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So war es bei der MUSIKEXPRESS Klubtour in München: Abriss im Zeichen des Technos

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Wenn dir zur Eröffnung deines Clubs selbst die 68er-Ikone und Münchnerin Uschi Obermaier ein Glückwunsch-Fax schickt, kannst du als Betreiber nicht viel falsch gemacht haben. Die Rote Sonne, namentlich an einen Film mit La Obermaier angelehnt, ist seit weit über zehn Jahren der Hotspot für Techno-Musik in Bayern. Auch über die lokalen Grenzen hinaus ist der Laden seit langem bekannt als eine DER Club-Institutionen Deutschlands.

Aftermovie

Kein Wunder also, dass MUSIKEXPRESS und Wodka Gorbatschow zu Beginn ihrer fünf Städte starken Klubtour hier zur großen Eröffnungsparty im Zeichen des Technos geladen haben. Ein bisschen Klassentreffen-Feeling herrscht, denn nicht nur ME-Chefredakteur und Exil-Münchner Albert Koch verbindet viel mit diesem Ort. Auch DJ Hell, einer der drei DJs an diesem Abend, kennt hier Pult und Publikum von früher. Und letzteres kennt vor allem ihn. Als nach einem großartigen Auftakt-Set von Rote-Sonne-Resident und Opening-Act Maxim von Terentieff der Altmeister des Genres um 1 Uhr das Zepter übernimmt, stimmen sich die Gäste mit den obligatorischen Pfiffen und Jubelrufen auf die beiden Stunden mit Helmut Geier alias DJ Hell ein.

DJ Hell live bei der MUSIKEXPRESS Klubtour in München

Da ist die Frau weit jenseits der 40 mit ihrer silberglitzernden Daunenweste und kurzen schwarzen Shorts, die ekstatisch ihre Arme zum Takt bewegt. Daneben tanzen junge Typen mit umgehängten Bauchtaschen und blicken konzentriert aufs Pult des Club-Dirigenten DJ Hell. In der Ecke vor der hübsch illuminierten Wodka-Gorbatschow-Bar knutscht ein älteres Paar. Sie sehen aus, als hätten sie hier in der Roten Sonne nicht zum ersten Mal die Ecke für sich gepachtet.

Allgemein fällt auf: Man kennt sich hier in München, in der elektronischen Szene. Viele alte Bekannte, Wegbegleiter der Clubbesitzer und Freunde der DJs treffen auf ganz junge Gesichter. Diejenigen, die den Techno nicht wie Großmeister und Detroit-Techno-Innovator Juan Atkins – dem finalen Act an diesem Abend – oder Deutschlands Techno-Grandseigneur DJ Hell, seit über drei Jahrzehnten bereichern. Diejenigen, die das Clubbing, den Techno, die wummernden Beats, das tinnitusartige Rauschen im Ohr danach erst noch neu entdecken. Und diejenigen, die ganz adrett gekleidet mit Hemd und Jackett vielleicht einfach mal Bock hatten, einzutauchen in diese Welt.

Womöglich hat der ein oder andere von ihnen aber auch einfach nur die 089-Bar über der Roten Sonne mit dem Techno-Nachtclub darunter verwechselt. Falls das so ist, dann zu ihrem Glück, denn was die drei Discjockeys am Freitag über sechs Stunden auffahren, verdient Respekt. Gerade weil es bis heute eine große Kunstform ist, ganz ohne Band und Instrumente ein Publikum derart vielseitig zu unterhalten.

Zu Beginn des Abends und auch im Verlauf lädt Klubtour-Moderatorin Uli Brase die Herren Maxim von Terentieff, DJ Hell und zuletzt auch Juan Atkins aus Detroit zum Gespräch. Schön zu sehen dabei, wie gelassen alle drauf sind. Uli strahlt, die Herren wirken im Gespräch entspannt. Übrigens auch das geschulte Barpersonal, das an der Wodka-Gorbatschow-Bar sowie der Hauptbar lässig zum Beat mitwippt und einen Moscow Mule nach dem anderen mixt. Und man sieht gerade den Altmeistern an, wie viel Freude ihnen dieser Beruf auch nach langer Schaffenszeit noch zu machen scheint. Zwischen 3 und 5 Uhr ballert das finale Set von Großmeister Atkins aus den Boxen, der zuvor zum ausführlichen ME-Interview mit Cheffe Albert geladen war. Angestrahlt von aufwändigen Visuals und eingeräuchert von der Nebelmaschine tanzt das Publikum, bis die Beine irgendwann versagen und das Licht in der Roten Sonne wieder angeht.

So viel Ekstase – und das trotz Rauchverbot in den Clubs (als Berliner sind wir da etwas verwöhnt) – hätten wir ja fast nicht erwartet. Wir haben übrigens gehört, dass einige ME-Mitarbeiter auf dem Heimweg noch versucht haben, eine Pommes beim Bergwolf an der Fraunhofer Straße aufzutreiben. Die Würschtlbrater wussten allerdings nicht, dass Techno-Adel in der Stadt spielt und haben ihren Laden glatt wie immer um 4 Uhr geschlossen. So mussten die armen Ausgehungerten mit leerem Magen am frühen Morgen zu Bett. Das mit den längeren Öffnungszeiten am Wochenende üben wir noch einmal, München.

Ansonsten Danke für diesen Auftakt und bis zum nächsten Tourstopp am 30. September in Hamburg. Mojo Club, wir erwarten einiges. Und bitte liebe Pommesbuden-Besitzer des Nordens, denkt an unsere Mägen!

Alle Infos zur Klubtour findet Ihr auch auf unserer Themenseite unter musikexpress.de/klubtour

Thomas Neukum
Thomas Neukum
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