„Winnetou“ auf RTL: Regisseur Philipp Stölzl erklärt im Interview seine Neuauflage

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Spätestens mit „Goethe!“ etablierte er sich 2010 als rares deutsches Regietalent mit Gespür für publikumswirksame Stoffe. Sein letzter Kinofilm, „Der Medicus“, hatte über drei Millionen Zuschauer – und zwischendurch inszeniert er regelmäßig Werbung und Videoclips, Opern und Theaterstücke. Nun hat sich Philipp Stölzl, 49, dem populärsten aller Medien zugewandt und für das Fernsehen einen „Winnetou“-Dreiteiler gedreht, der an den Weihnachtsfeiertagen bei RTL läuft. Auf der Terrasse seiner Berliner Wohnung sprach Stölzl über seine Neuinterpretation der „Winnetou“-Erzählung – und erklärte, warum er der großen Leinwand unbedingt weiter treu bleiben will.

me.Movies: Über eine „Winnetou“-Wiedergeburt geistern schon lange Gerüchte durch die Branche. Wie sind Sie zu dem Projekt gestoßen, und warum haben Sie sich für einen TV-Dreiteiler entschieden?

Philipp Stölzl: Mein Gefühl ist, dass bei „Winnetou“ viele herumgewurschtelt haben, ohne dass sich Pläne realisieren ließen. Schon Bernd Eichinger wollte einen „Old Shatterhand“-Spätwestern drehen, ganz real, in Amerika, mit Mescalero-Apachen. Später versuchte es auch mein „Winnetou“-Produzent Christian Becker mit einer Art Pop-Western, der im Ton an die „Fluch der Karibik“-Serie angelehnt war. Doch Kino ist riesig und teuer – und man muss nüchtern sehen, dass das Publikum unter 30 überhaupt nicht mehr weiß, wer Winnetou ist.

Im Ernst? Gibt die Generation der Eltern ihre Kindheitsidole nicht an den Nachwuchs weiter, wie bei Filmen mit Bud Spencer oder Luis de Funès?

Nee, das wird nostalgisch verklärt. Die Kids heute haben andere Interessen, und mit meinen großen Söhnen kann ich besser über „Star Wars“ sprechen. Die alten „Winnetou“-Filme laufen auch nicht mehr. Niemand spielt mehr Cowboy und Indianer. Niemand liest Karl May, der zwar unfassbar viel, aber keine wirklich gute Literatur geschrieben hat. All das macht einen Kinofilm zum unkalkulierbaren Risiko. Zumal meine erste Frage auch war: Warum soll es die Neuauflage überhaupt geben? Was wollen wir erzählen und vermitteln? Und so landeten wir bald bei einer Geschichte, die nur über sechs Stunden und drei Teile funktioniert.

Im ersten Teil lernen wir die bekannten Figuren kennen – doch dass es ganz anders weitergehen wird, deutet das Überleben von Winnetous Schwester an, die im Kino den berühmten Opfertod starb.

Die alten Filme waren wahnsinnig männlich – und Winnetou und Old Shatterhand eindeutig ein Liebespaar. Winnetou war symbolisch die Frau und Old Shatterhand der kernige Mann. Damit die zwei aber endlose Abenteuer erleben konnten und keine Familie störte, musste ihre sexuelle Ausrichtung kurz geklärt werden, bis die Frauen aus dem Weg geräumt und unsere Helden frei füreinander waren. Den Kern dieser Ikonografie übernehme ich durchaus. Es geht um zwei Männer aus unterschiedlichen Kulturen, die Feinde sein müssten, aber zu Blutsbrüdern werden und der Annäherung ihrer Völker helfen. Das kann man naiv finden. Darin steckt die Friedens-Utopie von Karl May, der nie Apachen getroffen und ein romantisches Ideal verfasst hat. Aber in unseren Filmen geht es viel stärker um die Balance von Mays Wildwest-Paradies und einer glaubhaften Welt. Bei uns ist die Westernstadt so schäbig wie in „Deadwood“. Winnetous Schwester ist die dritte Hauptfigur und sehr wichtig bis zum Schluss. Wir nehmen die Figuren und ihre Themen insgesamt wesentlich ernster.

Mario Adorf in „Winnetou“.
Mario Adorf in „Winnetou“.

Wenn es um die Bedrohung der Apachen durch die Eisenbahn geht, spricht Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand von „Völkermord“. Das hat es bei „Winnetou“ früher nie gegeben, ist aber politisch auch sehr korrekt, oder?

Mein Dramaturg Roland Zag hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Filme laut „Winnetou“-Forschung von den Deutschen gerade deshalb so umarmt wurden, weil sie einen Softfilter auf den Indianer-Genozid legten. Es half, mit dem zurückliegenden Völkermord umzugehen. Natürlich sind wir heute viel weiter und wissen auch viel mehr über Indianervertreibung, was wir gar nicht ignorieren können. Aber zugleich leben wir in einer Zeit, in der Kulturen mit immer mehr Hass aufeinanderprallen. Da dachte ich, es wäre schön, zu Weihnachten zwar einen Western mit viel Action für die ganze Familie zu machen – der aber auch die einfache Botschaft transportiert, dass Frieden miteinander etwas Schönes ist.

