Kritik

„Project Power“ auf Netflix: Kreative Bankrotterklärung zwischen Youtube-Vlog und Michael Bay

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Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, eine Kritik zu „Project Power“ zu schreiben – und das ist möglichst schnell. Denn es ist zu befürchten, dass sich der hochkarätig besetzte Action-Blockbuster aus der Produktionsschmiede Netflix genauso schnell wieder aus dem Hirn verflüchtigt, wie Zeit bleibt nach dem Ende den nächsten Trailer wegzuskippen. Wer Anspruch sucht, muss schon sehr genau hinsehen. Und das haben wir gemacht.

Zum Inhalt von „Project Power“: „Power“ ist eine mächtige Droge, die auf den Straßen von New Orleans ihre Runden macht. Der Clou: Wer auch immer die Pille schluckt, bekommt für kurze Zeit eine Random-Superkraft zugelost. Hätte das „Project Power“ eine Facebook-Seite, würde die halbe Unterwelt auf Like drücken. Das fällt auch Cop Frank (Joseph Gordon-Levitt) auf, der deshalb außer Sichtweite der korrupten Strippenzieher in der Stadt einen Undercover-Säuberungsversuch unternimmt. Sein Kontakt in die Szene ist die Dealerin Robin (Dominique Fishback). Und dann ist da noch Art (Jamie Foxx), der wiederum seine ganz eigene Racheaktion gegen die Superdrogenköche fährt.

Von „Nerve“ zu nervig kreativlos

Auf die Mattscheibe gebracht hat „Project Power“ das offenbar unzertrennliche Regisseuren-Duo Henry Joost und Ariel Schulman. Die beiden kann man vom zumindest soliden Social-Media-Eskalations-Thriller „Nerve“ oder dem zweiten und dritten Teil des „Paranormal Activity“-Franchises kennen. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Mattson Tomlin. Der zeichnet auch für das Buch von Matt Reeves’ anstehendem „The Batman“ verantwortlich. Und man kann nur hoffen, dass er sich mit „Project Power“ die Anfänger-Hörner abgestoßen hat. Denn in diesem Film lässt sich so ziemlich alles – von Handlung bis Action-Sequenzen – mit einem Stock in den Sand malen. Selbst wer Popcorn-Kino einfach mal Popcorn-Kino à la „Netflix an, Kopf aus“ sein lassen möchte, wird mit „Project Power“ nur sehr mühsam auf seine Kosten kommen.

Denn frische Ideen in Drehbuch und Inszenierung sind während des Produktionsprozesses wohl vor einen Bus gelaufen. Stattdessen präsentieren Joost und Schulman fast zwei Stunden einen visuellen Brei, der einer Mixtur aus Vlog (Fun Fact: Youtube-Koryphäe Casey Neistat ist Best Buddies mit Schulmans Bruder und vermutlich über diese Connection für eine winzige Rolle im Film gelandet) und Michael Bays „Bad Boys“ gleicht. Und beim Gott des absurd überzogenen Color-Gradings: Ist das wirklich ein Erbe, das man als junger und aufstrebender Regisseur mit rund 85 Millionen US-Dollar Netflix-Money in der Tasche unbedingt antreten möchte?

Wer dem Anspruch reiner Unterhaltung gerecht werden will, muss trotzdem Substanz liefern – und zwar in Form innovativer Ansätze. Stattdessen gibt es Einheitsbrei: flache Sprüche, die allen „Fight Club“-Überhöher*innen das Herz höher schlagen lassen. In der Filmkritik wird nicht umsonst davon gesprochen, dass das Ende der Pubertät von dem Moment beschrieben wird, in dem man merkt, dass „Fight Club“ nicht der beste Film aller Zeiten ist – und sich dies sicherlich auch im Subreddit „/r/im14andthisisdeep“ gut machen würde.

Netflix, Skip Bolen


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