Nachbericht

So war es auf dem 50. Roskilde Festival: Mit guten Gedanken nach Hause fahren

von

Man kann sich nicht dagegen wehren: Nach vier Tagen auf dem Roskilde denkt man viel über Festivals nach. Wie sie organisiert werden. Wer dort hingeht. Welchen Zwängen sie ausgesetzt sind. Was sie kosten. Was sie einspielen. Was man auf den Bühnen sieht. Wie man sich als Besucher*in dabei fühlt. Das tut man aber nicht, weil es in diesen Punkten irgendwelche Defizite gäbe, sondern weil man noch immer nachhaltig erstaunt ist. Man denkt Sätze wie: „Hä? Das geht? Ein 120.000-Menschen-Festival kann SO sein?“

Das muss man vielleicht ein wenig erklären: Das Roskilde ist eines der ältesten Festivals Europas – und eines der größten. Im Gegensatz zu den meisten Playern in dieser Größenordnung ist es allerdings keine kommerzielle Unternehmung. Die Ursprünge des Roskilde liegen in der seit den 30ern aktiven lokalen Organisation Foreningen Roskildefonden, die sich in der Umgebung von Roskilde (das übrigens nur 20 Zugminuten von Kopenhagen entfernt liegt) dafür einsetzte, Kindern und Jugendlichen Kultur, Sport und Bildung zu ermöglichen. Das führt zur großen Besonderheit des Festivals, die Mads Mikkelsen, Leiter für Kommunikation und Marketing (und NICHT Schauspieler), in einem Pressegespräch mit uns fast nebenbei zur Sprache brachte: „Niemand von uns verdient Geld.“

„Niemand von uns verdient Geld“

Roskilde wird von einem Verein betrieben, der weiterhin in der Satzung stehen hat, jungen Menschen Kultur und Musik nahezubringen. Zwar hat der Verein ein paar Angestellte, die das ganze Jahr über jeden Tag für das Festival arbeiten, aber selbst der technische Leiter der recht legendären „Orange Stage“ (die übrigens den Rolling Stones nach einer Welttournee abgekauft wurde) zum Beispiel nimmt für das Festival seinen Jahresurlaub. Gleiches gilt aber auch für alle anderen Kräfte: Die Zapfer*innen kommen oft mit Sportvereinen oder Jugendorganisationen, die mit Essens-Ständen und Bars Geld für ihre Belange sammeln. Die ausgebildeten Securities werden verstärkt von tausenden Student*innen oder anderer Kids, die für ein paar Stunden Arbeit am Tag das Festival erleben können.

Neben den knapp 100.000 zahlenden Gästen, kommen also noch tausende Volunteers dazu, die einen sehr großen Einfluss auf den guten Vibe des Festivals haben. Das Festival selbst verdient zwar auch einen Haufen Geld, wenn alles gut geht, aber auch dieses Geld wird nach Abzug der Kosten und Reinvestitionen für das Folgejahr ausgeschüttet – an Kultur-Projekte, Jugend- und Hilfsorganisationen. Seit Bestehen des Festivals wurden auf diese Weise 407 Millionen Kronen verteilt – umgerechnet knapp 55 Millionen Euro.

Man verzeihe den Ausflug in diese hippiesk oder weltverbessernd anmutende Entstehungsgeschichte: Aber sie ist nötig für die folgende Pointe. Das Krasse dabei ist nämlich, dass Roskilde im Herzen eine zutiefst politische Angelegenheit ist. Aber: Wem das alles am Arsch vorbei geht, der kann auch einfach die absolute, eskapistische, hedonistische Festival Experience durchziehen. Man ist als Besucher*in ja eh in diesem so verdammt guten System gefangen, ähnlich wie bei den „Saufen für den guten Zweck“-Parties, die mancher noch aus seiner Punk-Jugend kennt. Man gibt also irgendwie eh schon – auch wenn man sich seinen Spaß nimmt und sich nicht um alles andere schert. Auf diese Weise geht es völlig klar, dass viele Dänen und Däninnen Roskilde wie eine Art „Spring Break“ oder Abschlussfahrt angehen, andere wiederum die richtig fetten Acts wie Post Malone, Dua Lipa, Megan Thee Stallion und Tyler, The Creator sehen wollen, die man halt nur auf den Riesenfestivals sehen kann, die sich das leisten können.

