Christoph Hochhäusler: „In Deutschland gibt es kein hungriges Publikum“

In der aktuellen Ausgabe von me.Movies begeben wir uns unter der Überschrift „Unter Verdacht“ auf die Suche nach Action, Thrill und Drastik im aktuellen deutschen Kino und stellen einige bemerkenswerte Genrebeiträge der letzten Jahre vor. Mit Christoph Hochhäusler (Jahrgang 1972) treffen wir dabei auch auf einen Filmemacher der Berliner Schule, der sich seit seinem Beitrag zum ARD-Dreiteiler „Dreileben“ im Jahr 2011 zunehmend für das Spiel mit Genre-Konventionen interessiert.

2014 filmte er den ambitionierten Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“, derzeit arbeitet er an einem Gangster-Drama. Im Gespräch mit ihm, das hier exklusiv in ungekürzter Fassung erscheint, erfahren wir, warum es vergeblich ist, dem wilden Kino der 70er Jahre hinterher zu trauern, und was die Tränen von Freddy Quinn mit unserem Verständnis von Popkultur zu tun haben.

me.Movies: Was interessiert Dich als Filmemacher an Genre?

Christoph Hochhäusler: Was mich grundsätzlich interessiert, ist so etwas wie die Mitarbeit des Publikums. Und das Genrekino ist insofern vielleicht ein besonderes, als es da besondere Verabredungen gibt. Es gibt gewissermaßen einen Raum der Erwartung. Und mit dieser Erwartung kann man spielen. Man kann mit Abweichungen eine viel größere Aufmerksamkeit erreichen, weil es eben Verabredungen gibt. Aber man kann Genre-Regeln nicht einfach behaupten. Das ist die Schwierigkeit. Mich interessiert Genre, aber ich habe meine Zweifel, ob man so frei darüber verfügen kann. Zum Genre gehört eben nicht nur die mehr oder weniger raffinierte Variation der immergleichen Elemente, sondern auch eine Art traumatischer Haftgrund, ein Kollektiv-Unbewusstes, das den Wiederholungszwang erst hervorbringt. Nehmen wir zum Beispiel mal den Western. Der basiert auf einem literarischen Genre und das wiederum fusst auf einer historischen Wirklichkeit. Der Western hat sich entwickelt über Hunderte von Filmen, aber er konnte nur diese Vielfalt und mythische Kraft entwickeln, weil die zugrundeliegende historische Wirklichkeit so verheerend war und entsprechend lang nachgewirkt hat. Wenn dann jemand wie Howard Hawks 1959 „Rio Bravo“ macht, dann ist das wie eine Summe aus hunderten von Filmen. Aber die Größe von „Rio Bravo“, den ich sehr liebe, hat eben auch viel damit zu tun, dass er auch die historische Dimension reflektiert – bewusst und unbewusst, beides zugleich.

Was bedeutet das für Deine eigene Suche nach filmischen Stoffen?

Ich selbst schreibe gerade eine Art Gangsterfilm. Ich kann jetzt natürlich sagen, ich will das Genre des Gangsterfilms im deutschen Kino populär machen, aber wie macht man das eigentlich? Wo knüpfe ich an? Ich habe mal über Thomas Arslans Film „Im Schatten“ geschrieben, dass Genre nicht Gehorsam, sondern Treue sei. Dass es darum geht, dass man in eine Art Gefolgschaft tritt. Aber ich weiss natürlich, dass Deutschland viel zu obrigkeitlich ist, um den Gangsterfilm wirklich zu umarmen. Die Omnipräsenz des Krimis kann kein Zufall sein. Jedes Volk hat die Genres, die es verdient. Die deutsche Form von Romantic Comedy ist ein anderes, ziemlich stabiles deutsches Genre – nicht sehr interessant aus meiner Sicht, aber ich bin auch kein großer Kenner. Jedenfalls hat es einen großen Rückhalt. Wenn man jetzt wirklich für das Genrekino streitet – was ich nicht tun würde, ich streite für gute Filme –, dann müsste man eigentlich sagen, lasst uns diese Tradition pflegen und ihr mehr Nuancen beibringen. Weil das ist ein Erfolgsgenre. Alles andere, Horror, Science Fiction, gab es auch einmal im deutschen Kino, ja, es war aber nie sonderlich erfolgreich, „Frau im Mond“ vielleicht, aber „Metropolis“ war ein Riesenflop…

Florian David Fitz in „Die Lügen der Sieger“.
Florian David Fitz in „Die Lügen der Sieger“.

Nehmen wir in Deutschland den Genrefilm nicht ernst genug?

