Thomas Cohen: „An wen wird man sich später noch erinnern? An Duran Duran und Guns N’ Roses?“

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„Das ist mir fast schon ein bisschen peinlich, aber als ich 18 Jahre alt und mit meiner Band in Berlin war, wollte ich mich unbedingt tätowieren lassen. Wir saßen im White Trash in Prenzlauer Berg und beobachteten den Tätowierer, der dort immer arbeitete, während andere Burger bestellten“, erzählt Thomas Cohen und fährt mit seinen Fingerkuppen sanft über den Rand seiner Teetasse. Manchmal klirren dabei aus Versehen die unzähligen Ringe, die er an den Händen trägt, gegen das weiße Porzellan. Er war schon viele Male mit seiner Band in Berlin: Donnerstags hin, Montags zurück nach London. Und zwischendrin einfach nicht schlafen gehen.

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Das White Trash ist mittlerweile umgezogen, tätowieren lassen kann man sich dort aber immer noch. Thomas hat damals gekniffen. Damals, da war er noch ein anderer, ahnte nicht, welche Möglichkeiten sich ihm auftun könnten, wenn er doch nur mutig genug wäre – bis S.C.U.M. mit The Kills durch Europa tourten und sich alles ändern sollte. Sie fuhren mit dem Tourbus von Mailand über Frankreich nach Zürich, es war Juli, die Landschaft blühte, die Sonne schien. Und im CD-Player lief COSMIC COUNTRY, eine Compilation mit amerikanischen 60s- und 70s-Country-Rock-Klassikern. „Wir hörten Gram Parsons, Jim Sullivan: Und ich wusste endlich, was ich wollte“, sagt Thomas.

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Zu diesem Zeitpunkt hatte er allerdings keinen Schimmer, wie er das anstellen sollte: „Als ich bei S.C.U.M. war, haben wir ziemlich instinktiv Dark Wave und Doom mit ganz viel Hall gemacht. Und mit Hall klingt ja eigentlich alles gut.“ Schnell habe er gemerkt, niemals so Klavier spielen zu können wie Laura Nyro, niemals Songs schreiben zu können wie James Taylor. Die Entscheidung war trotzdem getroffen, es gab kein Zurück. Aus anfänglichem Grübeln wuchs neues Selbstbewusstsein. Thomas kniete sich dahinter, schrieb Songs, probierte sich aus. Zaudern und Zögern, Überdenken und infrage stellen: Er konnte sich darin früher nahezu verlieren. Sein Entschluss, neue Wege zu gehen, bedeutete in manchen Belangen aber auch, bewusst nicht mit der Zeit zu gehen: So kommt BLOOM FOREVER mit wenigen und erwartbaren Instrumenten aus. Die Platte wurde so aufgenommen, wie sie auch vor 40 Jahren mühelos hätte aufgenommen werden können. Die Produktion sollte übersichtlich, nachvollziehbar, echt sein – und am liebsten überhaupt nicht zeitgemäß.

Jana Gerberding
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