Nina Hagen


Wo steckte sie bloß? Früher immer für eine Schlagzeile gut, war es um die schrille Frau Hagen geradezu erschreckend still geworden. Sollte sie etwa das häusliche Glück gepackt haben? Sollte sie die Altersweisheit zum Schweigen gebracht haben? No way. Bei einem Besuch im Londoner Studio stellte ME/Sounds-Redakteur Michael Weilacher erleichtert fest, daß die UFOs immer noch fliegen.

ME/SOUNDS: Böse Zungen behaupten, Nina Hagen sei es nur durch geschickte Selbstdarstellung gelungen, stets in den Medien präsent zu sein. Was ist an Mna Hagen Kalkül, was ist echt?

HAGEN: „Mit dem Wort Kalkül kann ich nichts anfangen. Sicher, wenn ich ’ne neue Platte habe, versuche ich natürlich, den Leuten die Musik auch vorzuspielen, halt meine Connections zu nutzen. Meine Freunde sollen schließlich wissen, daß jetzt was Neues kommt. Man muß die Party am Laufen halten, you know.“

ME/SOUNDS: Aus der Party ist ja inzwischen ein Dauerzustand geworden. Bist du mit dem Erreichten zufrieden?

HAGEN: „Ja. definitely, obwohl ich nie Nummer 1 war wie Kylie Minogue oder Madonna. Aber gerade das gefällt mir an mir – daß ich immer Ihre Durchlauchte Roheit bin.“

ME/SOUNDS: Wovon man bekanntlich nicht leben kann. Hast du schon ausgesorgt, um dir deinen Spielplatz finanzieren zu können?

HAGEN: „Ich mach mir keine Sorgen, aber ich kann unstolzerweise behaupten, mich im Bereich des Dispokredits aufzuhalten – eigentlich ständig. Mit Macht aber nichts. Ich finde das sehr nett von meiner Bank, mir überhaupt einen Dispokredit zu gewähren. Das Geld kommt ja auch immer wieder rein. Bis null schaff ich’s immer noch.“

ME/SOUNDS: Deine neue LP wird das Loch sicher stopfen. Hat deine Plattenfirma eigentlich Einfluß auf das Opus?

HAGEN: „Nee, denn an der eigentlichen Produktion sind sie nun mal nicht beteiligt. Einfluß höchstens insofern, als sie versuchen, den Künstler mit dem richtigen Produzenten zusammenzubringen. In meinem Fall ist das Zeus B. Held hier in London. Er hilft mir, das zu erreichen, was ich will – Qualität und Plaltenverkäufe.“

ME/SOUNDS: Du nimmst den geschäftlichen Aspekt also durchaus ernst.

HAGEN: „Das Business ist so ’ne Art Spiel. Ein Spiel mit dem Glück, ein Spiel mit Connections. It’s like, you know, wie Poker.“

ME/SOUNDS: Schiebt du bei der Produktion auf die Charts, auf die Trends, die sich gerade am besten verkaufen?

HAGEN: „Nein, ich weiß aber trotzdem, was verkauft und was nicht, und gestalte das so, daß es immer meiner Person entspricht meinem Geschmack, meinem Sex, mv religion.“

ME/SOUNDS: Deinem ganz persönlichen Punk?

HAGEN: „Ich bin ja nicht nur Punk, sondern auch Funk – P-Funk. so to speak. Eine Freundin von mir hat sich übrigens gerade ihre Brustwarzen durchstechen lassen. Jetzt hat se da zwei Silberbällchen und damit quasi drei Nipples – zwei Silberbällchen und ihren richtigen.“

ME/SOUNDS: Klingt hochinteressant. Trotzdem zurück zur Banalität: Wie klingt denn nun deine neue LP?

HAGEN: „Eine Mischung aus obergeiler Musik tanzbar, soulig, schwarz und weiß, jiddisch und indisch und überhaupt aus allen Religionen und Rassen zusammen. Es gibt keine Grenzen. Die Mauern sind alle gefallen.“

ME/SOUNDS: Sogar die in Berlin, hinter der du ja immerhin 21 Jahre deines Lebens verbracht hast. Ist jetzt alles besser?

