Highlight: 10 bedeutsame Protest-Songs der Musikgeschichte

This Is England!

Es war einmal ein Rapper aus Ostlondon genannt Plan B. Seine Beats schrummelte er mit der Akkustikgitarre dahin, seine Texte handelten vom cracksüchtigen Boyfriend der Mutter und von rassistischen Teenage-Mördern. Dass es das Debut-Album „Who Needs Actions When You Got Words“ gerade mal eine Woche lang auf Chart-Rang 30 brachte, war in seinen Augen nicht genug Lohn für sein originelles Tun: „Ich merkte, dass man in dem Geschäft nur respektiert wird, wenn man Platten verkauft“, sagt er. „Ich fand das zum Kotzen. Künstler müssten mit Respekt behandelt werden, wenn ihre fucking Musik gut ist!“Der Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit machte ihm zu schaffen. Dann las den Roman. „Kill Your Friends“. Eine herrlich zynische Satire über das Musikgeschäft, ganz nach dem Motto „die fiese Sau gewinnt immer“. Da gingen ihm die Augen auf: „Das Buch hat für mich das ganze Geschäft demontiert. Die Hauptfigur ist ein totaler Schweinehund. Plötzlich habe ich mich wiedererkannt in den Leuten, über die er sich so gnadenlos lustig macht. Ich merkte, dass ich mich wohl eine Spur zu ernst genommen hatte.“Er sah, dass er in eine Falle getreten war. Niemals hätte er sich durch den vermeintlicherweise mangelnden Erfolg unglücklich machen lassen sollen: „Es war mir ja nie ums Geld gegangen! Mit der Erkenntnis fiel der ganze Druck von mir ab. Soll die Plattenfirma mich doch droppen – irgenwie komme ich schon wieder zu Geld. Musik mache ich nicht deswegen. Fuck it! Jetzt werde ich das Album machen, das ich machen will.“Und siehe da: auf dem resultierenden Konzeptalbum „The Defamataion of Strickland Banks“ legt der einst so aggressive Rapper plötzlich eine samtene Soul-Stimme zwischen Marvin Gaye und Frankie Valli an den Tag. Die Lieder werden klar von der Motown-Tradition geprägt und reihen sich bestens in den Retro-Groove zwischen Winehouse und Duffy ein. Prompt garnierten das Album wie die Single „She Said“ alsbald die Spitze der britischen Pop-Charts. Von Ausverkauf kann dennoch nicht die Rede sein. „Ich ging mit dem Album ein erhebliches Risiko ein“, sagt er. „Wenn es ein Flop geworden wäre, hätte ich auch mein Hip Hop-Publikum verloren.“Sowieso, er sei primär ein Geschichtenerzähler: „Da ist es doch selbstverständlich, dass man den Stil der Geschichte anpasst, die erzählt werden soll.“ Seine Geschichten hat Multitalent Plan B. auch schon in Filme verpackt – nächstens geht es an die Dreharbeiten für das Hip Hop-Musical „Ill Manners“. Bereits ist auch ein weiteres Album fertiggestellt, „The Ballad of Belmarsh“. Es erzählt nochmal die Geschichte von Strickland Banks, diesmal aber aus einer neutralen Erzählerperspektive. „Für die Boulevardpresse gibt es nur schwarz oder weiss“, sagt er. „Mir geht es um die Grauzonen. Ich will zeigen, dass die Dinge nicht so einfach sind. Strickland Banks zum Beispiel. Er ist ein bisschen arrogant, ein bisschen nervig, aber darum verdient er es noch lang nicht, für ein Verbrechen eingebuchtet zu werden, das er nicht begangen hat. Denn: Not every wanker is a cunt!“

Hanspeter Künzler – 10.08.2010


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