Sarah Kuttner – Die Kolumne


Endlich! Deutschland ist das erste fußballbegeisterte Land südlich von Schweden, das behaupten kann: Wir haben eine egal frisierte Ost-Karrieristin als Kanzlerersatz. Böse Gerüchte, sie sei eine Frau, konnte Angela Merkel vom Tisch fegen. Dafür hat sie jetzt den irgendwie glammig-verlebten Münte an ihrer Seite, und der wirkt neben Angie wie eine wandelnde Damenhandtasche. Angela Merkel ist auch der erste Kanzler, der im Wahlkampf sehr oft die demnächst über uns schwappende Modefarbe „nude“ (körperfarben) trug. Nude, eigentlich eine Nichtfarbe, die an menschliche Haut erinnern soll (tatsächlich aber eher an Leberwurst gemahnt), wurde auf den Herbstmodenschauen vor allem von Dior gepusht. Ziel ist es, den Körper und somit die Form wieder zum Zentrum der Modemacherei zu machen. Heißt: Wir werden im Frühjahr alle aussehen wie körperbetonte Leberwürste. Das führt direkt zurück zu Angela Merkel und der Frage: Ist es p. c, der ersten Kanzlerin ihre Hängegesichtigkeit vorzuwerfen? Eine Frage, die mit einem ohrenbetäubenden Ja beantwortet werden muß: Gerade weil sie eine Frau ist, hat sie ein Recht auf den gleichen unpfleglichen Umgang wie männliche Hängegesichter. Gleiche Gürtellinienuntergrenze für alle! Das sollte der Leitspruch der neuen Koalition werden: Wir müssen den Gürtel wieder tiefer hängen! Haken wir’s ab: Deutschland hat Grund, dieemotionalen Korken knallen zu lassen. Wir sind Kanzlerin. Wir sind Frau. Deutschland hat Brüste. Werwird im neuen Kabinett eigentlich Pop-Beauftragter? Ich finde, man sollte den Job jemandem von außen geben, keinem Berufspolitiker. Klaus Meine scheidet aus, der ist zu eindeutig mit seiner Rolle als Vorsitzender der Schröderjugend belegt. Am besten war’s, die neue Regierung wählte einen Pop-Beauftragten, der durch den aufwendigen Job vom Musikmachen abgehalten wird. Warum nicht eine Frau? Vielen mag das unvorstellbar erscheinen: Eine Frau als Popbeauftragte – wie sieht das denn aus? Aber mir fiele da direkt jemand ein: Nena! Nena, die im leberwurstfarbenen Regierungsoverall in schlecht beheizten Proberäumen junge Bands zum Deutschgesang ermutigt – das stelle ich mir erfreulich vor. Genug der knallharten Polit-Analyse; ab jetzt möge sich wieder der Mantel der Politikverdrossenheit über das Land legen. Als weiterer Trend steht übrigens diesen Winter die Musikverdrossenheit an. Die hat einen Grund: Musik ist überall. Noch schlimmer: Die immer gleiche Musik ist überall. Wer eine Coffee-lo-go-Filiale findet, in der nicht Norah Jones, Katie Melua, ein Soft-Jazz-Sampler oder Jack Johnson läuft, kriegt von mir eine Leberwurst to go. Während in den Latte-macchiato-Terrortempeln immer nur die Seelenumpuschelungsmusik läuft, wird man es genauso schwer haben, ein Tattoostudiozu betreten, indem man nicht kurzhosiger Nu-Metal-Musik ausgesetzt ist. Allein ein Austausch der beiden Musikfarben (kurzhosiger Ziegenbart-Metal in Kaffeebuden, Norah-Jones-Gezirpe in Tattoohütten) könnte die Musikverdrossenheit spürbar lindern. Aber vermutlich muß doch die Politik ran und einen musikfreien Sonntag verhängen. Deshalb bin ich für die Einführung eines Anti-Spaß-Ministeriums. Den Posten könnte Peter Struck kriegen der wirkt funfeindlich und ist der deutsche Politiker, der schon immer am meisten nach Leberwurst (= nude) aussah.