Interview

Musiker*innen und der ausgefallene Festivalsommer: 10 Fragen an Altin Gün


Auf dem Jobmarkt für Musiker*innen sieht es derzeit ziemlich gespenstisch aus. Viele Alternativen neben dem Ausliefern von Essen blieben da nicht übrig für Jasper Verhulst von der Band Altın Gün: „Ich habe eigentlich keine anderen Fähigkeiten als Musik zu machen.“

Altin Gün ist eine sechsköpfige Band aus Holland. Sie macht anatolische Rock- und Folkmusik, die bis in die 1970er-Jahre der Türkei zurückreicht. Als Jasper Verhulst auf einer Istanbulreise die dortige Musik entdeckte, stand für ihn fest: Er will sie nicht nur konsumieren, sondern selber machen. Daraufhin gründete er 2017 Altın Gün (übersetzt: Goldener Tag), in der nur ein einziges Bandmitglied Wurzeln in der Türkei hat. Seit der Gründung ging es für die Band stets bergauf, 2019 wurden sie sogar für einen Grammy nominiert. Altin Gün ist vor allem eine Live-Band und ohne Festivalsommer sieht es auch für sie nicht gut aus. Warum sich Jasper Verhulst in Zeiten von Corona trotzdem keine Sorgen um die Existenz seiner Band macht, erfahrt Ihr im folgenden Interview.

Musiker*innen und der ausgefallene Festivalsommer: 10 Fragen an Provinz

ME: Was sind die Folgen der Konzert-Absagen für euch als Band und für eure Crew?

Verhulst: Für unsere Crew ist es in etwa das Gleiche wie für uns. Keine Shows bedeutet, dass es keine oder weniger Einnahmen gibt. Ich weiß, dass unser Live-Toningenieur gerade im Studio arbeitet. Er mischt Lieder für andere Leute. Das ist etwas, was er immer noch tun kann. Damit hat er Glück. Aber unser Tourmanager arbeitet auch für eine Konzerthalle hier in Amsterdam, die jetzt geschlossen ist. Meine Miete ist sehr niedrig. Aber manche Leute müssen 900 Euro bezahlen.

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Was muss für euch im Moment am dringendsten geklärt werden?

Vieles ist natürlich noch unklar. Es wäre schön zu wissen, wann wir wieder Shows spielen können, aber wir wissen es einfach nicht. Niemand kann wirklich sagen, wie sich diese Situation entwickeln wird. Vielleicht gibt es bald eine Impfung. Dann könnte sich alles ändern. Schwer zu sagen, aber alles, was wir tun können, ist weiter Musik zu machen. Wir arbeiten jetzt an einem neuen Album. Wir machen einfach so weiter, und ansonsten werden wir nur versuchen, mit kleinen Jobs hier und da zu überleben.

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Könnt ihr umreißen, wie groß der finanzielle Verlust für euch ist?

Wir bekommen etwas Geld von Plattenläden und Streaming, aber das ist sehr wenig. Also sind wir jetzt im Grunde ohne Einkommen, weil wir keine Shows spielen können. Wir müssen das einfach akzeptieren und weiter versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

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Hast du schon darüber nachgedacht, wie du möglicherweise die finanziellen Verluste ersetzen kannst?

Essen ausliefern mit meinem Fahrrad. Es gibt eine Menge solcher Möglichkeiten in Amsterdam. Ich habe eigentlich keine anderen Fähigkeiten als Musik zu machen.

Wenigstens bist du dann in Bewegung!

Genau! Außerdem gibt es Leute, die viel schlimmer dran sind. Es ist scheiße, aber wir werden die ganze Sache überleben. Zumindest sind wir alle gesund und haben ein Dach über dem Kopf. Auch wenn die Situation beschissen ist, wir haben immer noch unsere Gesundheit. Und es ist auch ein Reset für die ganze Welt und den Klimawandel. Es ist immer gut, die kleinen, positiven Dinge in einer Situation wie dieser zu sehen.

Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht euch gegen Ausfälle durch Höhere Gewalt versichern zu lassen?

Ich weiß, dass es das gibt, aber es ist sehr, sehr teuer. Das ist nur für Bands, die wie große Unternehmen wie U2 funktionieren. Aber für eine kleinere Band wie uns ist das nicht machbar.

Versucht ihr bereits, anderswo finanzielle Unterstützung zu bekommen? Oder habt ihr so etwas geplant? Sei es durch Regierungsprogramme, Sponsoren, Fans oder Crowdfunding- Kampagnen?

Nein, eigentlich nicht. Wir werden die Leute nicht um Geld bitten, weil es uns allen noch gut geht. Wir können nicht viel Geld ausgeben, aber jeder ist noch in der Lage, seine Miete zu bezahlen. Es ist also keine Notsituation für uns.

Befürchtet ihr, dass die Existenz eurer Band jetzt in Gefahr ist?

Nein. Das glaube ich nicht, weil es auch nicht mehr möglich ist, andere Bands zu gründen. Diese Band ist also im Grunde genommen nur auf Eis gelegt, aber wir machen trotzdem weiter Musik. Irgendwann wird es einen Punkt geben, an dem wir wieder raus können. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, machen wir einfach mit dem weiter, was wir vorher gemacht haben.

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Bringt diese Zeit euch als Band vielleicht sogar näher zusammen?

Vielleicht, in gewisser Weise. Wir sehen uns nicht mehr. Wir sind alle getrennt, aber wir haben zweimal wöchentlich Online-Meetings und senden uns gegenseitig neue Ideen, und so etwas haben wir noch nie zuvor gemacht. In gewisser Weise bringt es uns also musikalisch fast schon näher zusammen.

Welche Erwartungen habt ihr an mögliche Veranstaltungsverbote über den Sommer hinaus? Einige Experten sagen sogar, dass es die nächsten Jahre so hart bleiben könnte.

Das ist wirklich schwer zu glauben. Ich denke, wir sollten uns vielleicht darauf vorbereiten. Aber ich glaube auch, dass es, wenn es so lange dauern sollte, eine neue Form des Geldverdienens mit Musik geben wird. Wenn es wirklich über Jahre so sein wird, dann wird es eine neue Form von Live-Shows geben, von denen Musiker profitieren können. Ich bin kein Mensch, der sich viele Sorgen macht.

Gibt es eine bestimmte Show, auf die ihr euch besonders gefreut habt?

Das Coachella Festival wäre eine große Sache für uns gewesen. Der Termin wurde auf Oktober verschoben, aber es ist immer noch ungewiss, ob es dazu kommen wird. Ich weiß aber nicht, ob ich mich wirklich so sehr auf dieses Festival gefreut habe, weil es sich auch sehr groß und unternehmerisch anfühlt und es vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Das ist vielleicht nicht ganz mein Ding. Aber Coachella wäre trotzdem etwas Anderes gewesen, etwas Besonderes. Aber ich muss sagen, dass ich mich immer auf jede Show freue. Ich mag es einfach, diese Musik live zu spielen und zu sehen, wie die Leute sie genießen.

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