Psychedelia


Vor 20 Jahren waren es Gruppen wie Jef f erson Airplane, Gratet ul Dead oder Iron Butterfly, die – oft mit LSD – ihre Reisen an die Grenzen des Bewußtseins beschrieben. Selbst bodenständige Bands wie die Beatles, Bee Gees oder Stones ließen sich anno ’67/68 vom Zeitgeist anstecken und produzierten psychedelischen Pop. Was bis vor kurzem antiquiert erschien, ist heute wieder hip:

Nicht nur Pop-Götter wie Prince fabulieren im farbenfrohen Fieber-neue US-Bands wie Wendy Wild and the Mad Violets (Foto) imitieren die Initiatoren gar bis ins optische Detail. Und: Paisley-Hemden gibt’s inzwischen auch bei C&A

Die Zeit, die zwischen der Entstehung dieser Texte liegt, ist enorm – und dennoch steht ihr Inhalt, ihre Bedeutung für ein und dieselbe Sache: für die bewußtseinserweiternde Durchforschung des Geistes mit Hilfe der Musik. Der erste Textauszug stammt aus dem Song „Journey To the Center Of The Mind“, den Ted Nugent 1968 für seine damalige Psycho-Beat-Combo The Amboy Dukes schrieb; das zweite Textbeispiel kommt aus der jüngsten Popgeschichte und ist der Titelsong des märchenhaften Albums Around The World In A Day, das 1985 von Prince in die Welt gesetzt wurde. Mit diesem psychedelischen Werk verbeugt sich der Prince nicht nur vor dem manierierten Manifest der Pop-Art, SGT. Peppers Lonely Hearts Club Band, nein, Prince hat bei der Gestaltung seines Covers auch bei den frühen Bee Gees geklaut: Das verträumte Jugendstil-Logo Around The World In A Day ist im Original auf dem ersten Album der Bee Gees zu finden: Bee Gees 1 ST heißt es hier und wurde 1967 vom heutigen Trio-Produzenten Klaus Voormann entworfen.

Apropos Bee Gees: Die Debüt-LP beinhaltet wunderschöne, mit Streichern orchestrierte Popsongs, die auch psychedelisch waren („New York Mining Disaster 1941“, „Holiday“, „I Can’t See Nobody“ und „To Love Somebody“). Apropos Klaus Voormann: Der Graphiker, der auch als Bassist in Lennons Plastic Ono Band spielte, gestaltete 1966 das Cover zum Beatles-Album Revolver; auf diesem Album befindet sich „Tomorrow Never Knows“, das damals Fans und Kritiker gleichermaßen in Erstaunen versetzte: „Schalte deinen Geist ab, entspanne dich…“ sang da Lennon, dessen Stimme durch einen Filter verfremdet war. Doch noch befremdlicher klang das seltsame Soundgemisch aus Möwengezwitscher und fernöstlichen Klanggebilden. Die Beatles befanden sich im magischen Reich der Psychedelia, mit bedeutungsschweren Texten und sinfonisch verspielter Musik. Willkommen zur farbenprächtigen Reise in die entlegenen Zonen der Sinne, willkommen zu Sound & Vision der Psychedelia.

„Psychedelisch: rauschhaft; in der Hippie-Bewegung aufgekommene Bezeichnung für inspirierten Geisteszustand, der bei Genuß von Rauschgift eintritt; für den Stil von Kunstwerken, die in diesem Rauschzustand konzipiert werden und für die Geistesverfassung, in die der Betrachter solcher Kunstwerke versetzt wird. “ (Definition aus einem populären Fremdwörterlexikon) „Psychedelic/Acid Rock: Musik der psychedelischen Ära, die meistens den Versuch darstellt, die psychedelische Drogenerfahrung so gut es geht zu imitieren (oder zu kopieren). Beispiele der Acid Rock-Künstler sind u. a. die frühen Grateful Dead und die frühen Pink Ftoyd.“

(Rolling Stone) „Das andere Lieblingswort der Zeit war psychedelisch. Nach dem Wörterbuch bedeutet es bewußtseinserweiternd, aber in der Praxis, draußen in Kalifornien, bezeichnete es nur die künstliche Nachahmung eines Acid-Trips. Statt einfach dazustehen und zu spielen, verlegten sich die Gruppen darauf, sich mit Stroboskopen zu umgeben, mit Film-Projektionen, mit vorher aufgenommenen Bändern, mit Tänzern etc. Die Absicht war. eine Totalerfahrung zu machen, gleichzeitig alle Sinne zu reizen und zu fliegen.“

