Review

„What/If“ auf Netflix: Ein unmoralisches Angebot

von

Ein protziges Loft in einem futuristischen Wolkenkratzer. Über der Skyline San Franciscos Donner und grelle Blitze in dunkler Nacht. „Everything happens for a reason. Think about that for a moment”, spricht eine offenbar sehr toughe Geschäftsfrau mit einer manischen Bestimmtheit in ihr Diktiergerät, die dem Zuschauer Angst und Bange machen soll. „All your efforts – personal, professional, carnal – utter and absolute slaves to some cosmically predetermined set out of outcomes”, sagt sie, blickt aus ihrer Fensterfassade und wiederholt, dass nur Erfolg haben könne, wer Opfer bringt und auf „Belastendes“ wie Hochzeit, Kinder und jedwede zwischenmenschliche Beziehungen, die über das Geschäftliche hinausgehen, verzichte. Zeilen, die später in ihrem neuen Bestseller „At Any Cost – Um jeden Preis“ stehen werden.

Die neue Netflix-Serie „What/If“ lässt von der ersten Sekunde an keinen Zweifel daran, wer hier die böse Disney-Hexe ist: Die steinreiche Anne Montgomery, stoisch gespielt von Renée Zellweger, genießt einen Ruf als knallharte Venture Capitalist, die sich mit dem Hubschrauber auf ihr Weingut fliegen lässt, in ihrem Loft mit Pfeil und Bogen schießt (Zaunpfahl!), von Geschäftspartnern hundertprozentigen Einsatz bis zur Selbstaufgabe erwartet und niemals lächelt. Und wenn doch, dann nur gequält. Es kann kein Zufall sein, dass diese Frau eines Abends an der Hotelbar sitzt, in der sich Rettungssanitäter und Ex-Baseballprofi Sean Donovan ein Zubrot als Barkeeper verdient. Seine Frau Jane hat ein Start-up gegründet, das einen Wirkstoff gegen Leukämie entwickeln will (ihre Schwester starb als Kind daran), findet aber zum Teufel nochmal keine Investoren. Es ist wie verhext, bis – genau! – Anne Montgomery ins Leben des bildhübschen Vorzeige-Liebespaars tritt und SEHR großzügige finanzielle Unterstützung anbietet. Angeblich glaubt sie an Jane und ihre Idee, die wahren Motive bleiben aber auch unklar, nachdem sie ihr unmoralisches Angebot detailliert: Im Gegenzug für eine Investition über 80 Millionen US-Dollar will sie eine Nacht mit Sean verbringen, über die er vertraglich Stillschweigen bewahren muss. Mit allen daraus entstehenden Folgen.

„Ein unmoralisches Angebot“ lässt grüßen

Wem all das irgendwie bekannt vorkommt: Ja, die inhaltlichen Parallelen zu „Ein unmoralisches Angebot“ mit Robert Redford (1993) liegen auf der Hand beziehungsweise dem Bett, die pseudodramatischen leider auch. Den Machern ist das bewusst, Jane darf sogar den Satz sagen: „This whole idea was ripped right out of a bad 90s movie“, LOL, Anne antwortet: „That film was quite decent“, Doppel-LOL. Von jetzt an nimmt der Unfug seinen Lauf: Mit dem Brecheisen werden Momente konstruiert, in denen sich erstens die Protagonisten titelgemäß fragen sollen, was wohl wäre, wenn sie diese oder jene Entscheidung anders getroffen hätten und zweitens die Zuschauer sich fragen sollen, wie sie selbst handeln würden.



Jetzt „Bird Box“, „Die zwei Päpste“, „Liebe macht blind“ und mehr ohne Netflix-Abo schauen
Weiterlesen