HAGEN: „Besser kann es immer nur dann werden, wenn man die Initiative ergreift, es sich schön zu machen. Und man hat es sich schon schön machen können, als die Mauer noch da war. Vielleicht unter erschwerten Bedingungen. Aber wenn man es sich jetzt schön machen will, sind die Bedingungen auch wieder schwer. Das Leben auf der Erde ist nun mal irgendwie schwer. Man muß es gemeinsam anpacken.“

ME/SOUNDS: Du hast mal den hochfliegenden Satz abgesondert: „Das Wort Deutschland bringt mich um den Verstand“.

HAGEN: „Wahrscheinlich geklaut von Heine, während der Syphilis-Periode. Man klaut ja oft und weiß dann gar nicht mehr woher. Aber im Ernst: Ich denke oft über Deutschland nach, denn da hab ich ja meine Wurzeln, und von da kommt ja auch mein Verständnis. Ich hab ja auch ganz viele Lieder über Deutschland geschrieben. Die meisten davon sind nie auf ’ner Platte erschienen, weil sie zu politisch waren oder so. Ein Song über Berlin hat’s aber jetzt endlich geschafft, auf die LP zu kommen.

Was ich meine ist: Ich lebe zwar nicht mehr in Deutschland, was aber nicht bedeutet, daß ich mich nicht im Geiste dort aufhalte. Oder zum Beispiel Satellitenfernsehen gucke.“

ME/SOUNDS: Entspricht die heutige Realität in der Ex-DDR denn im Großen und Ganzen der Vorstellung, die du damals von einem Leben ohne Mauer hattest.‘

HAGEN: „Ich kenn die Realität nicht, weil ich nicht mehr dort lebe. Ich wohne jetzt in Paris, bin sozusagen ein Pariser. Als ich noch in der DDR war, hab ich mir immer gewünscht, Globetrotter zu sein und überall mal zu leben für ne Weile, und diesen Wunsch erfülle ich mir jetzt mein ganzes Leben lang.“

ME/SOUNDS: Du bist ja nicht nur auf dieser Welt zu Hause, wie man deiner Autobiographie unschwer entnehmen kann. Bei der Lektüre habe ich stellenweise gedacht: Den Scheiß kann die doch unmöglich selber glauben.

HAGEN: „Wenn du jetzt das mit dem UFO meinst – ich hab’s wirklich gesehen! Einem Menschen, der es nicht gesehen hat, dem könntest du diese ganze Theorie nicht glauben. Aber wenn’s jemand gesehen hat, dann muß er sich doch eine Theorie bauen. Ich hab’s nun mal gesehen, und daraufhin habe ich mir die Theorie gebaut, daß die existieren. Und weil die super drauf sind und stark und weit voran und whatever, haben sie sich entschlossen, uns ein bißchen zu unterstützen und uns eventuell, sagen wir mal, durch ein paar Raumschüsseln vor dem drohenden Untergang zu retten.“

ME/SOUNDS: Hat nicht auch der liebe Gott schon mal durch dich gesprochen?

HAGEN: „Ja. det ooch. Und zwar hab ick da jefastet. Ick war weniger als 45 Kilo. Zwei Monate lang fast nix gefressen. Nur auf Kokain jewesen und plötzlich durchjedreht. Zusammenbruch psychisch, astral, alles. Zitternderweise ’ne ganze Nacht. In meinem Kopf schizophrene, böse Stimmen. Haben böse Sachen gesacht. Da bleibt jedem Menschen wirklich nur eine Chance: nämlich zu beten, um Hilfe zu flehen. In dieser Situation kann dir kein Doktor mehr helfen. Wie auch immer, jedenfalls gingen nach ein paar Stunden Beten das Zittern und der Schmerz und die bösen Stimmen endlich weg.“

ME/SOUNDS: Könnte es nicht sein, daß du unter ganz banalen Entzugserscheinungen gelitten hast, unter einem wüsten Turkey?

HAGEN: „Aber ein wüster Turkey ist doch der Kampf mit dem Bösen!“

ME/SOUNDS: Dem lieben Gott bist du gleich auf deinem ersten LSD-Trip begegnet. Wie sieht er denn aus?

HAGEN: „Na ja, er sieht immer anders aus. Er kann quasi Formen annehmen, you know? Seine Ausstrahlung ist die der übermäßigen, wahren, weisheitsvollen Liebe. Sieht aber nicht direkt wie’n Opa aus.“

ME/SOUNDS: Waren Drogen der Einstieg in deine übersinnliche Welt?

HAGEN: „Nee, die übersinnlichen Empfindungen hatte ick vorher schon, nämlich in meinem Kopf, der geschwirrt hat in der Pubertät – und auch schon lange vorher übrigens. Da hab ich schon gesucht nach einem ewig festhaltbaren, liebenden Überwesen.“

ME/SOUNDS: Nicht nach einem menschlichen Wesen?

