Live-Bericht

Zu Besuch beim Mallorca Live 2022 – Ein Festival wie eine gute Sommer-Playlist

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Mallorca ist nicht nur der Ballermann. Das wissen mittlerweile die meisten. Und dennoch breitet sich beim Gedanken an die spanische Insel oft so ein Geschmäckle aus. Bilder von Mickie Krause und Lucas Cordalis blitzen vor dem inneren Auge auf, von sonnenverbrannten Bäuchen, Druckbetankung, Bierhelmen, Junggesellenabschieden – von dieser überbordenden Mischung aus Hedonismus und Trash eben, die ein Urlaubsmotto wie: ‚Scheiss drauf! Malle ist nur einmal im Jahr!‘ so hervorbringt.

Dass gegen Mitte der 90er die deutsche Allgemeinheit Mallorca als bevorzugtes Ziel für ihre (Kurz-)Urlaube entdeckte, ist indes kein Wunder: Der Flug dauert je nach Startflughafen nur gute zwei Stunden, das Meer ist türkis, der Strand pudrig und die Temperaturen bleiben im Juni und Juli bei angenehmen 25-30 Grad Celsius. Für den kälteerprobten Alman also warm genug, um sich in der Sonne zu aalen, aber eben auch nicht zu heiß um darin komplett zu zergehen. Palma, die Hauptstadt der 3600 Quadratkilometer großen Insel, wird wegen ihres Flairs und der Architektur gerne als kleines Barcelona bezeichnet. Ja, auf Mallorca gibt es erwähnte Schnaps- und Schlager-Promenaden, aber eben auch versteckte Buchten, aufregende Klippen, ruhige Gegenden, gute Wanderpfade, frischen Fisch und sehr guten Sangria – und neuerdings ein musikalisches Ausrufezeichen, das mit Klischees so gar nichts am Sonnenhut hat: das Mallorca Live Festival.

Publikum von Franz Ferdinand beim Mallorca Live Festival 2022

Das Primavera der Balearen?

Das Mallorca Live ist ein noch junges Festival mit hohen Ansprüchen: Bis zu 80.000 Besucher*innen an drei Tagen und ein Line-Up, das 2022 auf große Namen wie Muse und Christina Aguilera setzt. Die Veranstalter möchten seit ihrem Debüt 2016 ganz dezidiert neben Festivals wie dem Glastonbury und dem Primavera genannt werden. Inwiefern das gelingt, müssen die nächsten Jahre zeigen. Die erste Ausgabe nach der Pandemie war allerdings schon ein recht gelungener Aufschlag.

In Calvià, einer Kleinstadt, die in 30-40 Busminuten vom Flughafen oder Palma angenehm erreichbar ist, gaben sich vom 24.-26. Juni genreübergreifend Musiker*innen die Mikros in die Hand. Rock, Pop, Electro, Punk, Latino und HipHop – das Mallorca Live Festival vereint sie alle auf seinen vier Bühnen. Sebastian Vera, Booker des Festivals, hat das musikalische Profil der Veranstaltung genauso angelegt: „Menschen hören nicht mehr nur das eine Genre oder den einen Künstler, sie hören Playlisten, in denen sich ja auch ständig alles abwechselt“, erklärt er.

Entsprechend breit aufgestellt ist das Line-Up: Christina Aguilera feiert am Samstag ein kleines Comeback auf europäischem Boden, sie liefert ein Best Of ihrer Hits, trällert ‚Dirrrty‘, ‚Genie In A Bottle‘, ‚Fighter‘ und scheint ernsthaft gerührt, als das Publikum ‚Beautiful‘ lautstark mitsingt. Zwar wirkt die Popikone in ihrem glitzernden Ganzkörperanzug etwas starr, was im Kontrast zu ihren sehr bewegungsfreudigen Tänzer*innen umso mehr auffällt. Gleichzeitig braucht sie diese, damit jemand über die zahlreichen Pausen, die sie sich in dem knapp einstündigen Set gönnt, hinwegzappelt. Einigen war Aguileras Gesang zwischendurch zu wackelig, anderen kam sie zu unnatürlich rüber – eine Party war ihr Auftritt dennoch. Auch, weil sie perfekt in die aktuelle 2000er-Nostalgie passt. Hätte sie nebenbei mit ihrem Motorola-Klapphandy gespielt, wäre es auch nicht weiter aufgefallen. Retro war auch die Band, die Xtina ablöste: Franz Ferdinand sind mit einer „Greatest Hits“-Tour unterwegs und lieferten wahnsinnig sympathisch und herzlich genau das.

