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Retromania-Debatte: Wie wird populäre Musik zu Kunst?

Ist es eigentlich wünschenswert, dass Popmusik zu einer künstlerischen Disziplin wird?, fragte Diederich Diedrichsen in der SZ. Angelehnt ist sein Beitrag an die immer noch aktuelle Retromania-Debatte, die Simon Reynolds in seinem „Retromania“-Buch aufgeworfen hat. Hat die Zukunt noch eine Chance, wenn Popmusik nur noch besessen ist von seiner eigenen Vergangenheit?

Jonathan Fischer rezensierte für uns Reynolds Thesen.

Elektro-Oldschool, Blues- und Countryrock, sogar der einst abgrundtief verhasste Softrock der Siebziger und Achtziger gelten heute als der heiße Scheiß. Längst vergessene Bands tauchen wieder auf, und Bands wie Sonic Youth oder gerade Primal Scream bringen werkgetreu ihre klassischen Alben auf die Bühnen. Und ewig grüßt das Murmeltier.

Dabei ist Reynolds weniger besorgt um das verstärkte Interesse für vergangene Bands und Genres an sich. Revivals und die leidenschaftliche Fixierung auf ausprobierte Spielarten gehören seit den Anfängen zum Pop. So beschreibt er Dixieland-Revivals der Fünfziger, den Bluesfanatismus der Stones und Beatles und die letztlich reaktionären Tendenzen des Punk, der gegen Pomp, Komplexität und die Verfeinerung des Siebzigerjahre-Rock wilden Krawall und drei Akkorde aus dem Do-It-Yourself-Baukasten setzte.

Der in New York lebende Brite analysierte bereits die Sex Pistols und die Ära des Postpunk („Rip It Up And Start Again“). Mittlerweile beunruhigt ihn die schrumpfende Halbwertszeit der Vergangenheit. Im endlosen Recycling vermisst er die Haltung und Entschlossenheit, mit der früher Stile gegeneinander­gesetzt wurden. Stattdessen erkennt er eine frei flottierende, dennoch sehnsüchtig rückwärtsgewandte Ironie, die ohne Kontext und Ziel mit den historischen und regio­nalen Sounds spielt und sie dabei entwertet. Jegliche Substanz geht dabei flöten.

Natürlich, so Reynolds, hat das zunächst mit der digitalen Revolution zu tun. Mit der Explosion der Archive im Netz, dem endlosen Speicherplatz auf PC- und Sampler-Festplatten sowie dem unverstellten, von keiner Knappheit bedrohten, keiner Recherche geadelten Zugriff auf die Vergangenheit. Da muss die Zukunft irgendwann auf der Strecke bleiben.



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