HAGEN: „Das auch. Nur das mit den natürlichen Wesen hat immer sehr schlecht geklappt, wa. Die sind dann immer gleich mehrgleisig gefahren, und das war dann auf die Dauer auch nicht so harmonisch.“

ME/SOUNDS: Sind Drogen heute für dich tabu?

HAGEN: „Wenn jemand auf sein Glas Sekt nicht verzichten kann oder auf seine Flasche Brandy, dann ist das sein Bier. Ich würde als Präsident niemals Alkoholverbot aussprechen. Ich würde statt dessen versuchen, die Gesellschaft so super zu gestalten, daß alle Menschen kreative Sachen machen können.“

ME/SOUNDS: In deinem Buch machst du dir das sechste Gebot zu eigen: Du sollst nicht ehebrechen. Hält’s du dich dran?

HAGEN: „Wenn man eine Love Affair hat, dann muß man treu sein. In dem Moment, wo man nicht mehr treu ist, ist die Love Affair kaputt. Wenn ein neuer Partner am Horizont auftaucht, mit dem man zusammen sein will, dann beendet man die alte Beziehung …“

ME/SOUNDS: …und bleibt sich in Freundschaft verbunden?

HAGEN: „Ja, mit Herman Brood zum Beispiel mach ich bestimmt wieder mal’n Duett. Das läuft immer rasend. You know, speziell auf der Mattscheibe sieht’s immer sehr gut aus. ich und Herman, very exciting die Mischung.“

ME/SOUNDS: Nun bist du ja nicht nur Rockstar, sondern auch noch zweifache Mutter. Wie darf man sich als Außenstehender die Hausfrau Nina Hagen vorstellen?

HAGEN: „Well. I’m a nice homegirl. I cook nice, ich räume auf, damit’s schön aussieht bei uns und sauber, ich mach die Betten. Viel Freude mit den Kindern, Space, Gartenleben, Buddelkasten, Doppel-Tee. Einem Aquarium für Cosma habe ich allerdings noch nicht zugestimmt, denn wir sind oft weg, und die armen Fische würden dann wohl oder übel vertrocknen.“

ME/SOUNDS: Weißt du, wie man am Staubsauger den Schmutzbeutel wechselt?

HAGEN: „Well, das weiß ich nicht. Da frag ich dann meinen Freund. Oder Maddie. den Babysitter von meinem Sohn Otis. Der Staubsauger ist nämlich etwas tückisch mit mir. Aber dafür kenn ich mich gut mit den Knöpfen vom Cassettenrecorder aus.“

ME/SOUNDS: Das ist ja immerhin auch was Wesentliches, das muß man ja wohl können…

HAGEN:“… ja, und ich kann auch scratchen, wenn es juckt.'“

ME/SOUNDS: Im Zusammenhang mit dem Zerfall der Nina Hagen Band hast du mal gesagt: „Ich konnte nicht machen, was ich wollte, da war der Bruch total „Bist du ein Dickschädel?

HAGEN: Ja, definitelv.“

ME/SOUNDS: Deine Umgebung sollte sich möglichst nach dir richten?

HAGEN: „Of course.“

ME/SOUNDS: Mun finden ja bestimmt nicht immer alle alles prima, was du so treibst. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Musik und deinen prominenten Ziehvater, Wolf Biermann. Sagt der nicht manchmal: Menschenskind, was machst du bloß für ’nen Lärm?

HAGEN: „Mit Biermann ist das genauso wie mit vielen anderen Künstlern – daß sie eigentlich nur für ihre eigene Kunst Interesse haben und nicht groß Fan oder Plattensammler von anderen Künstlern sind. Ich bin da anders. Ich habe zum Beispiel sehr viele Platten von schwarzen Künstlern. Digital Underground, die Young Disciples, George Clinton, die Red Hot Chili Peppers und so, you know.“

ME/SOUNDS: Nun gibt es ja auch ein paar Leute, die Platten von dir im Schrank haben. Bestimmt auch deine Freundin Gloria von Thurn und Taxis. Bist du eigentlich so eine Art Muse für die? Zwischen euch beiden gibt’s ja augenscheinlich Parallelen.

