Tanita Tikaram


Können drei Millionen Tikaram-Käufer wirklich irren? ME/Sounds-Mharbeiter Steve Lake jedenfalls hat durchaus den Verdacht. Zumindeit beim nicht enden wollenden Interview klopfte er an eine fade Fassade

Einer ihrer glühendsten Verehrer in Amerika glaubt, Tanita sei die Reinkarnation Elvis Presleys. Eine genial verrückte Idee natürlich, aber aus nächster Nähe und mit einer gehörigen Portion Phantasie betrachtet, kann man durchaus ein Körnchen Wahrheit darin erkennen. Etwas in der langweiligen, leeren Glattheit ihres Gesichts, umrahmt von schwarzglänzendem Haar, etwas in der Fülle der Lippen erinnert entfernt, sehr entfernt, an Presley.

Das Geheimnis, das Presley auch heute noch umgibt, beruhte jedoch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf der Tatsache, daß er sehr früh aufhörte, mit der Presse zu reden. Colonel Tom Parker, sein Manager, wußte allzu gut, daß Elvis so wenig zu sagen hatte, daß aus jedem Interview zwangsläufig ein Eigentor werden mußte, und so verpaßte der kluge Mann seinem Schützling einen Maulkorb.

Der größte Gefallen, den Tanitas Plattenfirma ihr tun könnte,‘ wäre wahrscheinlich der, sie von der Promotion-Fron umgehend zu erlösen. Es muß für alle Beteiligten weniger qualvolle Möglichkeiten geben, der Welt die Veröffentlichung eines neuen Albums mitzuteilen. Eine halbe Stunde in Tanitas trauter Gesellschaft, wenn deine Fragen unweigerlich im Treibsand geflüsterter, scheuer Ja’s und Nein’s und Ich-weiß-nicht’s untergehen, kommt einem jedenfalls unendlich lang vor.

Ihr Erfolg scheint sie ebenso zu verblüffen wie ihre schärfsten Kritiker. Besonders die englische Presse hat sie nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. Nicht, daß sie die englische Presse noch lesen würde. „Ich denke nicht… äh … nicht ständig darüber nach, wie Journalisten mich finden. Ich versuche, mich davon fernzuhalten.“ Tiefer Seufzer. „Es interessiert mich einfach nicht.“

Was dich betrifft, können die Schreiberlinge also sagen, was sie wollen?

„Die Leute können sagen, was sie wollen, richtig. Schließlich und endlich macht es, glaube ich, keinen großen Unterschied, global gesehen.“

THE SWEET KEEPER – so heißt das neue Album, das sie hier, so heißt es zumindest, promoten soll, wurde wieder produziert von dem Erfolgsteam aus Keyboarder Rod Argent (Ex-Zombies, Ex-Argent) und Schlagzeuger Peter Van Hooke (Ex-Van-Morrison). Die 20jährige Songwriterin mit der exotischen Biographie (geboren in Münster, Eltern aus Malaysia und von den Fidji-Inseln) hat die musikalischen Werte einer älteren Generation gleich en gros mit an Bord genommen. Nichts auf ihren Platten weist darauf hin, daß wir das Jahr 1990 schreiben. Ihre Idole sind und bleiben Leonard Cohen, Van Morrison und Joni Mitchell – „Ich finde einfach, sie sind so viel besser, als ich es jemals sein könnte “ – und ihre Alben lassen deutlich das Folk-Strickmuster der Sechziger erkennen: Die Leadvocals und Tikarams Gitarre werden zuerst aufgenommen, und dann dekorieren die Produzenten die Tracks mit den Beiträgen ausgewählter Studiomusiker. Andersherum würde kein Schuh daraus – denn der Charme von Tanitas Timing-Schwierigkeiten verträgt sich nun mal nicht mit einem ordentlich eingespielten Schlagzeug.

