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Interview

Sa-Roc im Interview: „Ich möchte Grenzen für Frauen im HipHop aufbrechen“

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Ursprünglich studierte Sa-Roc Biologie, doch merkte sie schnell, dass die Materie sie nicht vollkommen erfüllte. Assata Perkins, so ihr bürgerlicher Name, hatte Geschichten zu erzählen und Dinge, die sie in der Welt verändern wollte. Was einst mit dem Verfassen von Gedichten anfing, brachte sie durch die Beats ihres Produzenten Sol Messiah zum Rap – mit Erfolg. Nun nutzt sie ihre Musik als Plattform, um sozialkritisch Probleme im System anzusprechen, eigene Erfahrungen zu verarbeiten und die Geschichte ihres Vaters, der Farmarbeiter während der Rassentrennung war, neu zu erzählen. Dazu trafen wir die 39-Jährige zum Interview und sprachen mit ihr über Sexismus im HipHop, Rassismus gegen die Schwarze Community und ihr aktuelles Album THE SHARECROPPER’S DAUGHTER. 

Musikexpress.de: Seit Deiner ersten EP ASTRAL CHRONICLES, die Du 2008 veröffentlicht hast, warst Du musikalisch sehr produktiv und hast insgesamt zehn Alben herausgebracht. Woher kommt Dein hoher Output?

Sa-Roc: Ehrlich gesagt, habe ich fast die ganze Zeit auch einen Vollzeitjob gehabt (lacht). An einem Punkt hatte ich sogar drei Jobs gleichzeitig, während ich Musik produzierte und ich musste auch wieder zurück zur Schule gehen. Die Musik war währenddessen mein kreatives Ventil, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit dem, was ich tat, meine Bestimmung nicht erfüllte. Ich arbeitete damals lange in meinem Job und war sehr gestresst. Durch die Rap-Musik konnte ich mich freier fühlen. Wenn ich schrieb, kanalisierte ich eine andere Seite von mir, die ich wirklich liebe. Ich konnte über Dinge sprechen, die ich im Alltag hätte nie loswerden können. Ich schrieb, um vom Job loszukommen, was am Ende auch geklappt hat.

In Deinen Songs thematisierst Du Deine eigenen Erfahrungen, Feminismus, Rassismus und die Sklaverei in Amerika. Auch in Deiner Single „Forever“ beschreibst Du, dass Rap Deine Form der Therapie sei. Wie fühlt es sich für Dich an einen neuen Song zu schreiben?

Es kommt dabei auf den Inhalt des Songs an. Wenn es etwas ist, mit dem ich mich wohl fühle und für das ich Verständnis entwickelt habe, ist es für mich einfach. Schwieriger wird es, wenn der Inhalt etwas darstellt, das mich noch verletzt und emotional werden lässt, aber ich die Notwendigkeit darin sehe darüber zu sprechen. Es sind eben Geschichten, die die Leute hören sollten und die vielleicht nicht erstrangig durch die Musik kommuniziert werden. Ich denke aber, dass dies der Kampf des Künstlers ist, sich durch Herausforderungen durchzuarbeiten, um dem Hörer etwas zu vermitteln, das ihn vielleicht dazu anregt ein bisschen tiefer in sich selbst hineinzugehen. Es gibt Millionen von Songs über Geld und Coolness. Aber wo bleiben die bedeutungsvollen Gespräche, in denen man einen menschlichen Teil von sich offenbart? Denn manchmal wache ich auf und fühle mich nicht so toll, aber man muss daran arbeiten und erkennen, dass man trotz dieser dunklen Momente gut ist wie man ist und  es verdient geliebt und gesehen zu werden.

Video: Sa-Roc – „Forever“

Auch in Deiner Single „Wild Seeds“ rappst Du darüber, dass die Ratschläge Deiner Mutter Dir bei diesem Prozess geholfen hätten. Welcher Rat von ihr hat Dir am meisten dabei geholfen als Frau aufzuwachsen?

