben zu einer sichtlich gereiften Persönlichkeit heranzuwachsen – das ist mit einer rohen Unbestechlichkeit gefilmt.

„Boyhood“ erinnert damit an europäische Filmemacher: an das schonungslos der Wahrheit verpflichtete Kino eines Bergman oder Bresson. Lange hat sich ein Film nicht mehr so neugierig angefühlt, überwältigt vom Gefühl, dass er gerade tatsächlich entsteht und nicht wissen kann, wohin seine Geschichte ihn führen mag. Zwei Jahre bereits nach Beginn der Arbeit an „Boyhood“, sagt der Regisseur, habe er sich für das letzte Bild seines Films entschlossen. Der Weg dahin ist allerdings so frei, dass man es schier nicht für möglich halten will.

AUSSERDEM NEU IN DEN KINOS UND MIT EINEM EIN-SATZ-SCHNELLCHECK AUFGEFÜHRT:

BRICK MANSIONS

Bekannte Namen:Paul Walker

Paul Walker jagt Gangster in Detroit

Gehen wir rein… weil es der letzte Film von dem verstorbenen Action-Star Paul Walker war.

VIELEN DANK FÜR NICHTS

Bekannte Namen:
Komödie um drei Rollstuhlfahrer, die einen Tankstellen-Überfall planen.
Gehen wir rein… weil der Film wenig vom typischen Betroffenheitskino besitzt.

WILLKOMMEN BEI HABIB

Bekannte Namen:
Vier Männer versuchen ihr chaotisches Leben in den Griff zu bekommen.
Gehen wir rein… weil das prämierte Drehbuch fantastisch umgesetzt wurde.

LOVE & ENGINEERING

Bekannte Namen:
Dokumentarfilm um Computerfreaks, die  mit einer simplen Formel versuchen die Liebe ihres Lebens zu finden.
Gehen wir rein… weil wir doch alle auf der Suche nach Nähe und Geborgenheit sind.


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