Ween


EINE FÜRCHTERLICHE SCHLANGE LAUERT IM REGEN vor der Abendkasse. Nur zögerlich spricht sich nach hinten durch, daß es keine Karten mehr gibt. Drinnen hat bereits, in dampfendem Gedränge, das engste Konzert des Jahres begonnen. Der Rezensent begreift: Ween, das sind mindestens zehn Bands „rolled into one“, und die Anhänger jeder dieser Gruppen wollen sich das Ereignis nicht entgehen lassen. Die Gebrüder Ween geben sich folglich alle Mühe, das komplette Spektrum abzudecken. Sie grinsen feist von der Bühne und präsentieren Pop mit Schlagseite („Chocolate And Cheese“), käsigen Country & Western („Golden Country Greats“) und komplexe Schweinerockepen, wie wir sie vom jüngsten Album „The Mollusk“ kennen. Irritierend sind zunächst die langen Pausen zwischen den Stücken. Die Truppe schlendert im Dämmerlicht über die Bühne, als suche sie dort den roten Faden. Derweil man sich im Publikum mit Bier aus Plastikbechern kennerhaft zuprosten kann: Ja ja, Ween, das sind schon Chaoten, haha! „Tatsächlich ist die Parodie Weens eigentliches Element – ein Umstand, den „The Mollusk‘, schändlich brillant abgemischt, fast vergessen machte. Aber Ween pochen auf ihre Anarcho-Credibility. Vor allem Dean Ween, ein offensichtlich Zappa-geschulter Schelm, läßt sich seine uferlosen Gitarrensoli nicht nehmen. Unter dem zustimmenden Nicken der Bandkollegen zupft er, was die Saiten hergeben. Man kann sich zum Klo durchkämpfen, abschütteln, Hände waschen, mit Bekannten plaudern, schnell noch Zigarretten ziehen – und er zupft immer noch. „Is‘ ja gut, wir haben’s begriffen“, zischt der Nebenmann, ein gefrorenes Lächeln auf den Lippen. Wenn diese augenzwinkernden Feedback-Exzesse Satire sein sollen, dann bekommt man denselben Witz an diesem Abend einfach zu oft erzählt. Die stringente, heitere Eleganz solch wunderbarer Kompositionen wie „The Golden Eel“,“Ocean Man“ oder „Mutilated Lips“ scheint von Ween nur deshalb auf Platte gepreßt worden zu sein, um sich live darüber lustig zu machen. Es ist die kalkulierte Orientierungslosigkeit von Spaßvögeln, die den zwei Stunden Weenscher Performance schließlich das Licht ausbläst. Man möchte sie wirklich mögen mag aber dann irgendwann doch nicht mehr.