Third World Boogie


Zehn Jahre nach dem Ende des Apartheid-Regimes lässt eine neue Musik die Townships von Südafrika beben: Aus Reggae, HipHop und House basteln sich die Musiker am Kap einen Sound namens Kwaito. Er ist zugleich Vergessensdroge und Aufputschmittel für den Kampf um eine bessere Zukunft.

In der Abenddämmerung füllt sich der Johannesburger Bez-Valley-Park mit jungen Leuten. Sie schleppen Kühltaschen mit Bier über den Rasen, belagern die Stände der Freiluft-Grills oder posieren stolz neben den Kühlerhauben ihrer nagelneuen BMWs, Jeeps und japanischen Sportwagen. Von einer improvisierten Bühne am anderen Ende des Rasens wehen House-Beats herüber. In ihre schwer rollenden Rhythmen mischen sich warme E-Piano- und Gitarrensprengsel, überdröhnt von eindringlichen Zulu-Chants. Kwaito. Ein paar Schulmädchen in leuchtenden Tops üben dazu die neuesten Tanzschritte. Wie ihre männlichen Gegenüber tragen sie bunte Stoffhüte, so genannte Sportees, oft auch leinerne Converse-Stiefel. Outfits, die sich von der Township-Mode der 50er und 60er Jahre inspirieren ließen. In jenen Jahren herrschte kulturelle Aufbruchstimmung in der schwarzen Bevölkerung Südafrikas: Dann kam 1965 der Group Areas Act und begrub die zarte Pflanze unter Bulldozern und Polizeischlagstöcken. Die schwarzen Bewohner rassisch gemischter Viertel wie Johannesburgs Sophiatown wurden vertrieben, ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Die City wurde zum weißen Siedlungsgebiet erklärt, dunkelhäutige Afrikaner in bestimmten Vierteln bestenfalls tagsüber und als billige Arbeitskräfte akzeptiert. So war auch der Bez-Valley-Park noch vor gut zehn Jahren für Schwarze tabu.

Wenn heute an diesem Ort weiße und schwarze Jugendliche den Kwaito tanzen, hat das Symbolkraft: „Kwai“ steht für die Wut, „To“ für den Herkunftsort des Stils, die Town-ships. Ein Sound, der einem in Südafrika heute = überall aus Läden, Shebeens, Minibussen und J Radios entgegenschallt. Dritte-Welt-Musik, in der sich traditionelle Stile wie Mbaquanga und Bubble-Gum-Disco mit HipHop, House und Ragga treffen, eine goldspuckende Recyclingmaschine für den Dancefloor-Müll der ersten Welt.

Bis in die entlegensten Winkel Afrikas reicht die Ausstrahlung des Kwaito inzwischen, nur hierzulande ist der Sound noch kaum bekannt: Vielleicht, weil man sich bei uns schwer tut mit einer Musik, die weder als Folklore noch als exotischer Ethno-Pop funktioniert. Zwei Sampler sollen das nun ändern: Virgin veröffentlichte jüngst mit „Kwaito – South African Urban Beats“ eine Sammlung der größten Hits der Szene. Und im Februar lancierte das Münchner Label Trikont unter dem Titel „Mzansi Music“ einen Querschnitt durch die südafrikanische Musikkultur am Kap – von Kwaito über Reggae bis Rap.

Begonnen hat es mit dem Kwaito in den frühen 90er Jahren: Damals packten Township-DJs die Tanzer mit verlangsamten House-Beats und südafrikanischen Chören. Seitdem transportiert Kwaito parallel zum amerikanischen HipHop nicht nur Sprache und Lebensstil der Townships, er hat breite Schneisen aus den ärmlichen Hüttenmeeren der Vorstadt in die einst weiße Inner City geschlagen: „Schau dir all die schönen Autos an, die hier parken“, sagt der sehnige Mann namens Zola und deutet auf den Fuhrpark hinter der Bühne. „Ohne Kwaito würdest du hier bestenfalls Fahrräder sehen“. Der Sänger und Moderator einer erfolgreichen Fernsehshow hat sich ganz ohne Bodyguards unter das Konzertpublikum im Bez Valley Park gemischt. Früher habe Kwaito als Gangsta-Musik gegolten, sei es um den Ausdruck des rauen Lebensgefühls der Post-Apartheid-Jugend gegangen. Zola selbst hat seinen Namen aus der kriminell-berüchtigten Nachbarschaft seiner Jugend entlehnt. „Aber“, betont er, „auch wenn wir über Gewehre, Drogen, Aids, Vergewaltigung und Raub singen, dann in dem Bewusstsein einer positiven Botschaft. Unser Land braucht nichts so dringend wie Heilung. Wir haben erst seit zehn Jahren unsere Unabhängigkeit und wir kommen aus der Hölle.“

