Kolumne

Paulas Popwoche: Sharepics müssen sterben, damit wir leben können

Lies diesen Text, sonst kommst du in die Hölle! Paula Irmschlers Rant über Social Media.

Letztens hab ich noch versucht, es für tot zu erklären, aber vielleicht lohnt sich doch ein kleines 2016er-Revival – und zwar in Form von guten alten Rants, die es damals sehr viel gegeben hat. Vor einem Jahrzehnt waren sie wohl auf ihrem Höhepunkt oder Tiefpunkt, je nachdem, von wo aus man draufguckt. Meistens ging es um irgendwelche Phänomene, für die andere Leute standen: Gentrifizierungserscheinungen, Sachen, die Leute aßen, tranken, lasen, hörten, sich anzogen, wie sie dabei aussahen und so weiter.

Der Rant musste die Sache riesig aufblasen, sodass die gemeinten Leute dadurch überhaupt erst zur Gruppe gemacht wurden und dann für alles mögliche Schlimmere mitverantwortlich gemacht werden konnten. Es war natürlich oft spielerisch, aber auch ein Zeichen dafür, dass es manchmal einfacher ist, sich gegenseitig anzuschwärzen als die wirklich Mächtigen und deren Strukturen.

Einander beweisen, wie scheiße man ist!

Also, hier ein Rant. Er startet natürlich mit einer guten alten Alltagsbeobachtung.

Es ist Frühstückszeit, um 11 oder so. „Schatz“ (Name geändert) sitzt schon am Tisch, der bereits gedeckt ist (die Sachen wurden auf den Tisch gepfeffert). Ich sehe die geliebte Person und denke mir: Och, wie süß, jetzt schön dazusetzen. Gedacht, getan – wir sitzen, die Brötchen, die Aufschnitte, das Zeugs, der Kaffee, alles da! „Schatz“ liest auf dem Handy rum, Nachrichten sicher, Chats, wasweißich. Ich weiß, dass es viele Leute gibt, die sich verbieten, morgens direkt am Handy zu düdeln – das ist immer mal Thema in den Medien. Ich muss das gar nicht, weil ich mir kognitiv gar nicht vorstellen kann, wie man morgens direkt ans Handy will. Ich muss erstmal in meiner Wohnung stehen und denken: Ahja, Wohnung. Tisch, Stuhl, Fenster, Wasser, Popmusik, Hände, Füße und so weiter. Dann irgendwann kann man hier und da mal reindaddeln. Diese Sache mit dem Dopamin, von der viel geredet wird, hab ich nicht so sehr, nicht mehr, was weiß ich. Ich bin nur in Ausnahmezuständen Social-Media-süchtig, falle mal ins Loch. Im Alltag aber nicht wirklich – zu viel zu tun mit Tisch, Stuhl, Händen und so.

Aber es soll ja gar nicht um mich gehen – bei Rants geht es um andere.

„Schatz“ ist also am Handy, VON MIR AUS, denke ich großzügig. Aber dann ist irgendwas im Internet drin, das schlimm sein muss, denn von der Seite höre ich ein „Oar nee, oder!“. Mir fällt auf, wie oft ich mittlerweile neben Leuten sitze, die diese Flüche gegen ihre Bildschirme schießen:

Ist nicht deren Ernst!
Come on!
Bitte was?
Ach du Scheiße!
Wow, ist das dumm!

Ich weiß, dass man das selten sagt, während man gerade bei Spiegel, Tagesschau oder Reddit unterwegs ist, sondern meistens bei Insta und Co. Und zwar: weil man dort ein Bild mit einem Spruch drauf gesehen hat. Und der Spruch ist KRASS. Es ist eine unfassbare Aussage von jemandem oder ein sogenannter Fakt oder ein unglaubliches Vorkommnis in Schriftgröße 20 oder so – jedenfalls eine absolute Frechheit, entweder auf einem Gesicht oder dem Foto von irgendwas.

