Fuzz Club Festival 2026: Hier wird sogar die Mandarine geteilt
WITCH, Flying Moon In Space, Kombynat Robotron, A Place To Bury Strangers, The Dharma Chain – sie alle lieferten ab.
Das Timing saß so perfekt wie der Cowbell-Einsatz bei Helicon: Am ersten Mai-Wochenende – der verlängerten Edition – fand wieder das Fuzz Club Festival im niederländischen Eindhoven statt. Die zweitägige Indoor-Veranstaltung richtet sich an Musikfans mit Bock auf Psych, Shoegaze, Noise-, Space- und Krautrock in all seinen Auswüchsen. Auf zwei Floors konnte man sich am 1. und 2. Mai nahtlos eine Wahnsinnsliveband nach der anderen mit Ganzkörperdurchschüttelung geben.
Eine Soundwand, hinter der jedes Instrument seinen Platz findet
Eines der ersten richtig enormen Highlights lieferten am Freitagabend Minami Deutsch. Kürzlich noch in Berlin zu sehen, konnten sie sich beim Festival erst richtig ausdehnen. Nicht nur der Entfaltungsraum auf der Bühne war weitaus großzügiger bemessen, sondern auch der Klang präziser. Ihre Show: eine brachiale Soundwand, bei der jedes einzelne Instrument dennoch seinen Platz fand.
Die langgezogene, breite Stage schien A Place To Bury Strangers jedoch nicht zu reichen. Das Trio, das sich einst den Titel als „New Yorks lauteste Band“ erspielte, wechselte bald vom Frontalauftritt mitten in die Crowd. Dort bauten sie ihr Equipment auf und dröhnten los, bis sich wirklich auch die letzte Person im Venue mit Ohrenschutz versorgte. Ein Grinsen blieb bei den wohlportionierten Krawallattacken der Gruppe dennoch kaum aus.
Sechs Leute, kein Stillstand und ein ganz neues Storytelling
Als finaler Höhepunkt des ersten Festivaltages bewiesen sich die Leipziger von Flying Moon In Space. Kaum wurden die Lichter gedimmt, hackten die Sechs auf ihre Instrumente ein, zuckten und tanzten in einem waghalsigen Rhythmus – und die Leute reagierten, als wäre Stillstand noch nie eine Option für ihre Körper gewesen. Mit ihrer frisch erschienenen zweiten Platte „immer für immer“ hatten sie den Schritt zu dichteren Songhymnen statt Impro-Kunst gewählt. Live floss dabei jedes Stück so cremig ineinander, dass sich daraus ein ganz neues Storytelling entwickelte.
Einlullen erlaubt – und dann kam der Bass
Wer sich am zweiten Tag zum späten Nachmittag in die seit Jahren bekannte Festivalstätte – Effenaar – begab, wurde von The Dharma Chain mit einer besonders relaxten Atmosphäre begrüßt. Das australische Quartett, das inzwischen in Berlin beheimatet ist, verstand es, das Publikum einzulullen. Mal walzte sich der Bass so prominent nach vorne, dass sich das Augenschließen fürs bessere Fühlen wie von selbst einstellte; dann zog wieder der Gesang in eine komplett andere Gefühlswelt. Das Spiel der Dualität hatten sie jedenfalls drauf.
Frontalunterricht in Sachen Tightness
Kontrastbetankung lieferten die Kieler Kombynat Robotron. Sie gaben ein kompakt-druckvolles Set ab und schnürten das Soundpaket mit herrlich hypnotischen Roh-Repetitionen zu. Hier noch über etwas anderes nachzudenken als das, was gerade vor einem passierte, fiel schwer – schlicht unmöglich bei diesem Frontalunterricht in Sachen Tightness.
Keine Nieten, nirgends
Sich auf nur einige Highlight-Acts zu beschränken fiel ohnehin schwer, wenn das liebevoll kuratierte Fuzz-Club-Line-up keine Nieten zuließ. Lorelle Meets The Obsolete beschenkten die Menge mit ätherisch-schönen Song-Aneinanderreihungen, Travo hatten so viel Wumms, dass sie Idles und Turnstile locker in die Tasche hätten stecken können, und Glyders waren zusammen mit Helicon wohl die Obersympathie:innen des gesamten Events. Gerade weil Letztere ihr Equipment anschließend an Dead Skeletons weitergaben: Die Sachen der Isländer waren wohl verloren gegangen, weshalb ihnen auch nachzusehen war, dass sie zwischenzeitlich bei ihrem Auftritt so wirkten, als würden sie implodieren. Erst zum finalen „Dead Mantra“ schien es richtig zu flutschen – der Track wurde über 20 Minuten langgezogen, und am Ende malte Jón Sæmundur Auðarson doch noch mit schwarzer Farbe sein Bild auf einer Leinwand fertig und präsentierte es glücklich dem Saal.
Die Mandarine
WITCH – Akronym für We Intend To Cause Havoc – waren eine der letzten Gruppen des Samstagabends und stachen ein wenig aus dem Gesamtkonzept des Fuzz Club Festivals heraus. Die Zamrock-Band, die bereits in den 70ern teils in anderen Formierungen aktiv war, schmückte ihr Konzert mit Songs aus, die mal an Deep Purple, mal an Led Zeppelin oder James Brown erinnerten. Es wurde zum Mitsingen aufgefordert, ebenso zur genauen Überprüfung der richtigen Partner:innenwahl. Gründungsmitglied und Sänger Emmanuel Jagari Chanda erzählte viel während seiner Zeit auf der Bühne – und schälte sich dabei hingebungsvoll langsam eine Mandarine, nur um sie dann mit der ersten Reihe zu teilen.
Es waren Momente wie diese, in denen das Festival seinen Sinn manifestierte: als ein Ort, an dem Menschen nicht nur einmal im Jahr ein echtes Soundgeschenk abholen konnten, das es in dieser Form nur selten gab, sondern eben auch eine Veranstaltung erlebten, die selbst in der Konzertform ein Wellness-Miteinander ermöglichte. Immer und immer wieder.


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