Wenn man über das Genre spricht, muss eigentlich sofort über das Verhältnis zu populärer Kultur sprechen, und das ist nach wie vor gestört. Alles was populär ist, steht unter Verdacht. Und wenn etwas populär sein soll und scheitert, wird es vernichtet. Und dadurch dass das Populäre so wenig ernst genommen wird, kann es sich selbst auch nicht verbessern in der Art, wie es eigentlich der Fall sein müsste. Der fünfzigste Geburtstag von Freddy Quinn etwa, das war angeblich das erste Mal, dass er in der Süddeutschen Zeitung erwähnt wurde. Und er brach in Tränen aus – hat man mir erzählt. Mir liegt gar nichts an Freddy Quinn, ich bin auch nicht sicher, ob die Geschichte stimmt, aber man kann es sich gut vorstellen – während es in den USA undenkbar wäre, dass jemand, der Millionen Platten verkauft, nicht vorkommt im seriösen Teil der Presse. Und ähnlich ist es auch im Film. Schweiger und Schweighöfer kommen vielleicht vor, aber nicht besonders liebevoll, um es milde auszudrücken. Die Filme verdienen es oft natürlich auch nicht.


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Der Regisseur Dominik Graf kritisiert ja seit langem, zuletzt in seinem Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutscher Film“, dass dem deutschen Kino heute das Schmutzige, Körperliche, Undomestizierte fehle. Kannst Du diese Klage nachvollziehen?

Ja, kann ich verstehen. Ich sehe auch, dass Dominik versucht, so eine Ästhetik zu konstruieren. Aber sie ist eben konstruiert. Sie entsteht unter anderen Bedingungen. Ich verstehe, dass er den Giallo liebt, aber Giallo ist ein kommerzielles Genre gewesen, schnell und billig produziert für einen Nischenmarkt, den es damals real gegeben hat. Da wurde Geld verdient. Die Vulgaritäten des Genres haben auch zu tun mit den Wünschen von Produzenten, die gesagt haben, unser Publikum will in der zehnten Minute einen Mord sehen, so wie der Pornoproduzent sagt, ohne den Money Shot geht nichts. Und mit diesen eigentlich kruden Voraussetzungen setzen sich dann Künstler auseinander.

Wie auch in Japan mit den Pink Movies…

Ja, absolut. Und das fände ich auch für mich interessant. Wenn an mich jemand heranträte und sagen würde, das und das muss vorkommen, sonst hast Du freie Wahl. Super, diese Art von Herausforderung! Aber so ist das System halt nicht. Und ich könnte das zwar beklagen, aber das wäre ein bisschen pervers, weil wir eben andere Möglichkeiten, größere Freiheiten haben. Die sind vielleicht manchmal schweres Gepäck. Ich verstehe zwar, dass man sich nach diesen Vulgaritäten sehnt und nach diesem verschärften Ton, aber unser Staat gibt dafür Geld aus, dass wir den Markt ergänzen. Es gibt offenbar diese Auffassung, dass man den Markt über die Filmförderung korrigieren muss. Das ist eigentlich eine Form von Kapitalismuskritik, und ich teile sie auch. Dass man sagt, unser Markt ist zu klein, wir brauchen Filme, die was von uns erzählen, in unserer Sprache, von unserer Kultur, von unseren Leben. Und in welcher Form? Je nach Talent und Möglichkeit.

Nimmst Du diese volle Freiheit bei der Auswahl Deiner eigenen Stoffe immer in Anspruch oder spielen da auch die Bedingungen und Erwartungen dieses Systems mit hinein?

Dass ich versucht hätte, einen so genannten „Gremienfilm“ zu machen, kann man mir wirklich nicht vorwerfen. Aber es gibt natürlich Stoffe, bei denen ich sage, das ist zu teuer. Und das sind nicht so wenige. In Deutschland kann man Filme machen bis ungefähr 10 Mio. Euro, wobei ich selbst natürlich bislang wesentlich weniger Geld zur Verfügung hatte. Damit fallen einige Genres schon einmal raus, wenn man international konkurrenzfähig sein will. Du kannst dann immer noch die B-Version davon machen, aber gibt es dafür einen Markt? Lohnt es, 10 Mio. auszugeben für die B-Version von einem Film, den es in Hollywood besser gibt? Vielleicht dann, wenn man extremer würde als es Hollywood sein kann, drastischer, spitzer im Ton, politischer, sexueller – was weiss ich. Aber unsere teuersten Filme sind kaum je aufreizend oder provokant in diesem Sinne.

Das größere Problem für mich ist eigentlich die Gewissheit, dass es kein hungriges Publikum gibt in Deutschland

Ich habe schon diverse Genre-Stoffe – Science-Fiction, Gangster, Western, die ich gerne machen würde, zum Teil entwickele ich sie ja auch – wohlwissend, dass sie vielleicht nie gemacht werden, was natürlich auch frustrierend ist und was ich mir auch nicht endlos leisten kann, weil es mich ja Zeit und Geld kostet. Ich bin ständig im Gespräch mit Kollegen über die Frage, wie kann man sich stärker herausfordern, wie kann man in der Beschränkung kreativ sein? Meistens kommt man dann zu dem Punkt, dass die Strukturen zu langsam sind… wobei ich das gar nicht mal als das größte Problem sehen würde. Das größere Problem für mich ist eigentlich die Gewissheit, dass es kein hungriges Publikum gibt in Deutschland. Nur wenige Leute gehen ins Kino. Und die wenigsten gehen ins Kino, um einen deutschen Film zu sehen. Und die allerwenigsten gehen ins Kino, um einen anderen deutschen Film zu sehen außer den paar Erfolgsgaranten. Das ist schon eine extreme Verengung, da bleiben wahnsinnig wenige Leute übrig.

