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Altın Gün Yol


Glitterbeat/Indigo (VÖ: 26.2.)

von

Fast zu schräg, um wahr zu sein: Eine Band aus Holland re-imaginiert türkischen Folk der 70er, rockt damit die Festivalbühnen, wird für den Grammy nominiert, und dann gar zum legendären Coachella Festival in die Colorado-Wüste geladen. So kann’s gehen. Sicher war das Timing des Debütalbums von Altın Gün 2018 aber auch glücklich: Tanzbarer Psychedelic-Pop war seinerzeit auf seiner Revival-Klimax mit Bands wie den Temples. Zugleich entstand aber auch ein gewisser Overkill durch Bands, die ebendiesen Sound kopierten.

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Altın Gün hingegen klangen allein schon der türkischen Sprache und Harmonien wegen deutlich anders. Die ungeschriebene Regel, dass man sich fürs dritte Album ein Stück weit neu erfinden muss, um im Flow zu bleiben, beherzigen Altın Gün nun auf YOL: Sieben der zwölf Tracks basieren immer noch auf türkischen Traditionals; einer ist ein Cover des türkischen Folk-Sängers Neşet Ertaş (1938- 2012), ein anderer beruht auf einem Gedicht von ihm.

Die Langhalslaute Saz kommt auch wieder zum Einsatz. Allerdings geben Altın Gün den Synthies deutlich mehr Klangraum – und auch Klangfreak-Spielzeug wie dem spaßigen Omnichord. Auch die Giorgio-Moroder-Disco der späten 70er geht mit Altın Gün durch.  Darauf kann man prima schwofen, aber die Texte sind natürlich traurig: Von unerwiderter Liebe singen Altın Gün, davon, dass einer unter dem Aprikosenbaum erschossen wird, als er sein Mädchen treffen will, oder davon, dass das Mädchen zwangsverheiratet wird an den reichen Typ, woraufhin sich die wahrhaft Liebenden im Fluss ertränken.

Es geht aber auch frech: „Yuce Dag Basinda“ ist quasi ein Anti-Romeo-und-Julia, denn der Plan lautet, nicht über Nacht zum Darling ins Bett zu klettern, sondern erst am Morgen, wenn die anderen nicht aufpassen. Das verflixte dritte Album meistern Altın Gün mit Bravour.

„YOL“ im Stream hören:


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