Ich habe das Gefühl, dass der stärkste Ratschlag, den mir meine Mutter gegeben hat, durch die Worte eines Songs kam. Als ich aufwuchs, hatten wir nicht viel Geld, weshalb mich meine Eltern wie einen kleinen Tomboy anzogen, mit kurz geschnittenen Haaren. Ich sah dadurch nicht wie die anderen Kinder aus, weshalb ich auch in der Schule gemobbt wurde. Und jeden Morgen als ich vor dem Spiegel stand, sang meine Mutter den Song „Shining Star“ von Earth, Wind and Fire. Das hat mich aufgemuntert und mir klar gemacht, dass ich trotz der Welt und der Gleichaltrigen, die mir sagten, dass ich nicht zugänglich sei oder dass ich es nicht verdient hätte, ich doch einen Platz in dieser Schule oder der Welt und diesem Leben habe – und das kann mir niemand wegnehmen. Es war eine Inspiration für mich, darauf stolz zu sein, wer ich bin und was mich ausmacht, egal wie die Leute versuchen mich umzuformen und an ihre Standards anzupassen. Ich zelebriere alles, was mich ausmacht und dieses Gefühl nutzte ich auch als Inspiration für meine Single „Forever“.

Du scheinst dies auch an andere Frauen weitergeben zu wollen. Betrachtet man Dein Musikvideo zu „Wild Seeds“ erinnert die Darstellung der gezeigten Frauen an ein Gemälde.

Ich wollte Schwarze Frauen in ihrer königlichen Natur darstellen. Und wie könnte man das besser machen als mit Frauen, die stark und mächtig sind! Wir müssen nicht immer etwas tun oder beweisen, manchmal reicht es aus, wenn wir einfach nur da sind und fest zu unseren Stärken stehen. Deswegen wollte ich diese wunderschönen Frauen selbstbewusst zeigen, gerade weil ältere Frauen weise Begleiter in unserem Leben symbolisieren. Frauen wie meine Mutter, aber auch wie meine Vorfahrinnen, die vor mir lebten und die ich nie getroffen habe, deren Leben und Geschichte jedoch mein Leben beeinflusst haben. Vor allem, weil wir in einer Welt leben, in der besonders Schwarze Frauen angegriffen, missbraucht und respektlos behandelt werden. Dieses Video war eine Ehre und ein Fest dafür, dass wir einen sicheren Raum haben, in dem wir uns gegenseitig feiern und lieben können.

Video: Sa-Roc – „Wild Seeds“

Intersektionalität beschreibt vor allem die Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Frauen und People of Colour. Wie kamst Du dazu dieses Thema mit Rap zu vereinen?

Ich glaube, dass es eine unbewusste Einscheidung war. Die Musik stellte für mich immer eine Erweiterung meiner selbst und meines Denkens dar. Und gerade im HipHop gab es, nach der Ära der 90er, immer weniger Frauen zu sehen. Man hatte diese Idee, dass Frauen nicht gut genug seien, um sich im gleichen Raum wie ihre männlichen Kollegen zu befinden. Wir wurden sozusagen an den Rand gedrängt, marginalisiert und es wurde nur ein paar Künstlerinnen der Zugang zu HipHop gewährt. Es waren Frauen wie Queen Latifah, Lauryn Hill und Yo Yo mit denen ich aufgewachsen bin und durch die ich erkannt habe, dass ich diese Zeit zurückbringen möchte. Musik erschaffen, in der ich darüber rappe, dass wir Frauen gemeinsam als Kollektiv stärker sind und uns gegenseitig unterstützen müssen. Ich möchte diese Grenze, die im HipHop aufgebaut wurde, zerbrechen, weil wir es verdienen vertreten zu werden.

Es scheint bis heute schwierig für Frauen im HipHop zu sein. In „Options“ sprichst Du darüber, oft als „trotzige“ Frau betitelt zu werden, weil Du über politische Themen rappst.