Wie läuft das bei RTL – hängen Ihnen da Kontrolleure im Nacken wie bei den Filmstudios in Hollywood üblich?

Null – überhaupt nicht. Ich hatte Tausende abschreckende Geschichten über Fernseharbeit gehört, habe aber davon beim „Winnetou“-Dreh nichts wiedergefunden. Für RTL ist Fiction etwas fast Exotisches, sie können nur gewinnen, da war es ein Liebhaberprojekt. Sie vertrauten mir und meinem Team, sicher auch, weil sie sahen, wie sehr wir alle brannten für dieses Projekt. Wir hatten 13,8 Millionen Euro und 85 Drehtage, was beides extrem eng ist für drei Filme à zwei Stunden, die auch noch Kinoqualität haben sollen. Das war nur zu schaffen, weil alle für weniger Geld als üblich arbeiteten und alles in den Dreh in Kroatien steckten. RTL ließ uns völlig freie Hand.

Nur mal zum Vergleich: „The Lone Ranger“ mit Johnny Depp hat 250 Millionen Dollar gekostet. Wie sehr muss man tricksen und auch Abschied von Idealvorstellungen nehmen, wenn man nur 14 Millionen für sechs Stunden Film hat?

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Und „The Lone Ranger“ war schlecht! Aber natürlich: Es muss einem klar sein, dass man nicht an die amerikanischen Western herankommen wird. Die haben so viel mehr Zeit für die Arbeit und schauen sowieso nur schräg, wenn sie hören, dass Deutsche einen Western machen wollen – die Mittel wie Sergio Leone oder Quentin Tarantino haben wir niemals. Doch auch so ist es ein überambitioniertes Unternehmen. Finden Sie mal Statisten in Kroatien, die nicht nur halbwegs wie Indianer aussehen, sondern auch noch reiten oder gar vom Pferd fallen können. Dann gibt es schwer zugängliche Locations, die alte Eisenbahn geht kaputt oder es regnet eine Woche.

Probleme, die Sie von Kinoproduktionen gewohnt sind.

Ich provoziere es ja auch, weil ich Welten erschaffen will. Viele Regisseure mögen das nicht, doch mir macht es Freude, in eine andere Zeit oder Kultur einzutauchen. Ich komme ja vom Theater und liebe Ausstattung. „Der Medicus“ war dabei auch ein Clash der Kulturen wie „Winnetou“. Doch das geringere TV-Budget ist natürlich eine große Umstellung. Der Trick ist, dann die richtigen Mittel für deine Ideen zu finden. Es muss immer schnell gehen, um das Gesamtpensum zu schaffen, also drehst du möglichst mit zwei Kameras oder gehst auf Handkameraästhetik, die einen Stil mit mehr Figurenpräsenz bringt. Du brauchst auch nicht den ewig blauen Himmel aus den alten Filmen, sondern setzt andere visuelle Marken wie die Westernstadt.

Haben Sie etwas gelernt beim Drehen unter Fernsehbedingungen, was Ihnen bei künftigen Kinofilmen helfen wird?

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Dass ich so bald keinen Pferdefilm machen werde. (lacht) Sehr schwere Arbeit. Und ich merke, dass ich schon ein großer Kinofan bin. Ich möchte kein Fernsehen mehr machen, sondern lieber wieder Kinofilme. Ich vermisse es, am Ende in den Saal mit der großen Leinwand zu gehen. Und da möchte ich populäre Geschichten erzählen, ich bin ja kein Regisseur für Festivalstoffe. Die Wirkung des Fernsehens, dass man auf einen Schlag Millionen von Menschen erreicht, ist sicher auch ein starker Reiz. Aber das Kino hat eine Magie, die mich mehr anzieht.

Obwohl deutsche Filme fast nur Hits werden, wenn es Komödien sind oder sie von Til Schweiger kommen?

Produzent Nico Hofmann sagt auch, dass sonst wenig im Kino zu den Leuten findet. Ich denke, die Projekte finden schon ihren Weg, wenn man sich die Frage nach der Relevanz stellt. Welches Thema hast du, wie viele Leute kannst du erreichen? „Winnetou“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ waren aus unter- schiedlichen Gründen besser für das Fernsehformat geeignet. Aber mit Nico arbeite ich nun auch an einem Biopic über Siegfried & Roy, die ich derzeit treffe, um ihre Lebensgeschichten zu hören. Las Vegas, weiße Tiger, das schillernde Leben der beiden – das gehört unbe- dingt ins Kino. Wahrscheinlich mache ich auch eine Verfilmung von „Ich war noch niemals in New York“, dem Udo-Jürgens-Musical, ganz Boulevard und unbedingt mit viel Musik. Auch über eine „Medicus“-Fortset- zung wird nachgedacht. Dazu produziere ich, um mal mit anderen Regisseuren zu arbeiten – denn auch im deutschen Kino, glaube ich, geht noch einiges mehr als bisher.


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