Zum Niederknien gut: Phoebe Bridgers beim Roskilde Festival 2022

Trotzdem wird es immer wieder passieren, dass man plötzlich in den Gig einer afrikanischen Death-Metal-Band stolpert, sich von brasilianischer Popmusik anfixen lässt, oder an einem Graffiti stehen bleibt, das einen schockiert zurücklässt – weil es die Geschichte eine Vergewaltigung erzählt, die vor Jahren auf dem Festival passiert ist und die dort von der Betroffenen in harten anklagenden Worten erzählt wird. Oder aber man wird von drei Studentinnen angesprochen, die auf dem Festival ihr Uni-Projekt zum Thema Nachhaltigkeit auf Festivals vorstellen: Campingstühle aus Pappe, die mehr aushalten als jeder Billo-Klappstuhl. Sanne Stephansen, Head of Sustainability des Festivals, sagte uns: „Wir wollen unsere Themen den Besucher*innen nicht aufdrängen, sondern eher spielerisch und positiv vermitteln: Wenn auch nur einer mit neuen, guten Gedanken nach Hause fährt, ist doch schon viel gewonnen.“ Das dürfte auch beim diesjährigen Festival tausendfach passiert sein.

Konzept und Konzerte überzeugen beim Roskilde gleichermaßen (nur The Strokes nicht)

Aber auch die Konzerte überzeugten wie immer: Bei bestem Wetter (den verregneten Freitag vergessen wir hier mal) sah man einen fantastisch gelaunten Post Malone, der die Riesenbühne ganz allein bespielte. Tyler, The Creator setzte neue Maßstäbe in Sachen Bühnenhumor und visueller Umsetzung, Megan Thee Stallion war raunchy und brillant zwischen all ihren wilden Tänzerinnen, Dua Lipa lieferte die perfekte Pop-Show, Haim sorgten für sonnige Vibes, St. Vincent rockte alles in Grund in Boden, H.E.R. zeigte, dass sie eine der besten Musikerinnen Amerikas ist. Die Kings Of Convenience gingen es verschmitzt andächtig an, Phoebe Bridgers war Phoebe Bridgers ergo zum Niederknien gut und auch die Hyperpop-Fraktion war mit Ashnikko und Slayyyter eindrucksvoll am Start. Nur The Strokes haben ihre Headliner-Show am Samstag so gründlich verkackt, dass die dänische Presse schon von einem „Skandal“ sprach.

Am besten ist das Roskilde übrigens, wenn man sich von der Neugier auf neue Musik treiben lässt. Dann landet man zum Beispiel in einer abgefahren Performance des kenianischen Grindcore-Industrial-Duos DUMA oder entdeckt japanischen Punkrock für sich. Denn auch das zeichnet das Roskilde aus: Das Booking beweist alle Jahre wieder, dass man seinen Besucher*innen viel mehr zutrauen kann, als die handelsübliche Line-up-Stangenware, die sich meist aus nationalen Indie-Bands und ein paar englischen oder amerikanischen Acts zusammensetzt. Zu dieser Erkenntnis kommt man übrigens nicht, weil das Festival ein eloquent formuliertes Diversity-Statement auf die Website gestellt hat oder eine Frau aus dem Team auf Interviewtour schickte, sondern weil man am Abend des ersten Konzerttags plötzlich feststellte, dass man einen Haufen geiler Konzerte und kaum weiße Dudes mit Bärten und Gitarren gesehen hat.

So verhielt es sich dann auch mit der eigentlich extrem erstaunlichen Tatsache, dass es dieses Festival mittlerweile in der 50. Ausgabe gibt. Der Slogan dazu lautete schlicht „50 Times“, die Einlassbändchen sahen ein wenig feierlicher aus als sonst – und ansonsten war alles wie immer. Die Policy dazu brachte Mads Mikkelsen dann im Gespräch noch einmal ganz gut auf den Punkt: „Wir wollten nicht dicker auffahren als sonst und dann beim 51. Festival ein wenig kürzer treten müssen. Wir wollen einfach jedes Jahr ein wenig besser werden.“ Auch in Sachen Line-up verzichtete man auf diese verdammte Nostalgie, die die Musikwelt schon seit Jahren unspannender macht. „Wir haben ja immer noch in unserer Satzung stehen, dass wir das alles in erster Linie für junge Menschen machen wollen.“ Deshalb also eben Post Malone, Tyler und Dua – und kein Dylan oder irgendwelche Indie-Schnarchnasen, die noch mal Geld brauchen – außer eben den Strokes …

Björn Buddenbohm

Roskilde Festival 2022: Fotos von Idles, St. Vincent, Biffy Clyro, Tyler, the Creator & Co.
Weiterlesen