Arctic Monkeys Favourite Worst Nightmare


Domino Records (Goodtogo)

von

Hype? Welcher Hype? Unter dem Begriff „Hype“, so lernen wir durch die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“, „werden meist kurzlebige, in den Medien aufgebauschte oder übertriebene Nachrichten verstanden, die gezielt von lnteressensträgern zur Werbung für bestimmte Ideen oder Produkte lanciert wurden.“ Die Arctic Monkeys können damit nicht gemeint sein. Weil „Kurzlebigkeit“ etwas anderes bedeutet als das, was mit der und um die Band aus Sheffield in den Monaten seit Januar 2006, als ihr Debütalbum veröffentlicht wurde, passiert ist. Weil die Sensationsnachrichten alle wahr sind: Internethysterie, ausverkaufte Konzerte, das sich am schnellsten verkauft habende Debütalbum in der Geschichte der englischen Charts, pipapo. Weil weder die Arctic Monkeys sich selbst als „Produkt“ sehen, noch von ihrer Plattenfirma wie eines behandelt werden.

Sagen wir’s so: Die Arctic Monkeys sind anders als andere Bands. Bei den großen Festivals, wo die Mainstream-lndie-Bands ihre Möchtegern-Rockstarshows abziehen, stehen die Arctic Monkeys einfach auf der Bühne und spielen ihre Lieder – in ihrer charmanten, pickeligen, bauchansätzigen, unsexy Bubenhaftigkeit. Sie weigern sich, den strikten Zweijahres-Alben-Erscheinungs-Rhythmus (Stichwort: „Produkt“) einzuhalten – die Veröffentlichung ihres Debüts WHATEVER PEOPLE SAY I AM THAT’S WHAT I’M NOT liegt gerade einmal 15 Monate zurück. Und, was vielleicht der wichtigste Aspekt beim Anderssein der Arctic Monkeys ist, sie weigern sich auch noch, ein „schwieriges“ zweites Album aufzunehmen, denn zweite Alben sind immer dann „schwierig“, wenn sie schlechter sind als die ersten.

Womit wir bei favourite worst nightmare wären, einem dezenten Upgrade des Debütalbums von 2006, dem vielleicht unschwierigsten zweiten Album der jüngeren Musikgeschichte, einem, das den ausgestreckten Mittelfinger zeigt in Richtung derer, die vor einem Jahr noch „Hype!“ gerufen haben. WHATEVER PEOPLE SAY I am, that’s wh at i’m not war damals eine hübsche Sammlung von Punk-infizierten Songs, die mit ihrer Ahnung von Funk und Soul sich allesamt zu Indie-Dancefloor-FüIlern empfohlen hatten. Auf dem zweiten Album gibt es das, was man von den Arctic Monkeys erwartet: Songs, die unerwartete Richtungen einschlagen, immer einen Haken mehr als die von der Konkurrenz, Songs, die angetrieben werden von einer funky Rhythmusgruppe, plus Alex Turners raue Bubenstimme plus eine Handvoll „neuer“ „Ideen“, die sich allerdings nicht mit der Brechstange Zugang verschafft haben, sondern eher wie eine vage, aber sehr bestimmte Ahnung über diesen Songs schweben: ein Hauch von Ska in Tateinheit mit Kirmesorgeleien („Fluo rescent Adolescent“), Surfgitarren („Do Me A Favour“), ein Prog-Gitarren-Intro, das King Crimson zur Ehre gereicht („If You Were There, Beware“), eine Ricky-Nelson-Ballade inklusive verhallter Blues-Gitarren aus dem Land der Bewusstseinserweiterung („Only Ones Who Know“), ein Song („505“), der mit seinem sehnsüchtelnd schwelenden Keyboard so klingt, als wäre er dem Soundtrack eines in den 50er-Jahren spielenden Roadmovies, das in denzoer-Jahren gedreht wurde, entnommen.

Das alles ist so tight gespielt und arrangiert, dass kein Blatt, kein Pieps, keine Note zwischen diese Schichten aus Gitarren und Keyboards passt. Das nennen wir dann maximale Nutzung der Ressourcen. Es gibt eine lange Tradirionslinie von großen Bands, die ihr Unvermögen, gute Songs zu schreiben, hinter einer meterhohen Mauer aus Sounds und Effekten verstecken wollen (von Oasis bis The Killers) und mit dieser arglistigen Täuschung bei ihrem Publikum locker durchkommen. Die Arctic Monkeys haben das nicht nötig. Hinter ihrer Soundmauer stehen zwölf Songs zur Abholung bereit. Sie können nicht anders, als gute Songs zu schreiben. Sie haben „Brianstorm“, ein Lied, für das andere Bands aus Großbritannien Morde begehen würden, zur ersten Single gemacht. Der Riffrocker hat mächtig Feuer unterm gitarrengetriebenen Arsch und ist das schwächste Stück auf diesem Album.


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