(Kritiker Nik Cohn in seinem Buch AWopBopaLooBop A LopBam-Boom) Der Begriff Psychedelia ist komplex und hat in der Pop-Geschichte immer für Verwirrung gesorgt. Vergessen wir all die bizarren Einschätzungen der Historiker, die z.T. auch falsch waren. Denn Psychedelia war nicht nur einfach ein umfangreiches Genre, noch war es ein blödes Schlagwort, das man benutzte, um unter einem buntgemusterten Schirm verschiedene Stile zu sammeln. Psychedelia war in seinem Ursprung eine bewußtseinserweiternde Strömung, die eine erste Idee vom Experimentieren in freien Formen lieferte.

Damals (1965-1969) wie auch heute, in den Blütezeiten der Psychedelia, war die Popmusik eingeengt durch die Form: Chart-Bands fabrizierten Hits – und Atonalität war Tabu (und wurde höchstens in den Garagen geduldet). Mit der Psychedelia fand die Befreiung der Rockmusik vom Hitparaden-Diktum statt. Die Musik begann, Bewußtsein zu etablieren und ihre eigene Tradition zu durchbohren; Rockgruppen aus San Francisco (Jefferson Airplane, Country Joe & The Fish, Grateful Dead) verleibten sich mit dem Blues traditionelle US-Musik ein (was heute bei vielen jungen Bands aus Amerika wieder der Fall ist: Rain Parade, True West, Dream Syndicate, Green On Red).

Damals gab es keinen gemeinsamen Sound – bis auf ein lockeres, nomadisches Improvisieren; man wählte aus vorhandenen Musikstilen aus und verband diese zu einer eigenen Einheit. Die Gruppe Kaleidoscope etwa definierte diese Qualität mit ihren Werken Side Trips und A Beacon From Mars: Mysteriös bewegte sich die Band vom türkischen Dröhn-Sound zum Cab Calloway-Swing.

Das neue Bewußtsein stellte die Ge/stesverfassung des Musikers auf die gleiche Stufe wie die Körperverfassung, die ja mit dem Hüftschwung von Elvis über die 50er Jahre hinweg die alleinige Rolle gespielt hatte. Das neue Bewußtsein bescherte der populären Musik aber noch mehr, u.a. das Konzept-Album (ein Album, das durch ein Thema vereint ist) und die Plattenhülle als Kunstwerk. Weiterhin eine ernstzunehmende Rock-Kritik, die eine neue Ästhetik verbreitete, auch Rock-Texte, die den Glauben nährten, daß Rockmusik die sozialen, politischen und sexuellen Verhältnisse verändern kann. Die psychedelische Vision revoltierte gegen die Hit-Maschinerie, man träumte von einer freien, nicht synthetischen Gesellschaft. Mit dem Auftreten der Psychedelia wurde in der westlichen Welt damit begonnen, die Popmusik ernstzunehmen.

Und heute? 20 Jahre danach? Es duftet wieder nach Bewußtsein, die Zeichen stehen wieder auf Psychedelia! Ganz oben auf den Bestenlisten von Film, Literatur und Musik regieren die wundersamen Fabelwesen; da wütet Mad Max über die Leinwand – und in der Literatur wird gerade eines der Standardwerke der 60er Jahre wiederentdeckt („Die Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ von Ur-Junkie Thomas De Quincey.

Kmmen wir zurück zur Musik der 80er Jahre, wo Mystizismus, alte Pyramiden, parfümierte Gärten Hand in Hand gehen mit einer Rückbesinnung auf das Vertraute, auf die eigene Tradition, auf das eigene Bewußtsein. „Die Leute wollen jeden nur möglichen Mystizismus erforschen, der noch in einem Land übrig geblieben ist, das einen fortlaufend mit dem Super-Kommerziellen bombardiert. Los Angeles ist der Kristallisationspunkt: Wir befinden uns hier an dem Punkt, wo Japan auf Europa trifft und Kurs auf den Mond nimmt. Das vorherrschende Gefühl ist: Treibe mit und sieh dich nicht um! Aber da gibt rs dieses existenzielle Bedürfnis jer Menschen, zu verweilen urj zu überprüfen, was es eigentlich in unserem Erbe alles gibt, warum man wieder über das eigene Land singt.“ Die philosophischen Worte kommen von Steven Roback, dem Sänger einer Band aus LA, die heute psychedelische Musik betreibt: The Rain Parade.