Als Nelson Mandela 1994 zum er sten Präsidenten Südafrikas gewählt wurde, griff der allgemeine Enthusiasmus auch auf die Musik der Townships über. Früher hatte man sich Mut gegen die Unterdrückung angesungen. Jetzt durfte man in knappen Zweizeilern auch ganz banale Freuden wie gefärbte Haare, die sexy Mädchen in der City, das Trinkgelage am Wochenende oder politisch inkorrekte Macho-Phantasien feiern. Hauptsache die Beats hatten diesen federnden Extra-Kick. Insofern ist Kwaito genauso jung und krankheitsanfällig wie die südafrikanische Demokratie. Ein Baby noch, aber bereits unbarmherzig den Gesetzen des Marktes ausgesetzt. Beinahe die Hälfte der Bevölkerung Südafrikas ist unter 21 Jahren alt. Und viele, die die Apartheid nur als Kinder mitbekommen haben, leiden unter deren Spätfolgen. Kwaito soll in dieser Situation nicht an die traurige Vergangenheit rühren, da sind sich alle einig, sondern, wie es Zola ausdrückt „unsere Zukunft feiern“.

Tatsächlich hat die neue südafrikanische Popmusik bereits greifbare gesellschaftliche und materielle Umwälzungen ausgelöst: „Als Kwaito kam“, erklärt Szenekenner Vusi Leeuw, „gab er vielen der kriminellen oder arbeitslosen Jugendlichen, deren Ausbildung während des Post-Apartheid-Kampfes in die Brüche ging, eine zweite Chance. Ergab ihnen ein Zuhause, einen Job. In jedem anderen Metier hätten sie wohl scheitern müssen. Doch nun haben viele von ihnen erfolgreiche Geschäfte laufen.“ Als Manager des Kwaito-Labels CCP wird Vusi auf der Straße immer wieder von jungen Menschen mit ein paar Reimen und der Hoffnung auf eine Karriere angesprochen. Der Markt ist groß, und Kwaito eine der wenigen Straßen nach oben. Dass Vusi es aus dem „Matchbox“-Haus seiner Eltern in Soweto zur Villa mit Swimmingpool in einem einst rein weißen Vorort gebracht hat, mag vielen der Zurückgebliebenen im Ghetto ein Ansporn sein. Aus dem Land nach Soweto, von Soweto nach Johannesburg: Entlang dieser Migrationslinien bewegt sich auch der Kwaito. Und doch bleiben StetS seine Ursprünge präsent, schlüpft so mancher Aufsteiger in die klassische HipHop-Rolle als Stimme der Unterprivilegierten: zum Beispiel Mzekezeke. Der Kwaito-Sänger tritt in der Öffentlichkeit nur mit schwarzer Gesichtsmaske auf. „Mzekezeke zeigt sein Gesicht nicht „, so der Geheimnisumwitterte beim Interview im Johannesburger Büro seiner eigenen Plattenfirma, „weil es nicht darum geht, wererist, sondern, was er sagt.“Er spreche für die Namenlosen, die tagein tagaus in Armut leben. Die in Wellblechverschlägen wohnen, sich nicht einmal die Fahrkarte in die City leisten können. Jeder von ihnen, so Mzekezekes Botschaft, könne es schaffen, wenn er sich bemühe. Selbst mit einer Maske über dem Gesicht.

Der Maskenmann, heute einer der Superstars der Szene, kennt die Lebensumstände im Township aus eigener Erfahrung. Ursprünglich arbeitete er als Radio-Ansager. Aber er hatte mehr zu sagen als in eine Song- Anmoderation passte. Heute gehört er dank dem subversivem Humor seiner Songs zu den Hoffnungsträgern der südafrikanischen „Rainbow Nation“. „Die Leute“, hat Mzekezeke einmal gesagt, „haben aufgegeben danach zu forschen, wer ich bin. Sie mögen einfach meine Worte“.

