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„Respektloser Müll! Drecksblatt! Schreiberlinge!“ – Unser Kommentar zum U2-Shitstorm im Netz

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Über Geschmack lässt sich streiten. Über Geschmack lässt sich nicht streiten – beide Sätze werden immer wieder gern zitiert, und beide sind wahr. Denn einerseits lässt über Geschmack sich nicht streiten, weil jeder einen anderen hat – andererseits gibt es keinen besseren Anlass für Streit als eben unterschiedliche Geschmäcker. Besonders bei einer so persönlichen, so sensiblen Angelegenheit wie der Musik.

Was ist passiert? Eine irische Rockgruppe von beachtlicher Marktmacht hat ihr neues Album einem Computerhersteller mit noch beachtlicherer Marktmacht verkauft. Für 100 Millionen Dollar, wie es heißt. Der Konzern – nennen wir ihn Apple – bringt die Musik der Gruppe – nennen wir sie U2 – zu Werbezwecken über sein Online-Musikverkaufsportal iTunes unter die Leute. Automatisch. Ganz gleich, ob diese Leute – nennen wir sie iTunes-Kunden – das Produkt – nennen wir es SONGS OF INNOCENCE – nun wollen oder nicht.

Für den „Musikexpress“ leistete daraufhin Reiner Reitsamer sogar noch ein wenig mehr als das, was ein Musikjournalist leisten muss. In kurzer Zeit verschaffte er sich nicht nur einen Eindruck von SONGS OF INNOCENCE, sondern fasste diesen Eindruck unter Berücksichtigung des oben geschilderten Marketing-Gags in Worte. In harte Worte. Mit journalistischer Neugier schaute er dem „geschenkten Gaul ins Maul“, wissen wollend, ob die „Altherren-Band“ mal wieder ein gutes Album aufgenommen habe, „wie zuletzt vor 14 Jahren“. Nur konnte Reitsamer sich des Eindrucks nicht erwehren, es mit einem „kalkulierten“, „aalglatten“ und „einschläfernden“ Album zu tun zu haben. Es handelte sich um eine zugespitzte Rezension, der der Verdruss des Rezensenten anzumerken war.

Ein Stich ins Hornissennest. Und die Hornissen schwärmten aus. Es folgte das, was man gerne einen „Shitstorm“ nennt. Kommentare über Kommentare im Sekundentakt, auf der Homepage des „Musikexpress“ wie auf der Facebook-Seite. Freundinnen und Freunde von U2, die Reitsamers verheerende Kritik nicht mit einem Schulterzucken abtun mochten. Auffällig häufig eingefordert wurde dabei immer wieder ein ominöser „Respekt“ vor der künstlerischen Leistung oder dem Lebenswerk der Band: „Respektloser Müll diese Rezi!!“, urteilte ein Leser, während eine Leserin wissen wollte: „Verliert ihr im Frust den Respekt vor eurem Themenfeld?“ Aber sollte der Respekt vor U2 nicht gerade dazu führen, sie an ihren eigenen Maßstäben zu messen?

Ebenfalls vehement kritisiert wurde die mangelnde „Intelligenz“ des Artikels, gerade so, als ob das Hören von U2 nur mit einem ähnlichen Vorwissen möglich sei, wie man es etwa für den Genuss von Krzysztof Penderecki oder die Lektüre von James Joyce an den Tag legen muss: „Ihr seid dumm!!!!“, lautete der entsprechende Vorwurf, ebenfalls zugespitzt. Gefordert wurde mehr „Objektivität“, manchmal sogar ein „wissenschaftliches“ Herangehen an die Sache, als wäre Musikkritik eine Frage von Fördergeldern, intersubjektiver Überprüfbarkeit und sterilen Laborbedingungen. Auch wurde „mangelnde Recherche“ bemäkelt, als funktioniere Kulturkritik wie die Enthüllung eines Wirtschaftsskandals. Entsprechend auch die obrigkeitshörige Frage, wie viele „Doktoren der Musik“ es denn in der Redaktion gebe.

Was die Leute gerne gelesen hätten, wäre vermutlich nicht einmal eine euphorische Kritik gewesen – dann hätte der Shit von der anderen Seite gestormt. Nein, es genügt vor allem im Netz eine Kritik, mit der „man leben kann“. Pointierte Urteile, mit Verve geschrieben, die liest man dagegen nicht so gerne. Da fühlt sich die Herde gekränkt und herausgefordert. Dann wird sie böse. Und wer böse wird, argumentiert „ad hominem“, zielt also auf den Menschen. Vermutet wurde, es handele sich bei den Redakteuren um „neidische“ mutmaßliche „Uni-Abbrecher“, die noch „in die Windeln gekackt“ hätten, als U2 bereits Stadien füllten. Ein Leser merkte an, dass selbst seine „Putzfrau besser, fehlerfreier und faktenreicher schreiben“ könne als die „Schreiberlinge“ bei diesem „Drecksblatt“, das übrigens „auch schon bessere Tage gesehen“ habe.

Wahrhaft wohltuend waren da schon lapidare Einwürfe wie: „Ich mag U2“. Denn darum geht’s. Man mag sie, aus Gründen. Oder man mag sie nicht, aus Gründen. Beides kann man sagen, und jeder kann es sagen. Wobei die sozialen Medien zu asozialen Medien werden, wenn ein geballter und multiplizierter Hass sich an etwas so Banalem wie einem missglückten Kunstwerk entzündet.

Zwei Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten. Erstens funktioniert Musikjournalismus offenbar noch ganz gut, und sei’s als emotionaler Durchlauferhitzer. Und zweitens ist es eine Frage des Charakters, ob sich über Geschmack streiten lässt oder nicht.

Arno Frank ist Autor des Buches „Meute mit Meinung – über die Schwarmdummheit“, in dem er kritisch Shitstorms und andere Phänomene der digitalen Welt beleuchtet.

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