Es sind also wieder gefragt: Geheimnisse, Mystizismus, Farben, Farben – jeder will bunte Farben sehen und Halluzinationen & Visionen empfangen – so, wie es einst die Hippies auf den Feldern von Woodstock zelebrierten. Da dröhnt uns heute aus den Lautsprechern von Funk und Fernsehen die psychedelische California Dreaming-Mixtur der Firma K-TEL entgegen, die alle Hits der Hippie-Ära präsentiert: „Let’s Go To San Francisco“, „California Dreaming“ und schließlich „I Got You Babe“ von Sonny & Cher. In Amerika erschien vor drei Jahren nach dem K-TEL-Strickmuster ein Hit-Album für den Supermarkt unter dem Titel Hooked On Drugs, ein illustres Medley von Klassikern der Psychedelia. Es präsentierte unter dem Motto „Hooked On Hallucinations“ Songs wie „Eight Miles High“ (Byrds), „Lucy In The Sky With Diamonds“ (Beatles), „White Rabbit“ (Jefferson Airplane) und „Pictures Of Matchstick Man“ (Status Quo). Doch das Beste kam auf der zweiten Seite, die den Titel „Hooked On Heroin“ trug: „l’m Waiting For The Man“ (Velvet Underground), „Cold Turkey“ (John Lennon), „The Pusher“ (Steppenwolf), „Tonight’s The Night“ (Neil Young), „King Heroin“ (James Brown). Die Hausfrau im Supermarkt wartet noch auf Hooked On Drugs Teil zwei…

Inzwischen müssen wir uns fast 20 Jahre nach dem halluzinatorischen LSD-Spielen von Lennon und George Harrison (etwa „Happiness Is A Warm Gun“ vom Weißen Album, 1968) oder der LSD-inspirierten Botschaft „Rainy Day Women Numbers 12 & 35“ (1966) von Bob Dylan mit einem verträumten Dave Stewart (von den Eurythmics) begnügen, der uns im Video-Clip des Tom Petty-Songs „Don’t Come Around Here No More“ mit Sitar und Wasserpfeife im Guru-Sitz auf einem riesigen Pilz in die Augen schlägt. Ein anderer Held der Psychedelia, Jimi Hendrix (der den Blues verinnerlichte), wurde bereits vor einiger Zeit vom Pop-Duo Soft Cell modernisiert: Psychedelisch interpretierten Marc Almond und Dave Ball die Hendrix-Psycho-Klassiker „Hey Joe“, „Purple Haze“ und „Voodoo Chile“ – in einer Art, als würden sie aus der blumengeschmückten Windmaschine einer C&A-Young Fashion-Abteilung herausspringen.

Überhaupt scheint es heute beliebt zu sein, einen stinknormalen Song zu nehmen und ihn zu psychedelisieren: Da versammeln sich Studiomusiker unter dem Namen „The New Moscow Digital Orchestra“ und verleiben sich „In-A-Gadda-Da-Vida“ (1968) von Iran Butterfly ein. Andere gehen radikaler mit den Originalen um: Die Sisters Of Mercy, die in ihrer benebelten Erscheinung ohnehin aussehen, als seien sie direkt aus den 60ern mit einer Zeitmaschine herübergekommen, psychedelisieren mit ihrem Heavy-Metal-Trance „Gimmie Shelter“ (Rolling Stones), „1969“ (The Stooges), „Knocking On Heaven’s Door“ (Bob Dylan) und „Jolene“ (der Country & WeStern-Klassiker von Dolly Parton, den sich auch Strawberry Switchblade für eine Pop-Version griffen).

Die US-Band Shockabilly übernahm die Simon & Garfunkel-Schnulze „Homeward Bound“ in ihre psychedelische Vision und verfremdete das Original zu einer eindrucksvollen Geisterfahrt. Die Red Hot Chili Peppers waren auf dem Loreley-Festival zu bewundern, wie sie den Hendrix-Song „Fire“ interpretierten; gleichzeitig haben die Peppers noch „If You Want Me To Stay“ im Programm – ein Stück, das Sly & The Family Stone 1973 spielten. Sly war es bekanntlich, der die Soul-Musik mit psychedelischen Effekten erneuerte. Die düstere Danse Society spielte „Two Thousand Light Years From Home“ von den Rolling Stones neu ein – ganz im Stil eines mystischen Gotik-Rock-Sounds, den all die jungen britischen Bands der Post-Punk-Ära pflegten und der sie zu Vertretern der Neuen Psychedelia machte.