Die wichtigsten Musiker auf THE SWEET KEEPER sind vermutlich Trompeter Mark Isham und Geigerin Helen O’Hara. Ihr künstlerischer Input wird jedoch durch die Aufnahme-Philosophie der Herren Argent und Van Hooke gehörig reduziert. Wenn Mark Isham sich z.B. mit David Sylvian ins Studio begibt, ist kein Stück im voraus festgelegt. Sylvian schreibt einen Song ohne Murren um, wenn ihm ein Musiker Richtungen aufzeigt, die interessant erscheinen. Auf einer Tikaram-Platte kann so etwas nicht passieren. „Ich habe nicht die Energie, mich mit Änderungen und sowas herumzuschlagen“, sagt sie, „der Song ist, was er ist.“ Die Musiker sind lediglich dazu da, der Grundstruktur eines Songs einige Farbtupfer, ein bißchen Glanz zu verleihen. Die Produzenten passen auf wie die Schießhunde, daß nichts Tanitas simple Melodien verunstaltet, wohl wissend, daß es die arglose Naivität ihrer Lieder ist, die sie zu Bestsellern macht.

THE SWEET KEEPER ist eigentlich nichts anderes als ANCIENT HEART II. Die Melodien haben immer noch die Vorhersehbarkeit von Kinderliedern, die von den sub-poetischen Texten zu so etwas wie Kunst erhoben werden sollen, und wieder werden eine Menge Leute aufmerksam lauschen, um so etwas wie einen Ann oder eine Botschaft in diesen Stücken zu erkennen.

Dies allerdings ist oft genug ein hoffnungsloses Unterfangen. Besonders „Twist In My Sobriety“ brachte den Schreiber dieser Zeilen schier zur Verzweiflung. Jedesmal wenn das Video mit seinen stimmungsvollen Bildern voller exotischer Kinder und Wüstensand auf dem Bildschirm auftauchte, fragte ich mich: Was, bitte, soll das alles bedeuten? Beruhigend zu hören, daß auch Tanita in diesem Punkt relativ ahnungslos ist. „Ich bin mir nie ganz sicher, was sie bedeuten. Manchmal, Monate nachdem ich etwas geschrieben habe, denke ich: ,Oh ja, dabei muß ich darüber nachgedacht haben.‘ Dann fange ich an, es etwas klarer zu sehen.“

Die Begeisterung des Publikums, sagt Tanita, sei es, was sie dazu motiviere, Papier und Bleistift zu ergreifen, sobald sie sich nach einem Konzert wieder in ihrem Hotelzimmer befindet. „Ich brauche Energie, um zu schreiben, und wenn ich nichts tue, habe ich keine. Ich bin nicht sehr diszipliniert und ich kann nicht, nun ja, kaltblütig komponieren. Aber wenn ich in Stimmung bin, dann… tauchen die Sachen einfach auf.“

Sie tauchen auf?

„Ja, wenn mir ein Song einfällt, ist das wie ein Geschenk, eine wunderbare Überraschung.“ Schwaches Lächeln. „Eine Menge Sachen fallen natürlich unter den Tisch. Ich schreib ’s auf und laß es ein paar Tage liegen und wenn ich es mir wieder anschaue, ist mir klar, ob es funktioniert oder nicht. Wenn nicht, wandert es in den Papierkorb. Ich weiß immer, wann ich schließlich den richtigen Song geschrieben habe.“

Sie wird geringfügig gesprächiger, wenn es um ihre Idole geht. „Van Morrison ist wirklich der Größte. Er ist einfach sehr… mystisch. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der soviel Kontrolle über seine Stimme hat wie Van. „

Wenn man bedenkt, wie verbittert er auf den Erfolg von Sängern reagierte, die ihn seiner Meinung nach kopierten (Springsteen, Phil Lynott, Bob Seger usw.), ist er vielleicht nicht so begeistert davon, daß du Millionen von Platten mit Hilfe seiner alten Musiker verkaufst.

Tanita schaut ein wenig alarmiert. „Oh, ich glaube nicht, daß ihm das etwas ausmacht…“, sagt sie, ein bißchen unsicher. „Ich habe Van allerdings nie getroffen… Ich finde es auch sehr schwierig, mit Leute zu reden, die ich wirklich mag. Ich wüßte nicht, was ich zu Joni Mitchell sagen sollte – wie kann man so jemandem sagen, wieviel er einem bedeutet? Wenn ich anderen Songwritern vorgestellt werde, suche ich immer schnell das Weite.“

Als der Mann von der Plattenfirma endlich verkündet, meine halbe Stunde sei um, folge ich dankbar ihrem Beispiel.