Franz Ferdinand am 25. Juni beim Mallorca Live Festival in Calvia

Muse beschlossen, wie etwa beim Tempelhof Sounds Festival am Samstag, den letzten Abend als Headliner und überzeugten mit theatralischer Bombastshow. Sie blieben in Sachen Ästhetik ganz bei ihrer neuen Single „The Will Of The People“. Das dazugehörige Video spielt in einer dystopischen Welt, inklusive maskierter Anarchisten, die Brände legen und Statuen zu Fall bringen. Muse übertragen all das auf die Festivalbühne und haben alles am Start, was eine echte Rockshow braucht: Feuersäulen, fette Gitarrenriffs (die man offensichtlich ausschließlich breitbeinig spielen kann), die großen Posen – und pastellfarbene Luftschlangen, die dem erfreuten Publikum entgegengeballert wurden.

Highlights waren die spanischen Acts

Die eigentlichen Helden des Festivals waren aber die landeseigenen Künstler*innen, die direkt am Freitag überzeugten: Newcomerin Rigoberta Bandini etwa, die mit herrlich bizarrer Bühnenshow, kunstvollen Tanzeinlagen und „free the nipple“-Party ihren leichtfüßigen Elektropop darbot. C.Tangana riss dann aber alles ab: Wer sein legendäres Tiny Desk Set gesehen hat, der weiß, dass der Rapper pointiert und elegant Autotune, Flamenco, Folklore und HipHop mischt. Genau das brachte er auch hier auf die Bühne, und zwar mit einem ganzen Tross an Musiker*innen an Streichern, Bläsern, Gitarren, am Mikrophon, an der Gitarre und an den Gläsern. C.Tanganas aufwändiges Bühnenbild war nämlich einem erstklassigen Nachtclub nachempfunden, in dem gemeinsam getrunken, gesungen und gefeiert wurde. Plötzlich war man selbst Teil seines kleinen Films, der sich vor den Augen des Publikums entfaltete – und begeisterte. C.Tangana ist spätestens seit seinem neuen Album ‚El Madrileño‘ (2021) im Musikolymp Spaniens angekommen und einer der erfolgreichsten Künstler des Landes.

Aber auch bei den kleineren Acts punktete das Booking vor allem durch lokale Musiker*innen: Muro Maria spielten ungezwungenen Poprock, Guitarricadelafuente zeigte seine Qualitäten als Singer-/Songwriter und Club Del Rio brachten entspannte Harmonien unters Volk. Entsprechend war auch Tag eins des Festivals mit C.Tangana und Rigoberta Bandini der gefühlt vollste Festivaltag. So voll, dass es beim Einlass, beim Bierholen oder Geldkarte aufladen zu erheblichen Wartezeiten kam. Die Besucher*innen machten ihrem Frust auf Instagram in den Kommentarspalten Luft. Die Organisator*innen reagierten schnell mit einem Statement und mehr Personal für den zweiten und dritten Festivaltag – das Problem wurde rasch gelöst.

Publikum beim Mallorca Live Festival 2022

Sebastian Vera betont im Gespräch, dass es ihm und dem Mallorca Live Festival um eine Gesamtexperience gehe – nicht nur um die Musik. Der Vibe soll stimmen und im besten Fall denkt man bei dem Wort „Mallorca“ auch gleichzeitig an dieses Festival, das es ermögliche, nach einem Tag am Strand noch erstklassige und abwechslungsreiche Musik zu genießen, sich im gut kuratierten Foodcourt durch Burger, spanische Wurstsandwiches, venezuelanische Spezialitäten oder süße Kuchen zu probieren. Das können Tourist*innen sein, die sowieso schon auf der Insel sind und sich ein Tagesticket holen, es können Leute sein, die nur für das Festival kommen und Lust haben so komprimiert verschiedene große Acts zu sehen und kleinere Musiker*innen zu entdecken oder eben Locals, die auf Mallorca leben.

Letztere scheinen jedenfalls hoch erfreut über die Veranstaltung: „Das hier ist die einzige Möglichkeit für uns, sich solche Bands anzusehen, ohne dafür direkt aufs Festland fahren zu müssen“, sagt eine Besucherin. Der Imagewandel der Insel, er hat angefangen. Ob die älteren Sauftouris vom Ballermann oder die jüngeren in Magaluf deshalb weniger werden, ist fraglich. Aber zumindest wird hier sehr erfolgreich daran gearbeitet, dass dieses Klischee nicht die einzige markante Facette der so schönen Insel bleibt.

Ach und apropos Playlist – die offizielle des Festivals gibt es hier:

JAIME REINA AFP via Getty Images
JAIME REINA AFP via Getty Images
JAIME REINA AFP via Getty Images

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