MGMT Congratulations


Sony Music VÖ: 9. April 2010

Das Schöne an den Optionen, die der Pop bietet: Es geht immer noch anders anders als anders. Als MGMT vor ein paar Wochen erklärten, das etwas andere Album aufgenommen zu haben, war ja zu befürchten, dass sich diese Andersartigkeit vielleicht in dieser schwer nachvollziehbaren Prog-rockigen Opulenz ihrer Konzerte manifestieren würde. Dass der Nachfolger des 2008er Albums ORACULAR SPECTACULAR durch längliche Improvisationen und wenig zielführende Gniedel-Gitarrensoli geprägt sein würde, die man eigentlich nie wieder hat hören wollen. Eine Einschätzung, die durch die Ankündigung der New Yorker, keine Singles aus ihrem zweiten Album zu veröffentlichen, noch verstärkt wurde. Aber: es ist alles gar nicht so schlimm gekommen, das Kapitel MGMT muss nicht vor der Zeit zu den Akten gelegt werden. CONGRATULATIONS ist nicht das störrische, widerspenstige und dahingerotzte Album geworden, mit dem zarte und beleidigte Künstlerseelen gegen die Tendenz des Rosinenpickens im Downloadzeitalter protestieren, sondern ein hübsch anachronistisches Plädoyer für ein Tonträgerformat, das in der Gegenwart immer mehr an Bedeutung verliert. So neu ist das ja nicht, was MGMT auf ihrem zweiten Album aus dem Hut zaubern. Man muss sich CONGRATULATIONS so vorstellen, wie es Vanwyngarden und Goldwasser angekündigt haben: ORACULAR SPECTACULAR ohne Hits. Spät-60er/Früh-70er Psychedelia inklusive Flöten, Orgel, Halleffekte und hymnische Gesänge, krautige Sphärenklänge, zwischen The Zombies, Buffalo Springfield, Ennio Morricone, frühen Tangerine Dream und den Pink Floyd kurz nach dem Ausstieg Syd Barretts. MGMT arbeiten hier mit einer unverschämten sonischen Eleganz. Effekte, Sperenzchen und die Ungeradheiten, die die Songs davor bewahren zu „instant hits“ zu werden, sind nicht selbstzweckmäßig eingesetzt, sondern unterfüttern die innere Logik der Lieder. Wurde zu Zeiten von ORACULAR SPECTACULAR die opulente Art-Pop-Nummer „Metanoia“ noch auf einer 12-Inch versteckt, platzieren MGMT das über zwölfminütige „Siberian Breaks“ im Zentrum ihres zweiten Albums, ein Song, der auf einer sanften Westcoast-Easy-Listening-Welle dahergesurft kommt.MGMT legen auf CONGRATULATIONS ein paar offensichtliche Fährten für Nerds und Spurensucher. „Song For Dan Treacy“ ist eine Hommage an den Sänger/Gitarristen der Television Personalities, „Brian Eno“ eine an eben den und „Lady Dadas Nightmare“ als Referenz an den größten zeitgenössischen Popstar zu lesen. Und die Wahl des Produzenten Pete Kember (Spacemen 3, Sonic Boom) als überdeutliches Insider-Statement – die Erinnerung an die in Vergessenheit geratene psychedelisch-bedrogte Seite des Indie-Rock der 80er-Jahre. Eines wird Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser wahrscheinlich überhaupt nicht gefallen. Der vordergründige Eindruck der Hitlosigkeit des Albums – kein „Kids“, kein „Electric Feel“ und kein „Time To Pretend“, Lieder, mit denen die Crowd auf in Drögheit zu versinken drohenden Indie-Partys ganz legal vor dem Einschlafen gerettet werden können – ist nach eingehender Beschäftigung komplett verschwunden. Irgendwann, wenn CONGRATULATIONS zum Freund geworden ist, wächst die Erkenntnis, dass es sich bei Liedern wie „It’s Working“, „Flash Delirium“ und „Brian Eno“ um die Singlehits handelt, die nie als Single zu haben sein werden – und das Bedauern, dass man wahrscheinlich nie erfahren wird, was Soulwax, Justice und Holy Ghost aus diesen Liedern hätten machen können.


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