Arctic Monkeys Whatever People Say I Am That’s What I’m Not


Domino Records (Goodtogo)

von

Irgendwie schade, daß dieses Album wie das Post Scriptum für ein Jahr wirkt, in dem es sich schon ziemlich gut als musikalisches Sahnehäubchen gemacht hätte, würde es nicht erst 27 Tage nachdem dieses Jahr, das „England-Jahr“, zu Ende gegangen ist, erscheinen. Aber vergessen wir nicht, daß die Arctic Monkeys ein Bestandteil des Jahres waren, in dem ihr Album nicht mehr erschienen ist. Weil sie zwölf Monate hinter sich haben, in dem sie mit nur zwei Singles in der Hinterhand ausverkaufte Club-Konzerte, Fanhysterie, Indie-Groupie-Huldigungsstatus und das ganze Zeug erreicht haben, das die Hype-Skeptiker schon im Vorfeld ein bißchen mißtrauisch macht.

Das Arctic-Monkeys-Debüt Whatever People Say I Am That’s What I’m Not macht mehr als jedes andere britische Album der vergangenen zwölf Monate deutlich, daß es dem hysterischen Fan, dem Nase-am-Backstage-Fenster-Plattdrücker, dem Indie-Groupie (der die Demoversionen dieser Songs selbstverständlich schon seit Monaten als mpjs besitzt), nicht um die Musik, um die Differenzierung von Stilen und Ästhetiken, um Einordnung und Einflüsse geht, sondern in erster Linie darum, den heißen Scheiß als erster zu haben. Anders läßt es sich nicht erklären, daß eine Band wie die Arctic Monkeys ein Euphoriefeuer entfachen werden, aber sich wahrscheinlich wieder kein Schwein dafür interessieren wird, wer dieses Feuer vor wie vielen Jahrzehnten ursprünglich gelegt hat. Stichworte: Wave-Pop, Non-Indie-Rock, aber auch und vor allem 70er-Jahre-Funkund -Soul, was schon eher selten ist im Indie-Kontext.

„The View From The Afternoon“ zum Beispiel. Der Rock-Rocker mit so schweren Gitarren wie seit langem nicht mehr aus Großbritannien zeigt, daß die Band aus Sheffield nicht nur – wie die anderen üblichen Verdächtigen – ihre Lektionen bei The Clash und The Smiths gelernt hat, sondern auch schon was von Queens Of The Stone Age gehört hat. „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ ist der Überhit, der die Arctic Monkeys mindestens bis in die nächste Saison hinüberretten wird Schweinegitarre meets Britpop-Ästethik meets unwiderstehlichen Refrain meets Maximum Tanzbarkeit, und trotzdem beschleicht uns das Gefühl, daß die Arctic Monkeys auf dem Dancefloor scheiße aussehen. „Fake Tales Of San Francisco“ ist der andere Hit; dieser funky, souly Motherfucker von einem Song gibt eine Ahnung davon, weshalb immer wieder Sly Stone, Marvin Gaye und Parliament im Zusammenhang mit den Arctic Monkeys genannt werden. „Dancing Shoes“ ist auch so ein Schweine-Gitarren-Monster, in dem sich ein 70er-Jahre-Funk-Song versteckt, der auf Indie-Kompatibilität gebügelt werden will. Ansonsten hat es bei den Arctic Monkeys mit Alex Turner, einen Sänger, der manchmal nach dem ganz frühen David Bowie klingt und manchmal nach dem ganz frühen Johnny Rotten, ein paar manische, hüpfende (Funk-)Baßgetriebene Rocker („Red Light Indicates Doors Are Secured“, „You Probably Couldn’t See For The Lights But You Were Looking Straight At Me“) inklusive 70er Jahre Schweine-Gitarrensoli, die in grellen Farben die baldige Wiederkunft des Rock-Rock-Teufels an die Wand malen.

Daß Whatever People Say I Am That’s What I’m Not nach hinten hin ein bißchen ausfranst, daß man nicht unbedingt 13 Songs brauchen würde, um den Witz, den die Arctic Monkeys erzählen wollen, verstanden zu haben, ist – Verzeihung – scheißegal. Weil dieses Album vielen guten alten und neuen Musiken dieser Welt ein Denkmal setzt und weil es schöne Geschichten erzählt, falsche und vor allem die richtigen. In „Fake Tales Of San Francisco“ wettert die Band so herrlich naiv und unschuldig gegen die Oberflächlichkeit und die Verhaltensmuster in Indie-Land – gegen Band-Hypes und alles, was dazugehört, die großen Rockgesten, der schnelle Sex, die Drogen. Wo wir schon beim Thema sind, überlassen wir das vorletzte Wort Noel Gallagher, der neulich in seiner charmanten Art seine Meinung über die Arctic Monkeys kundgetan hat: „Arctic Monkeys? Well, they never get anywhere with a name like that. „Wir widersprechen dem Oasis-Kopf nur ungern, tun es aber trotzdem.


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