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„The Marvelous Mrs. Maisel“, Staffel 4: Die Palladinos im Pointiertheits-Pingpong

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Lange mussten wir warten, seit dem Start der dritten Staffel sind immerhin knapp zwei Jahre (mit Corona) vergangen. Doch nun kehrt die Dame mit dem dreckigsten Mundwerk der New Yorker Upper West Side zurück und liefert unter Anleitung von Amy Sherman-Palladino wieder ein pointiertes Feuerwerk an urkomischen Monologen und Dialogen. Aber nicht nur die textlastige Fabelhaftigkeit der Serie hält das Niveau, es gibt noch mehr Gründe dafür, weiter zu schauen. Zum Beispiel die folgenden.

1. Pointen im Ping-Pong-Verfahren

Wer die Karriere der fiktiven, aufstrebenden Stand-Up-Komikerin Miriam „Midge“ Maisel (einmal mehr bravourös dargestellt von Rachel Brosnahan) im Amerika der 1950er-Jahre bisher mitverfolgt hat, weiß, dass nicht nur ihre Stand-Up-Auftritte textlich wie ein Hackebeil reinzimmern. Denn die „Marvelous Mrs. Maisel“ wurde ja vom Ehepaar Palladino erschaffen, die schon bei den legendären „Gilmore Girls“ so viele verwirbelnd-großartigen Bonmot-Dialogtexte in eine Szene packten, dass so manchem Schauspieler schwindelig wurde. Nach dem dramatischen Cliffhanger-Ende der dritten Staffel, in der Midge vom angesagten Crooner Shy Baldwin kurzerhand als Vorprogramm aus seinem Tourprogramm gestrichen wird, muss die schlagfertige Lady quasi wieder fast von vorne anfangen. Zum Glück ist ihre treue und ebenfalls nicht auf den Mund gefallene Agentin Susie Myerson (Alex Borstein) an ihrer Seite. Zusammen liefern sie dialogtechnisch schon ausreichend abendfüllendes Amusement, aber es gibt auch wieder einige spannende Gastauftritte zu verkünden: Kelly Bishop („Gilmore Girls“), Milo Ventimiglia („Gilmore Girls“, „Das ist Leben“), John Waters („The Blacklist“) und Jason Alexander („Seinfeld“) sind in dieser Staffel mit dabei, um das sprachliche Bollwerk zu verstärken.

2. Die 1960er-Jahre

Nach den staubig-eckigen Post-Kriegsjahren der 1950er ist die Serie nun in den 1960er-Jahren angelangt, nimmt die buntere Ästhetik, die Popkultur und auch die vermeintlich befreiende neue Protestkultur aber nur vergleichsweise sanft mit ins Programm. Denn grundlegende Dinge, die für Midge viel bedeutender sind, haben sich noch immer nicht geändert. Ihre Karriere als Komikern ist immer noch von den alten hierarchischen Gesellschaftsmustern bedroht: Männer machen Comedy, Männer dürfen in der Bäckerei anschreiben lassen, Männer werden als Künstler ernstgenommen. „You know what’s great about me? It’s when I’m me!“, flötet sie Agentin Susie optimistisch zu, und darin steckt für die Figur von Midge der wahre Aufbruch in die 1960er. Wie schon zuvor will sie mit viel Selbstbewusstsein die eigene Vision von Stand-Up auf der Bühne verkörpern, und nun erst recht nicht mehr nach der Pfeife des Business tanzen.

3. Unverstellte, blanke Wut

Nachdem Midge mit zwei Taxis voller Kleidung und Gepäck am Flughafen von Shy Baldwin stehen gelassen wird, weil sie bei einem Auftritt zu eindeutig auf seine natürlich ungeoutete Homosexualität hingewiesen hatte, ist Midge fuchsteufelswütend. Die vierte Staffel fängt denn auch mit einem furios-bellenden Stand-Up-Auftritt von Mrs. Maisel an, in dem das Wort „Fuck“ (im Originalton) wohl öfter auftaucht, als in so manchem Gangster-HipHop-Video. Und hier kommt alles wieder zusammen, was die USA ausmacht, selbstgefällig und bemitleidenswert gleichermaßen: Homophobie, Sexismus, Rassismus, Misogynie im Alltag, die Tellerwäscher-Millionärs-Gleichung – all das wird auch in den beginnenden 1960ern natürlich noch nicht hinterfragt.

4. Die vermaledeite buckelige Verwandtschaft

Die äußerst schräg konstruierten Verwandtschaftsverhältnisse von Miriam „Midge“ Maisel bleiben ein hysterisch-lustiger Aufhänger für zahlreiche Witze über Familienärgernisse, die jüdische Kultur und Familienärgernisse aufgrund der jüdischen Kultur. Um ihre finanzielle Knappheit nach der geplatzten Tour mit Shy Baldwin zu kompensieren, bittet Midge ihre Eltern, in ihr frisch zurückerworbenes, sehr teures Appartement mit einzuziehen, just in dem repräsentativen Haus, in dem die Familie einst wohnte, bevor Vater Abe Wiseman (Tony Shalhoub) aus Eitelkeit selbst in finanzielle Schwierigkeiten geriet. „Der ganze Wiseman-Clan wiedervereint! Im selben Gebäude, nur ein paar Etagen tiefer“, preist Midge ihre Wohnung den Eltern bei einem Rundgang an.

Natürlich schlägt Vater Abe vor, es wäre viel besser und glaubwürdiger, wenn sie erzählen würden, dass die Eltern die Wohnung für sie gekauft hätten, und sie dankbarerweise bei ihnen wohnen dürfe. Auch weil dies mit ihrer detailliert ausgearbeiteten Lügengeschichte harmonieren würde, mit der sie ihren finanziellen und sozialen Absturz gegenüber der Gesellschaft verheimlichen. Und wer wolle denn bitteschön eine Frau heiraten, die sich eine eigene Wohnung kauft, unterstreicht Abe. Dem familiären Wahnsinn kann Midge wieder nicht entfliehen, aber das würde der Serie ja auch mindestens 50 Prozent der großartig-absurden, mitunter nicht immer politisch korrekten Sozialkritik berauben.

5. Feminismus, my darling

Womöglich wäre die Realität der frühen 1960er-Jahre nicht so selbstbewusst und zielgerichtet mit dem Patriarchat umgesprungen. Aber die Figur der Mrs. Maisel hat sich längst von Zustand eines flüchtigen Zitats im aufkeimenden Feminismus verabschiedet. Es ist gleichermaßen der Kampf gegen das maskuline Showbusiness, wie es ihr absoluter Wunsch ist, aus dem konservativ-jüdischen Hausfrauen-Dasein und der Absurdität dieses Alltags mit pointiert-lustigen Anklagen auf der Bühne zu entfliehen. Und das ist gleichermaßen unterhaltsam wie gleichberechtigend. Denn letztlich ist es auch ein bisschen die Sehnsucht, die Midge davon abhält, mit allen Familienbanden zu brechen.

Diese Widersprüche, mit all ihrem aufrichtigen Witz, tragen auch die 4. Staffel von „The Marvelous Mrs. Maisel“ entspannt durch acht wahnwitzige Folgen, von denen von Freitag, 18. Februar 2022, an jede Woche zwei Stück auf Amazon Prime Video zu sehen sind.


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