Ich weiß das auch, weil ich selbst manchmal diese Person bin, die Worte gen Handy schießt. Auch an diesem Morgen bin ich nur 10 Minuten später diese Person, weil in meinem Arbeitschat jemand den Screenshot einer Überschrift reingeladen hat. Und ich so: „Ach du Scheiße, ja, da sollten Köpfe rollen!“ Oder so ähnlich. Jedenfalls total peinlich affektiert, fackelmarschmäßig.

Man sieht ungefragt diese Dinge auf seinem Handy, weil sie einem reingespült werden. Weil sie jemand gemacht hat, wird man nervös bis wütend und kann danach erst herausfinden, was dahintersteckt. Link in Bio, selber googeln und so – wenn man die Zeit dafür hat. Manche machen das aber aus Prinzip einfach gar nicht, liken das Spruchbild, posten es direkt weiter, machen einen Screenshot davon, starten Shitstorms, verbringen den Tag damit. Wer kann es ihnen verübeln?

Wir lassen uns doof davon machen

Okay, dies ist ein Rant. ICH VERÜBLE ES IHNEN. Naja, ehrlicherweise (komm, es ist 2026) verüble ich es UNS. Wir lassen uns doof davon machen. Wir müssen das wirklich zurückweisen, wo es geht. Impulskontrolle diesdas. Gucken, worum es wirklich geht. Nur wenn wir bissl mehr Zeit haben, im World Wide Web surfen. Es darf nicht so sein, dass wir völlig den Verstand verlieren, nur weil auf einem Gesicht, das manche Leute als schmierig oder gefährlich kategorisiert haben, irgendwo das Wörtchen – sagen wir zum Beispiel: „Antisemitismusskandal“ – rumschwebt, und wir nicht weitergucken, was da los ist und wie wir das einordnen wollen.

Aber die Strukturen … JA. Redaktionen sollen damit aufhören, besonders größenwahnsinnige Aussagen aus Gesagtem rauszuquetschen. Ungefähr so: „Denkst du, du solltest der Präsident der Welt sein? Wär doch witzig!“ Und die Person antwortet ein bisschen ironisch: „Ach, warum eigentlich nicht! Wenn sie mich schon so fragen!“ Und am nächsten Tag steht überall: DIESE FRAU HÄLT SICH FÜR DIE CHEFIN DER WELT. Gesichter werden so literally geframed. Und oft hat man eben gar nicht die Zeit zu schauen, was dahintersteckt, was die Person wirklich gesagt hat und so weiter. Aber es hat sich beim Scrollen schon so eingebrannt. Und dann sieht man das Gesicht irgendwann wieder und denkt: Ah ja, das ist doch die Chefin vom Antisemitismus. Da war doch irgendwas.

Überhaupt ist alles in den sozialen Medien mittlerweile sehr stark auf Ragebaiting angelegt. Durch die Konkurrenzverhältnisse im Kapitalismus werden wir darin bestärkt, einander alles möglichst schlecht auszulegen, weil wir Feinde im Kampf ums Obenseinmüssen sein sollen. Promis, Politiker:innen, Künstler:innen und alle anderen sichtbaren Leute sind insgeheim eigentlich arrogant und verkommen – und wir müssen es nur herauskitzeln und detektieren, weil wir einander enttarnen sollen, als wären wir Cops. Aber niemand, der cool ist, will Cop sein. (Außer vielleicht ein kleines süßes Kind, weil es noch nicht so viel weiß.)

Also können wir es anders machen. Und wir können das auch gänzlich ohne ebenjene Polizei und Konsorten machen. Wir müssen nicht immer auf Social-Media-Verbote warten, drängen oder hoffen. Wir müssen sie auch nicht fürchten. Wir müssen nicht hinnehmen, was die Konzerne uns hinwerfen, und jenen Politiker:innen, die den Konzernen zu nah sind, nicht die Lösungen überlassen. Wir können uns was Eigenes überlegen. Bessere soziale Medien zum Beispiel. Wir machen was zusammen! Ihr seid eingeladen an meinen Frühstückstisch. Nehmt euch gern vom Schinkenspicker (vegan).

Das war der Rant!

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ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.