Inwiefern interessiert Du Dich als Filmemacher für die Mechanik des Genres – also filmische Mittel bewusst einzusetzen, um das Publikum zu packen und emotional zu lenken, wie man es etwa bei Hitchcock studieren kann?

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Hochhäusler feierte 2003 sein Kinodebüt mit „Milchwald“.

Es interessiert mich mehr und mehr. Das ist etwas, das sich gerade verändert. Ich habe das Gefühl, ich mache einen Schritt auf das Publikum zu. Aber das Publikum ist nicht wirklich gefolgt (lacht). Hitchcocks Filme werden ja immer als Thriller bezeichnet, aber das ist zum Beispiel ein reichlich vages Genre. Er hat eigentlich Angstfilme gemacht. Seine Technik der Identifikation baut auf Angst. Das ist ein System, das sehr gut zum Kino passt und das er unglaublich scharf ausformuliert hat, was mich sehr fasziniert: Wir sehen den, der schaut, wir sehen, was er sieht, diese Betonung des Subjektiven ist extrem stark, die Blicke der anderen auch, die Dich treffen und Dich auch zerstören. „The Wrong Man“ ist ein Lieblingsfilm von mir. Mir wird ja immer vorgeworfen, ich sei arrogant dem Publikum gegenüber oder würde ihm nicht geben, was es will. Das ist zum Teil sicherlich Entscheidung, zum Teil auch Unvermögen. Tatsächlich langweile ich mich schnell, als Zuschauer wie Regisseur. Ich will gerne Filme machen, die es noch nicht gibt. Einen Trick, der schon 1.000-mal gemacht wurde, nachzuvollziehen, nur weil er funktioniert, das würde mir nicht reichen. Und vielleicht ist das schlecht, wer weiß.

Dein letzter Film, „Die Lügen der Sieger“, wurde als Polit-Thriller vermarktet. Wie zufrieden bist Du rückblickend mit der Ausfüllung des Thriller-Formats?

Also erstmal ist der Film ja kommerziell gescheitert, kann man ganz klar sagen. Der war ja schon gedacht als ein Film, der in eine andere Liga vordringt, nicht Til Schweiger, aber ein anderes Plateau…

… auch über die Wahl des populären Hauptdarstellers Florian David Fitz …

Genau. Und das ist nicht gelungen. Das hat auch zu tun mit handwerklichem Unvermögen, glaube ich. Ich will mich jetzt nicht selbst kasteien, aber ich fand es sehr anspruchsvoll, einen Thriller mechanisch so zu bauen, dass man einerseits nicht sofort alles weiß, was ich total hasse, und man ihm andererseits aber noch folgen kann. Und da gab es viele Debatten, auch beim Schnitt, welcher Grad jetzt wie erreicht ist. Im Nachhinein sind da viele Wünsche offen. Ich finde, er ist zu kompliziert geworden. Wir hatten immer Angst, es sei zu einfach. Und das ist sicherlich eine Misskalkulation gewesen. Aber trotzdem bin ich nicht unglücklich mit dem Film, ich bin stolz, was wir geschafft haben, und mir gefällt auch vieles. Aber er ist nicht so zugänglich geworden, wie ich dachte, dass er sein könnte.

Derzeit arbeitest Du an einem Gangsterfilm – ein weiteres Genre, das hierzulande kaum vorkommt. Worum geht es?

Der Film dreht sich um eine Rache, die ihren Adressaten sucht. Es spielt im Milieu der Kuriere von heißer Ware. Die Genrereferenz wäre Melville. Was natürlich wieder problematisch ist. Ich liebe seine Filme. Aber es ist nicht unser Kino. Es gibt eben kein Gangstergenre hier, an das man anknüpfen könnte. Mir fallen vielleicht drei oder vier ein, die es überhaupt gab. Das Aufregende am Kino ist ja, dass man jedes Leben leben kann, auch solche, die der bürgerlichen Ordnung widersprechen. Das kriminelle Leben hat eine besondere Anziehung. Da stellen sich natürlich auch sofort Fragen der Kinoethik. Wie kann ich einen Gangster so zeigen, dass ich einerseits die Faszination daran nicht verschweige, dass er sich nimmt, was er will, und andererseits dieser Faszination nicht erliege. Das ist ja eigentlich immer gescheitert. Das Kino ist ja mythisch. Egal wie dialektisch man bemüht ist, einen Film zu bauen, etwa bei „Good Fellas“: Das sind Psychopathen und man sieht im Detail, was sie alles Schlimmes machen, und trotzdem faszinieren sie. Dieser Grad ist sicherlich schmal. Tarantino etwa ist sicherlich ein Genie auf eine Art, aber wehe seinen Imitatoren.

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