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Kritik

„Parfum“ auf Netflix: Du riechst so gut (Kritik)

Die modrig-düstere Eröffnungsszene der 2018 für ZDFneo produzierten, Anfang 2019 auch im ZDF ausgestrahlten und nun auf Netflix verfügbaren Psychothriller-Miniserie „Parfum“ (ohne Artikel) verspricht Abgrundtiefes: Ein rotblonder Junge rennt einen Feldweg entlang, von einer modernen Villa auf dem Land zur anderen. In der Hand hält er eine blutige Haarsträhne. Sein Nachbar ahnt Schlimmes, rennt zum Haus des Kindes – und findet im Pool seine Mutter. Tot und leichenblass, im Wasser treibend. Abrasierte Haare, Schnitte im Achsel- und Intimbereich. Cut.

Polizistin Nadja Simon (Friederike Becht), ihr Kollege Maurer (Matthias Koehler) und Staatsanwalt Grünberg (Wotan Wilke Möhring) untersuchen den Tatort und finden weder Spuren noch ein Motiv. Im weiteren Verlauf wird klar, dass der Fall bis tief in die Vergangenheit seiner Beteiligten zurückreicht: Roman (Ken Duken) und seine Frau Elena (Natalia Belitski), der Zuhälter Butsche (Trystan Pütter), der in Paris lebende Parfümier Moritz (August Diehl), der bis heute „Zahnlos“ gerufene Daniel Sluiter (Christian Friedel), die Tote Katharina – sie alle kennen sich seit ihrer Jugend, die in Rückblicken (mit starkem Julius Nitschkoff als junger Butsche) aufgearbeitet wird, und tragen irgendein Geheimnis mit sich. Die Jungs gingen aufs Internat, mit den Mädchen lernten sie im Versteck ihre Körper und ihre Triebe kennen.

Internationales Kaliber

„Parfum“ spielt im Jetzt am Niederrhein (wurde aber nicht dort gedreht) und inszeniert den grenznahen Landstrich zwischen Ruhrgebiet und Nijmegen als Tristesse zwischen Autobahnen und Strommasten. Spätestens von der dritten von sechs einstündigen Folgen an macht die Serie keinen Hehl daraus, dass es sich zwar wirklich um kein Remake, aber um eine ziemliche Hommage an Patrick Süskinds 1985 erschienenen und im Frankreich des 18. Jahrhunderts spielenden Weltbestseller „Das Parfüm“ handelt, der einen Cameo-Auftritt kriegt. In ihren Teenagerjahren haben die Protagonisten, so erfährt man, eben jenen Roman gelesen und davon inspiriert selbst angefangen, Düfte zu extrahieren und herzustellen. Wie weit die Clique dafür ging, welche Ereignisse die Mitglieder zu dem machten, was sie heute sind und wer der Mörder von Katharina, genannt K, und weiteren Opfern sein könnte, davon erzählt Regisseur Philipp Kadelbach nach einem Drehbuch von Eva Kranenburg und unter Obhut von Produktionsmogul Oliver Berben (Constantin Film). Sehr gekonnt, aber leider auch zu sehr gewollt.

Zuschauer, die die Romanvorlage kennen, dürften die Zaunpfähle kaum noch aushalten, die auf Süskinds Protagonisten Jean-Baptiste Grenouille verweisen, sie aber dafür unweigerlich als solche erkennen. Zuschauer, die dieses Stück Weltliteratur nicht kennen, dürften im Bestfall gepackt werden von der für sie neuen Geschichte um den vollendetsten Duft der Welt und dessen Herstellung. Die Serie lässt sich deshalb einerseits spannend wegbingen und scheitert andererseits an ihren eigenen Ansprüchen: Mit „Parfum“ soll auf Teufel komm raus ein großes Ding erschaffen werden; eine Serie wie „Dark“, eine deutsche Produktion nämlich, über die die Welt redet. Die sie liebt, so wie Jean-Baptist Grenouille dank seiner grausamen Genialität einst von ihr geliebt wurde.

Viel Duft um Nichts

Das Finale der ersten Staffel verkackt leider alles: Sechs spannende Folgen lang, die immer ein bisschen drüber waren, haben wir einem hochkarätigen Ensemble dabei zugesehen, wie es mit seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart zurechtkommt oder daran zugrunde geht – und zum Schluss tut sich wie ein Abgrund im Drehbuch eine Wendung auf, mit der zwar nun wirklich niemand gerechnet haben dürfte. Aber eben auch eine, über die man den Kopf schütteln mag, sich etliche ungeklärte Fragen stellt und gleichzeitig ahnt, dass es eine zweite Staffel, in der sie beantwortet werden könnten und müssten, möglicherweise niemals geben wird. Ob die jemals angedacht war, ist ohnehin nicht bekannt.

„Parfum“, Staffel 1, sechs Folgen, jetzt auf Netflix im Stream verfügbar

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