Mzekezeke ist einer der vielen Newco mer, die den etablierten Kwaito-Stars wie Mandoza das Wasser abzugraben drohen. Hinter dem elektronisch gesicherten Eisentor des modernen Flachbaus im Johannesburger Villenviertel Sandton gleißt das Mercedes-Coupe des Kwaito-Königs in der Sonne. Drinnen im kühlen Studio fläzt sich Mandoza mit nacktem Oberkörper auf einer Couch. In den Gärten ringsum saugen Bedienstete den Dreck aus den Pools, wässern Gärtner die Jacaranda-Bäume ihrer Arbeitgeber.

Doch der Sänger ist in Gedanken woanders. Sein Ruf als Township-Toughie steht auf dem Spiel. „Du musst immer wieder herausfinden, was die Leute dort beschäftigt“, erklärt Mandoza. „Allein der Slang ändert sich allepaarTage. Benutz’dasfalsche Wort und du bist draußen!“ Aus den Monitor-Boxen perlt der warme, elastisch federnde House-Beat seines hoffentlich nächsten Hits. Mandozas riefe Raspelstimme verleiht dem Track etwas Bedrohliches: „Du musst mich respektieren „, übersetzt er den Zulu-Text, „sonst werde ich dich zu Grunde richten „.

Warum er denn in seinen Videos weder Nobel-Villa noch Auto herzeige? Der Mann mit dem muskulösen Oberkörper zieht die Oberlippe hoch, schüttelt bedächtig den Kopf. Nein, „Bling Bling“ sei in einem armen Land wie Südafrika kein Thema. Anders als beim US-Hip-Hop stünden die Fans aus den Townships jeder Art von Großmannssucht skeptisch gegenüber. „Die Menschen daheim „, sagt Mandoza, „merken es, ob du deine Worte auch fühlst“. Seine Shows sind bekannt für ihren emotionalen Charakter, bisweilen stehen dem Sänger auf der Bühne die Tränen in den Augen. Daheim aber, das ist für M’du Tshablala alias Mandoza lange Zeit das Zola South Ghetto von Soweto gewesen. Sein Vater war dem Alkohol verfallen, dem gemeinsamen Haushak seiner Mutter, Großeltern und Schwestern mangelte es oft am Nötigsten zum Leben. Verführt von den Vorbildern der örtlichen Gangster-Cliquen, musste Mandoza mit 16 Jahren für einen Autodiebstahl hinter Gitter. Im Gefängnis fasste erden Beschluss, sein Leben zu ändern. Seine Mutter, eine treue Kirchgängerin, hatte ihren Sohn oft zum Gospelchor mitgenommen. Ob er das Auto, das er vorher durch Car-Hijacking in seine Gewalt gebracht hatte, nicht auch auf legale Weise verdienen konnte? Mit der neuen Township-Musik? 1992 gründete er zusammen mit zwei Freunden eine Band namens Chiskop. Heute gehört Mandoza mit seiner Mischung aus zornigen Raps und Gospelsongs zu den Superstars des Kwaito. „Ich bin ein zärtlicher Gangster“ ‚, sagt er. “ Und vergiss nicht: Der Zorn ist eine Energie, die Gutes bewegen kann“.

Kwaito erlaubt vielen jungen Menschen im Ghetto zum ersten Mal, ihre Geschäfte selbst in die Hand zu nehmen. Da sind die Labels, Studios und Stars, die mitunter mehr als 150.000 Exemplare von einer Platte verkaufen. Die augenfälligste Erfolgsgeschichte aber liefert der Kwaito-Sender Y-FM: Zur Verdeutlichung fährt Vusi Leeuw den Mann vom ME durch Hillbrow. Einst war das ein weißes Boheme-Viertel, heute drangen sich Immigranten in den heruntergekommenen Apartments, die vornehmen Läden sind schmutzigen Straßenmärkten gewichen. Ganz in der Nähe liegt verlassen das einstige Redaktionsgebäude von Y-FM. Vor einem Jahr hat der führende Jugendsender des Landes sein Studio in das angesagte Vergnügungszentrum von Rosebank verlegt. Aus psychologischen Gründen, sagen die Radio-Manager. Umgeben von Edel-Boutiquen und Cappuccino-Bars strahlt Y-FM nun ganz handfest die Träume seiner Hörer aus: „Das ist der hipste Ort Johannesburgs“, erklärt Vusi. „Statt schwarze Musik mit Armut gleichzusetzen, zeigen wir: Schwarze Menschen können es schaffen“.