„Die Discounter“ auf Amazon Prime Video: Der Aldi-Stromberg (Kritik)

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Selten waren Mitarbeiter*innen unfähiger als im „Kolinski“-Supermarkt in Hamburg-Altona. Zwischen den Eistruhen tummeln sich Mäuse, der Chef entwendet mal eben 15.000 Euro, und die jungen Aushilfen verquarzen mehr Zigaretten hinter dem Laden, als dass sie wirklich arbeiten. „Die Discounter“ bietet reichlich Fremdscham und unfreiwillige Komik. Das gab es allerdings schon des Öfteren.

Die Serie ist Christian Ulmens neuester Streich. Mit zehn kurzen Folgen bei Amazon Prime versucht er sich an einem Discounter-Stromberg. Wie schon von „Jerks“ bekannt improvisieren alle Darstellenden. Das Drehbuch gibt nur Schlüsselpunkte vor, etwa einen Feueralarm oder einen Kuss. Wie es dazu kommt, bestimmen die Schauspieler*innen selbst. Dadurch entgleitet eine Schlägerei für Momente wirklich, überraschen die spontanen Dialoge immer mal wieder. Im Mockumentary-Stil geben die Protagonisten einzelne Statements ab und sind sich stets bewusst, dass sie gefilmt werden. Auch das ist nichts Neues und wirkt bei einem „What We Do In The Shadows“ mit seinen Neuzeit-Vampiren frischer als hier.

Den „Kolinski“-Laden leitet der notorisch inkompetente Thorsten (Marc Hosemann). In Stromberg-Manier flirtet er auf unangenehmste Weise mit Mitarbeiterinnen und wälzt jede Verantwortung an seine Untergebenen ab. Die setzen sich vor allem aus jungen Wilden zusammen. Da wäre Obermacker Peter (Ludger Bökelmann), der „450er“ Minijobber Samy (David Ali Rashed), die resolute Lia (Marie Bloching) und das scheinbare Mauerblümchen Pina (Klara Lange).

Vieles ist leider erwartbar

Sie sind Anfang 20 und baggern Abiturientinnen an, versuchen ihr Glück beim Dating oder erwischen Mitarbeiter beim Sex im Kühlraum. Das entspricht den Erwartungen. Als Identifikationsfigur dient Grünschnabel Titus (Bruno Alexander). Er beginnt bei „Kolinski“ und erfährt schnell, wie es um die Arbeitsmoral im Laden bestellt ist. Viel mehr als Projektionsfläche für die Zuschauenden liefert seine Figur aber nicht.

Viko63-Fans freuen sich zumindest, dass der aufstrebende Lörracher Rapper in einer Folge den Soundtrack liefern darf. Dazu kommen Gastauftritte von beispielsweise Elyas M’Barek und Peter Fox, die sich nicht allzu erstnehmen.

Amazon umwirbt die jüngere Zielgruppe

Amazon platziert die Serie bewusst als „Young-Adult-Serie“, es handele sich hier um eine ganz neue Art, heißt es von dem Unternehmen. Und mit den 15- bis 20-minütigen Episoden wird man auch der Zielgruppe gerecht. Auch das junge Ensemble und überschaubare Budget deuten darauf hin. Zwar hat „Die Discounter“ seinen Reiz und seine Momente. Schließlich ist das Setting hierzulande recht unverbraucht, in Übersee gibt es die US-amerikanische Sitcom „Superstore“ bei Netflix und Sky.

Die lustigsten Momente trägt vor allem Jonas (Merlin Sandmeyer), das Security-Muttersöhnchen, das niemand ernst nimmt. Nervös blinzelnd will er weismachen, wie er mit seiner „Wurfrolle“ Diebe bezwinge. Im Camp-David-Shirt begrüßt er seine Mutter, die spontan bei der Arbeit vorbeischaut. Und von Chef Thorsten holt er sich einen zärtlichen Stirnkuss ab, als er mal wieder den Kopf hinhalten muss. Das unterhält, ebenso wie makabre Momente, als etwa Senior Wilhelm (Wolfgang Michael) eine wilde Taube im Markt einfängt und ihr kurzerhand das Genick bricht.

Glanzlichter wie Jonas‘ Auftritte oder gelungene Improvisation tragen die Serie jedoch nicht. Dafür scheint vieles wie „Stromberg“/„Jerks“ in Miniatur, der idiotische Chef zieht 2021 nicht mehr, einige Frau/Mann-Geschichten und Flirts wirken wie aus den Neunzigern. Dass etwa auch die Älteren sich nun am Online-Dating versuchen, ist zu bemüht. Für einige lustige Momente reicht es, und die zehn Folgen sehen sich schnell weg. Sie sind dann aber auch schnell vergessen. Gerade im Bereich der Mockumentaries bieten sich andere Serien an. Wer Christian Ulmens Fremdscham schätzt und deutschen Nachwuchs-Schauspieler*innen eine Chance geben möchte, kann es trotzdem mal mit den Discountern probieren.

„Die Discounter“, seit 17. Dezember bei Amazon Prime, 10 Folgen à 15 bis 20 Minuten


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