Mood-Six z.B. ließen mit ihrer Begeisterung für die 60er (The Herd, Yardbirds) den Sommer-Of-Love-Swing des Londoner Jahres 1967 Wiederaufleben und befinden sich bei ihrem Revival-Trip in der illustren Gesellschaft des Paul Weller, der mit seiner damaligen Combo The Jam Blümchen-Hemden und den Duft der Revolver-Periode der Beatles propagierte. Aus Liverpool traten die Neu-Psychedeliker Echo And The Bunnymen und Teardrop Explodes ins nebelbedeckte Licht; ihre Vorbilder waren US-Gruppen wie Love und Doors. Die Bunnymen, deren Debüt-Album Crocodiles (1980) nächtliche Farben schmücken, ergeben sich bei ihren Konzerten liebevoll den Riten des Sich-Einnebelns; ihr Song „Villiers Terrace“ handelt vom Besuch einer Acid Party. Teardrop Explodes mit ihrem Sänger Julian Cope als Psychedelic Guru lagen mit ihrem farbenprächtigen Sound mehr im orientalischen Rausch. Cope orientierte sich in seinen Solo-Werken immer mehr am besessenen Exzentriker Syd Barrett. Barrett, einst Mitglied von Pink Floyd, verschwand nach zwei genialen Solo-Alben in der Versenkung – bis ihn die TV Personalities mit ihrem Tribut „I Know Where Syd Barret Lives“ vor ein paar Jahren wieder ins Bewußtsein der Pop-Welt holten.

Andere britische Vertreter der düsteren Seite von Neo-Psychedelia, die mit ihrer Musik geheimnisvoll ins private Innere (mit oder ohne Drogen) einkehrten, sind Joy Division, Public Image Limited und Cabaret Voltaire; letztere vollzogen ihre Reminiszens an die 60er mit einer elektronischen Version des Seeds-Hits „No Escape“ (die Seeds mit ihrem Sänger Sky „Sunlight“ Saxon kamen aus Kalifornien und spielten harten Garagen-Rock, der mit psychedelischer Flower-Music angereichert war. Sky Saxon damals:

„Unsere Musik hat nichts mit Rock’n’Roll zu tun; sie basiert auf einer Melodie und auf einer Sprache, die ein Universum der Blumen, Farben und Gerüche ins Bewußtsein bringen. Daher nennen wir unsere Musik Flower Music.“)

Ebenso manifest sind die psychedelischen Visionen im Werk der Psychedelic Fürs und bei The Glove und The Creatures – zwei Bands, die sich aus Akteuren der frühen englischen New Wave-Szene zusammensetzen. Einer der Beteiligten war Cure-Sänger Robert Smith, der ein erklärter Fan von Hendrix und den Pink Floyd ist, was er auch mit dem nebulösen Sound der Cure-LP Pornography unter Beweis stellte.

Eine andere ehemalige Punk/New Wave-Formation – die Damned – verkleidete sich im letzten Jahr unter dem Namen Naz Nomad And The Nightmares für das Album Give Daddy The Knife Cindy zu einer psychedelischen Inkarnation – so wie es auch der XTC-Musiker Andy Partridge mit seinem Projekt The Dukes Of Stratosphear tat; diese Band imitierte nicht nur auf ihrem Album 25 O’Clock mit britischem Humor den Sound der frühen Pink Floyd, sie übernahm auch bei der künstlerischen Gestaltung des Covers Farben und Formen aus den bunten 60ern – von der Cream-LP DIS-Raeligears (1967).

Auf Pink Floyd beziehen sich auch die Kalifornier True West, deren Westcoast-Sound gleichzeitig im Stil der Quicksilver Messenger Service seinen psychedelischen Ursprung hat. True West interpretieren auf HOollywood Holidays (1983) den Song „Lucifer Sam“, den Syd Barrett für das psychedelische Schlüsselwerk der Pink Floyd The Piper At The Gates Of Dawn (1967) schrieb. Eine Syd Barret-Komposition – „Vegetable Man“ – mußte auch für die Verpsychedelisierung von Jesus & Mary Chain herhalten: Mit verstärktem Gitarren-Krach schickte diese Band den Song durch die dröhnende Zeitmaschine.