Ja, genau! Man wird bei solchen Aussagen echt wütend, aber man weiß, dass man trotzdem weitermachen muss. Auch wenn es herausfordernd sein kann, gerade, wenn man sieht, dass das männliche Pendant genau das Gleiche tut und dafür keine Verachtung erfährt. Aber es ist wichtig vorwärts zu gehen und sich dabei von furchtlosen Frauen inspirieren zu lassen, die weiterhin ihre Meinung sagen und weiter kämpfen. Wir haben es bereits bei vielen Frauen gesehen, dass sie Bezeichnungen wie die „nasty woman“ oder „B.I.T.C.H.“ zurückfordern und zu Stärke, Macht und Selbstbewusstsein umdefinierten. Immer mit der Kernaussage, dass man uns nicht durch Beschimpfungen zum Schweigen kriegt. 

Video: Sa-Roc – „Options“

Neben Feminismus thematisierst Du auch Rassismus. Dein Vater war Farmarbeiter während der Rassentrennung. Warum hast Du Dein Album sogleich THE SHARECROPPER’S DAUGHTER genannt?

Mein Vater und seine Erfahrungen als Farmarbeiter hatten damals großen Einfluss auf mich. Es war schlimm, diese Grausamkeit zu sehen, die Schwarzen Menschen zu dieser Zeit zugefügt wurde, die in einer Umgebung von Rassismus und Armut lebten. Das hat auch die Art und Weise geprägt, wie ich die Welt gesehen habe. Und als ich aufwuchs, mochte ich es nicht, von dem Schmerz und der Wut in den Geschichten zu hören, die er mir von klein auf erzählte. Auch ich selber habe, als ich älter wurde, Erfahrungen mit Ungerechtigkeit und Rassismus gemacht und erkannte, dass ich einige Dinge so erlebe wie mein Vater – nur in anderen Kontexten. Meine Geschichte, unsere Geschichte ist noch immer von viel Not, Schmerz und Trauma geprägt. Das ist immer noch da und es ist unvermeidlich. Und wir müssen das ansprechen, wir können uns nicht davor verstecken. Aber gleichzeitig müssen wir auch die Schönheit und das Positive hervorheben und all die Möglichkeiten und das Potenzial dessen, was wir sein und was wir der nächsten Generation hinterlassen können. Deswegen war es mir wichtig sein Vermächtnis in meiner Musik hervorzuheben und ihn durch den Titel zu ehren.

Du beschreibst in „Options“ auch, dass Du nie aufhören wirst über die Geschichte und die Probleme im System zu rappen. Wie könnte man noch dem Vergessen entgegenwirken?

Wir sollten weiter darüber sprechen! Es hat eine Wirkung, wenn wir über diese Dinge sprechen, denn diese unterdrückerischen Systeme oder Menschen in Machtpositionen, die „kleine Personen“ zum Schweigen bringen wollen, können in einem Vakuum operieren. Sie sind in der Lage zu agieren, wenn diese Menschen keine Möglichkeit haben, für sich selbst zu sprechen. Aber wenn das Rampenlicht auf sie fällt, und das haben wir historisch gelernt, wenn wir an die Bürgerrechtsbewegung in Amerika denken, zwingt es sie ihr Verhalten zu ändern.

Du hast insgesamt zweieinhalb Jahre an dem Album gearbeitet. Wie kam es zur Deluxe Version mit sechs weiteren Songs?

Weil es eine Einschränkung für ein Album gibt und ich 15 Songs aussuchen musste. Dabei hatte ich noch Lieder, die wichtige Themen ansprechen, mir am Herzen lagen und die gehört werden müssen. Sie geben der Geschichte einen Kontext und die Geschichte ist nie zu Ende erzählt. (lacht)

Arbeitest Du bereits an neuen Projekten?

Ich arbeite gerade an dem nächsten Album. Ich habe noch viel zu sagen!

THE SHARECROPPER’S DAUGHTER (DELUXE EDITION) VON SA-ROC IM STREAM HÖREN:


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