HAGEN: „Gloria ist ein Lied auf meiner neuen LP gewidmet. Es fängt so an: „Mein Prinz, ein deutsches Königsmärchen, gewidmet Ihrer Durchlaust, Fürchtin Glühwurma von Tod und Trauer“. Aber was deine Frage betrifft: Vielleicht hat sich Gloria ja auch selber, aus ihrem eigenen königlichen Herzen inspiriert, und wir sind vielleicht kosmische Schwestern.“

ME/SOUNDS: Deine kosmischen Kenntnisse lassen dich ja auch fest an das Leben nach dem Tod glauben. Wie wird deins denn vermutlich aussehen?

HAGEN: „Also, ich hab ja diesen Tod auf LSD erlebt, und da hab ich IHN angefleht, nich‘ mehr zurück zu müssen. Ich mußte aber. Deshalb weiß ich: Wenn man erst mal da ist. dann will man nicht mehr hierhin zurück. Ich würde mir schon wünschen, zu Hause bleiben zu können nächstes Mal und nich‘ noch mal ’n Körper und so, also Geburt und alles, nochmal ’n ganzes Leben. Da wurde ich schon lieber zu Hause bleiben. Aber falls ich doch noch mal komme, werde ich wahrscheinlich gleich von Anfang an heilig sein.“

ME/SOUNDS: Hat man denn darauf tatsächlich einen Einfluß?

HAGEN: „Man kann sich das schon mal so angewöhnen. Als wunderschöne, perfekte Frau werde ich kommen. Ich werd mir noch ’nen besseren Körper kreieren. Bißchen größer, vielleicht wie die Äthiopierinnen. Bis dahin muß ich aber viel Geld verdienen, damit es bei meiner nächsten Inkarnation auch watt zu fressen gibt.“

ME/SOUNDS: Aber du willst ja gerne „zu Hause“ bleiben. Wie sieht’s denn da aus?

HAGEN: „Im ewigen Zuhause kannst du alles machen, watt de hier ooch machen kannst, bloß much better. Da kannst du dich aber nur aufhalten, wenn du nicht so nervös bist und wenn du nicht ständig ficken willst also wenn du nicht ständig mit jemand anders und so. Man muß schon heilig sein, um oben bleiben zu können.“

ME/SOUNDS: Im Moment bist du ja noch hier unten. Und du hast sogar eine Partei gegründet – „Green Dream „…

HAGEN: „Yeah, I am the real clean green queen, because als Mutter, als Mensch und als Nina Hagen, als alle drei von uns …“

ME/SOUNDS: …als die Heilige Dreihagenhafligkeit also?

HAGEN: „… yes, yes, yes – als diese drei sind wir damit beschäftigt, mit allen Menschen zu kollaborieren, die den Planeten beschützen. Welchen Namen auch immer jemand trägt, oder welches Gebet er spricht. Der Weltraumkrieg wird beendet werden wegen der überwiegend guten Kräfte. Im übrigen besteht unsere Vereinigung schon seit Menschengedenken. Die Vereinigung derjenigen, die sogar gefallenen Seelen in der Hölle durch Gebet Rettung verschaffen können. Diese Partei wird von allen gebildet, die auf irgendeine Art und Weise fürs Leben kämpfen, die mit ihren guten Gedanken die Welt in positiver Balance halten.“

ME/SOUNDS: Was hast du hier auf Erden sonst noch vor?

HAGEN: „Da gibt es beispielsweise Sketche von mir, die noch keiner kennt, weil ich bisher noch nicht meine eigene TV-Show im deutschen Fernsehen hatte. Aber das ändert sich jetzt gerade: Zum Beispiel habe ich im September zehn Shows hintereinander, jeden Tag, und zwar von der Berliner Funkausstellung. Außerdem arbeiten wir gerade an einer Serie über europäische Großstädte, in der ich meine Lieblingskünstler interviewe Maler. Rap Acts, Designer. Den Anfang macht selbstverständlich Paris.“

ME/SOUNDS: Die andere Show mit Nina Hagen also?

HAGEN: „Auf jeden Fall. Darauf warte ich schon lange. Ich zeige eine Vereinigung von Künstlern, die allesamt mit dem gleichen Herzschlag leben diese Leute, die kenn ich. und die feature ich.“

ME/SOUNDS: Apropos Herzschlag: Ist es nicht manchmal fürchterlich anstrengend, Nina Hagen zu sein?

HAGEN: „No, ich bin nun mal so. I’m a show girl, ich bin ’ne sexy Lady, ich kann“s einfach nicht ändern.“