Kritik

„The Umbrella Academy“ (Staffel 2) auf Netflix: Auf Selbstsuche in den Sechzigern

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Eigentlich kommen die neuen Folgen genau zur rechten Zeit. Da dieser Sommer aus allseits bekannten Gründen ohne große Superheld*innen-Blockbuster auskommen muss, könnte die zweite Staffel der „Umbrella Academy“ als willkommener Ersatz herhalten. Doch auch wenn die Hargreeves-Geschwister teilweise zu Recht mit den X-Men und den Avengers verglichen werden, geht es in ihrer Geschichte eigentlich gar nicht so sehr um ihre Superkräfte, sondern um das Zurechtkommen mit einer beängstigenden Vita und das (Über-) Leben in einer dysfunktionalen Familie. Jetzt noch mehr als zuvor.

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Zur Erinnerung: Wie 36 weitere Kinder allesamt im Jahr 1989 unter mysteriösen Umständen geboren, wurden die Sieben vom verschrobenen Milliardär Reginald Hargreeves (Colm Feore) adoptiert, der sie in der titelgebenden „Umbrella Academy“ im Kampf für das Gute trainierte. Während Luthers/Nummer 1′ (Tom Hopper) offensichtliches Talent seine übermenschlich großen Muskeln sind, kann Diego/Nummer 2 (David Castañeda) besonders gut mit Messern umgehen. Allison/Nummer 3 (Emmy Raver-Lampman) kann durch ihr Flüstern den Willen anderer Menschen beeinflussen, Klaus/Nummer 4 (Robert Sheehan) hingegen kann Tote nicht nur sehen, sondern auch mit ihnen sprechen – so auch mit Ben/Nummer 6 (Justin H. Min). Und während der namenlose Nummer 5 (Aidan Gallagher) durch die Zeit reist, schien Vanya/Nummer 7 (Ellen Page) lange keinerlei Kräfte zu besitzen. Väterliche Liebe stand bei alldem allerdings nicht auf dem Ausbildungsplan – entsprechend hadern alle Kinder bis heute mit ihrer Existenz. Wohl auch, weil sie weiterhin keine Ahnung davon haben, warum es sie überhaupt gibt.

Mehr Mensch als Superheld*in

Kein Wunder also, dass es die erwachsenen Geschwister in alle Himmelsrichtungen verschlagen hatte und sie erst als ihr Vater gestorben war, wieder aufeinandertrafen. Ebenso wenig überraschend ist, dass die erste Staffel sehr viel Zeit darauf verwenden musste, in dieses weite Szenario einzuführen. Obwohl von Anfang an mit einem poppigen Stil inszeniert, sorgte der weite Bogen für einige Längen. Von einer stereotypen Charakterzeichnung ganz zu schweigen. Nun könnte man anmerken, dass es in jedem Superheldenstreifen den Kräftigen, die Schnelle, den Gedankenleser et cetera gibt; dass diese Figuren nie viel mehr sind als ihre Fähigkeit. Aber „The Umbrella Academy“ versucht ausdrücklich mehr zu sein als das.

Und dieses „Mehr“ gelingt den Sieben ausgerechnet in den Sechzigern, umgeben von thematischen Klischeefallen, so viel besser als zuvor. Um seine Familie vor der Apokalypse zu retten, teleportierte Fünf sie Ende der ersten Staffel in die Vergangenheit. Dort muss er feststellen, dass der nächste Weltuntergang bereits unmittelbar bevorsteht: Im Jahr 1963 bricht ein Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion aus, weil etwas die Zeitlinie durcheinander gebracht hat. Seine Geschwister wissen davon nichts, da sie zwar ebenfalls in Dallas, Texas aufschlagen – aber ein paar Jahre zuvor. Es gilt also, sie ausfindig zu machen. Schon wieder ein Ende-der-Welt-Szenario? Keine Sorge, das Thema ist ähnlich wie in der ersten Staffel – und doch ganz anders.

Rassismus, Hippies & Kommunistenjagd

Denn als Fünf auf seine Geschwister trifft, haben die bereits einige Jahre in der Vergangenheit gelebt und sich entsprechend eingerichtet. Die Handlungsstränge, die sich dadurch ergeben, sind die Highlights der zweiten Staffel. Für Alison birgt der Trip in den amerikanischen Süden als Schwarze Frau wohl die größten Gefahren – aber auch großes Potenzial, sich jenseits ihrer Superkräfte für das Gute zu engagieren und endlich das Gefühl loszuwerden, dass sie nur dank ihrer Superkräfte Erfolge verzeichnen könne. Gemeinsam mit ihrem Ehemann schließt sie sich der Bürgerrechtsbewegung an. Vanya hingegen muss erfahren, was es heißt, zu ebenjener Zeit lesbisch zu sein – oder für eine Kommunistin gehalten zu werden. Durch diese eher ruhigen, realitätsverbundenen Storylines zeigt sich die Serie endlich von einer menschlicheren Seite.

Allerdings sind auch die neuen Folgen bunt und laut wie gewohnt: Die Kostüme sind teilweise cartoonhaft übertrieben (siehe Kate Walsh!), es gibt einen Bösewicht mit Goldfisch(-glas) als Kopf und außerdem ist die „Ikea-Mafia“, natürlich zwei überaus klischeeartig aussehende Schweden, hinter den Geschwistern her. Auch der eigensinnige, teils schräge Humor der Serie kommt erneut zum Tragen. Am besten funktioniert er bei Klaus, der im Bezug auf seine Drogen- und Sex-Eskapaden schon in der Gegenwart offen war, und nun (wie könnte es anders sein?) zum Anführer einer Hippie-Sekte wird. Robert Sheehan glänzt in der Rolle der schlaksigen, stets verpeilten aber unglaublich sympathischen Type ebenso wie Ellen Page als melancholische Weltenzerstörerin mit dauergequältem Gesichtsausdruck.

Es ist erstaunlich, wie gut es ausgerechnet einer derartig schrillen Mischung aus (pop-)kulturellen Referenzen, aus Sci-fi- und Fantasy-Elementen mit dem nötigen „human touch“ gelingen kann, eine Vielzahl an verschiedenen Gefühlen und Stimmungen hervorzurufen, ohne bemüht zu wirken. Es wird lustig, spannend, eklig, wohltuend unbeschwert, zeitweise ernst und sogar rührend. Zusammengehalten wird alles durch den bravourösen Einsatz von Musik, einem überaus gelungenen Soundtrack, der als roter Faden die unterschiedlichen Schauplätze miteinander verbindet. Dem Ergebnis kann man sich nicht entziehen – auch wenn man gar nicht so recht weiß, warum.

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