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Kritik

„You – Du wirst mich lieben“ auf Netflix: Fast schon niedlich, dieser Stalker

„Trau keinem Fremden!“

„Pass auf Deine Daten auf!“

„Social Media ist gefährlich! Liebe auch!“

Kooperation

Die Warnungen, die die neue Netflix-Serie „You – Du wirst mich lieben“ ihren Zuschauern mit auf den Weg geben will, schreit sie ihnen schon in ihrem Trailer entgegen: Zu Cheap Tricks „I Want You To Want Me“ (in der Version von Morningwoods Chantal Claret) sehen wir einen Buchhändler in New York, der sich in eine Kundin verknallt und fast zeitgleich mit der Social-Media-Recherche über sie beginnt. Sein Off-Kommentar outet ihn als Besessenen, der zum Stalker werden wird. Es folgen Bilder davon, wie er sie in ihrer Wohnung beobachtet, wie er ihre Freundinnen kennenlernt, wie beide im Bett landen (sie finden sich) – und davon, wie er in einer Art Kellerverlies eine Leiche eingewickelt hat und sie im Wald verschwinden lassen will. Damit ist in einer Minute und 36 Sekunden eigentlich schon fast alles über Handlung und Aussage von „You“ gesagt. Es dauert trotzdem zehn Folgen á 45 Minuten, bis all das – und zum Glück dann doch ein bisschen mehr – wirklich gesagt und gezeigt wurde.

Das Aufeinandertreffen von Joe Goldberg, dem Buchhändler, und Guinevere Beck, der Literaturstudentin, gleicht dem Beginn eines Liebesfilms und ist dementsprechend zu schön um wahr zu sein: Die von Elizabeth Lail als Twenty-Something-Klischee gespielte Beck, so ihr Spitzname, hatte bisher nur Pech mit Kerlen, auch ihr On-Off-Freund ist ein Arschloch. Joe (Penn Badgley) ist kein Macker und deshalb scheinbar nicht ihr Typ. Aber er ist sensibel, aufmerksam, charmant und intelligent.

Die Anzeichen häufen sich, dass Joe nicht der ist, der er vorgibt zu sein: Er weiß, dass sie Autorin ist. Er weiß, welches Bett in ihr Schlafzimmer passen würde. Er trifft Beck zufällig außerhalb New Yorks auf einem Antikmarkt. Beck müsste sehen, dass mit Joe etwas nicht stimmt. Aber sie ist offenbar geblendet vom Wunsch, endlich den Richtigen getroffen zu haben. Einen, der sie ernst nimmt. Der sie besser macht. Der sich für Literatur interessiert.

Wozu Joe imstande ist, um sein schon im deutschen Serientitel erklärtes Ziel „Du wirst mich lieben“ zu erreichen und zu halten, erfährt der Zuschauer bereits im Finale der ersten Folge. Und wird danach mit weiteren Intrigen, einem noch wichtig werdenden Nebenplot um einen Jungen aus der Nachbarwohnung, dessen Mutter suchtkrank und deren Freund aggressiv ist und dem Joe sich annimmt sowie der Frage danach, ob und wann Beck endlich rauskriegt, dass bei Joe der Zweck auch das kriminellste Mittel heiligt, bei Laune gehalten.

„You“ ist mehr „Gossip Girl“ als „Dexter“

In ihren besten, weil blutigsten Momenten erinnert die von den Produzenten der Jugendserie „Riverdale“ gemachte und auf einem Roman von Caroline Kepnes basierende Serie „You“ an den sympathischen Serienmörder „Dexter“ – leider aber macht Joe zu viele Fehler, um ihm jemals ebenbürtig zu werden. Auch ein „American Psycho“ wie einst Christian Bales Patrick Bateman wird er nicht werden, dafür ist er zu unscheinbar. Außerdem sind fast alle Menschen in „You“ auf eine langweilige Art und Weise ein bisschen zu schön, zu makellos und zu egal. Oder hat man das alles schon zu oft zu ähnlich gesehen? Auf YouTube kommentierte jemand den Trailer und die Handlung von „You“ gar mit einer offensichtlichen „Gossip Girl“-Referenz: „Spotted: Lonely Boy has set his eyes on a particular blonde and can’t get over her. Meanwhile her brunette friend doesn’t trust him at all. Sound familiar? XOXO“.

Wie tief Becks Wunsch nach Anerkennung auf Augenhöhe in ihr verwurzelt ist und wo er herrührt, wird in einer späten Szene schmerzlich bewusst: Nachdem erst ihr Dozent im Austausch gute Noten mit ihr ins Bett will und sie dann ein Buchverleger in einer Limousine begrabscht, erfahren wir in einem Flashback, dass sie seit ihrer Kindheit von Männern kleingehalten wurde. Hier schafft „You“ es zum Glück, neben Young-Adult-Drama und Social-Media-Paranoia auch Gesellschafts- und Gleichberechtigungskommentar zu sein. Wenn auch nur für eine Minute.

Weitere theoretisch spannende Aspekte in „You“:

  • Joe ist zwar ein Psychopath, aber im Rahmen seiner Möglichkeiten kein ausnahmslos schlechter Kerl: Er will Beck doch nur beschützen. Zwar um jeden Preis, aber auch gegen tatsächliche andere Gefahren und vermeintliche Freunde.
  • Der Psychiater, bei dem Joe und Beck (unabhängig voneinander) in Behandlung sind, wird von John Stamos („Full House“) gespielt. Naheliegend, dass dieser Rolle wegen ihrer Besetzung noch eine zentralere werden wird.
  • Es gibt einen okayen Cliffhanger im Staffelfinale.

Eine Frage noch an die Leserinnen dieses Textes: Gruppenchatten erwachsene Frauen wirklich unmittelbar nach dem Sex über das Erlebte? Und über die Penisgröße ihrer Typen? „You“ wäre gerne ein tiefgehendes Psychodrama, bleibt leider aber nicht viel mehr als ein Oberflächenkratzer an der Millennials-Generation. Schade – aber sowas passiert eben, wenn man sich nicht für eine Zielgruppe entscheidet und Teenager und Ü25-Jährige gleichermaßen erreichen will.

„You“ wurde erstmalig im September 2018 beim US-Sender „Lifetime“ ausgestrahlt. Seit 26. Dezember 2018 ist die komplette erste Staffel bei Netflix im Stream zu sehen. Eine zweite Staffel wurde bereits bestätigt.


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