Jesus And Mary Chain gehören zu den exzessivsten Verfechtern einer neuen Psychedelia; gegen ihr orchestriertes Feedback-Chaos kommt keiner an, dagegen klingt alles andere wie tiefgefrorener Milchbrei (Ausnahme: die New Yorker Beestie Boys). In ihrer gespenstischen Musik, die von einem schreienden Gitarren-Feedback bestimmt wird, haben Jesus & Co. immer eine schöne Pop-Melodie versteckt; trotz des dröhnenden Sounds stehen die Songs in der Nähe einer urbanen Surf-Musik.

Ebenso unüberhörbar ist die Tatsache, daß auch (oder vielleicht gerade!) in der Heavy Metal- und Hard Rock-Szenerie das Herz für Psychedelia vergraben liegt; Beispiele hierfür liefern etwa Bands wie ZZ Top und Mountain: Der ZZ Top Gitarrist Bill Gibbons spielte einst beim Texas-Quartett Moving Sidewalks psychedelischen Garagenrock; die Moving Sidewalks traten damals im Vorprogramm der Jimi Hendrix Experience auf und hatten eine zerrende Metall-Version des Beatles-Hits „I Wanna Hold Your Hand“ im Programm. Leslie „West“ Weinstein wiederum, der Mountain-Gitarrero, spielte vor Jahren mit seiner Band The Vagrants eine Psycho-Punk-Version des Otis Redding-Songs „Respect“ (zu finden auf dem empfehlenswerten Doppelalbum Nuggets, Original Artyfacts From The First Psychedelic Era, 1965-1968).

Zum Schluß noch eine Anmerkung zum Phänomen „Paisley“, das heute immer wieder in Verbindung mit den 60er Jahren und der Psychedelia auftaucht. (Prince hat auf seinem jüngsten Album den Song „Paisley Park“, ein buntgescheckter, mit Gitarren-Feedback angereicherter Farbtraum). Paisley ist in der Mode ein exotisches Muster im Tränentropfen-Motiv, das märchenhaft tausende von Farben im orientalischen Stil vereint. Und in dieser Mehrfarbigkeit liegt auch die schillernde Verbindung zum multi-colorierten Traum des psychedelischen Musik- (und Drogen)-Rauschs begraben.

Dr 20jährige Sänger Michael Quercio von der psychedelischen LA-Band Three O’Clock brachte den Ausdruck „Paisley Underground“ in die aktuelle Musikgeschichte ein, um die im Stil so unterschiedlichen, aber gemeinsam arbeitenden Los Angeles-Gruppen zu beschreiben. Von einem Revival der 60er Jahre will er jedoch nichts wissen: „Wir versuchen nicht, ein längst vergangenes Zeitalter wieder zu neuem Leben zu erwecken, sondern einen Aspekt der Musik neu zu beleben, von dem heute die meisten Leute glauben, es sei geschmacklos, ihn zu spielen.“

Geschmackvoll und ironisch zugleich finden es die Talking Heads, wenn sie sich für die Plattenhülle ihres letzten Werks Little Creatures modisch in die psychedelische Paisley-Kleidung stecken: „Das war natürlich reine Ironie; die Klamotten gehörten uns gar nicht. Das hatte überhaupt nichts zu tun mit dem Psychedelic-Revival. Es ist wirklich lustig, wie das einige Leute ernstgenommen haben!“, sagt Tina Weymouth.

Andere Veteranen der Psychedelia nehmen das Thema heute ernster. Neil Young z. B., der vor vielen Jahren noch eine Jam-Session zusammen mit den Seeds veranstaltete, präsentiert sich auf seinem aktuellen Album OLD WAYS wieder farbenprächtig neo-psychedelisch; im Song „Misfits“ schildert er zu psychedelischer Streicherbegleitung seine persönlichen Visionen vor einem laufenden TV-Gerät. Auch John Cale, der Velvet Underground-Veteran, veröffentlicht 1985 mit Artifical IntelligenceE sein bisher psychedelischstes Album. Das Ende des psychedelischen Regenbogens ist nicht abzusehen.