Kritik

„Yellowjackets“ auf Sky: Willkommen im (Über)Leben

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Viele Erwachsene denken nicht (nur) mit Freude an ihre Zeit als Teenager*innen zurück, manche mögen sie streckenweise vielleicht auch furchtbar gefunden haben. Doch dies ist (hoffentlich) kaum mit dem Erlebnis vergleichbar, das die 25 Jahre zurückliegende Jugend der Protagonistinnen von „Yellowjackets“ prägte.

1996 waren die nun erwachsenen Frauen Taissa (Tawny Cypress), Shauna (Melanie Lynskey), Natalie (Juliette Lewis) und Misty (Christina Ricci) Schülerinnen an der New Jersey High School, hier Teil des erfolgreichen weiblichen Fußball-Teams und auf dem Weg zum Nationalturnier in Seattle. Doch dort sollten die jungen Spielerinnen und ihre Coaches niemals ankommen. Über den dichten Wäldern der kanadischen Provinz Ontario stürzte ihr Flugzeug ab und galt bald darauf als verschollen. Die Mehrzahl der Mädchen, ein Assistenzcoach sowie zwei Söhne eines umgekommenen Trainers überlebten den Absturz und mussten anschließend 19 Monate lang in der Wildnis ausharren.

Die begrabene Wahrheit

Darüber, was genau in diesen knapp anderthalb Jahren fernab der Zivilisation vorgefallen ist, halten sich die vier, kaum Kontakt zueinander pflegenden Frauen gegenüber der voyeuristischen Öffentlichkeit bedeckt. Taissa bemüht sich tunlichst, dieses Thema aus ihrer Kandidatur als Senatorin rauszuhalten. Währenddessen will Shauna als ganz gewöhnliche Hausfrau und Mutter wahrgenommen werden und hält sich ebenso wie Altenpflegerin Misty die aufdringliche Reporterin Jessica (Rekha Sharma) vom Leib. Natalie hat gerade einen erneuten Entzug in einer Rehaklinik absolviert und ebenso wenig Lust, die Öffentlichkeit über alle Details ihrer Vergangenheit aufzuklären. Denn wie die Eröffnungsszene von „Yellowjackets“ unmissverständlich und in düsteren Tönen aufzeigt, wurde die Anzahl der Überlebenden in Ontario über die Monate nicht (nur) durch Hunger, Kälte, Krankheit dezimiert, sondern auch durch kannibalistische Opfer-Rituale.

Herrin der Fliegen?

Zunächst mag das erzählerische Grundkonstrukt des Überlebenskampfes in „Yellowjackets“ an den historischen Flugzeugabsturz der uruguayischen Rugby-Mannschaft 1972 in den Anden erinnern und dessen filmische Adaption „Überleben!“ von 1993 (mit der wohl grauenerregendsten Absturzszene aller Zeiten, an die „Yellowjackets“ leider nicht herankommt). Aber das ebenfalls auftretende Motiv der toxischen Gruppendynamik unter unbeaufsichtigten Jugendlichen lässt natürlich auch Parallelen zu William Goldings Roman „Herr der Fliegen“ von 1954 erkennen.

In frühen Verkündungen zum Erwerb von „Yellowjackets“ durch den US-Sender Showtime war zeitweise sogar von einer „weiblichen“ Serienadaption zu Goldings Roman die Rede. Doch die zehn knapp einstündigen Episoden der nun vollendeten ersten Staffel offenbaren, dass es sich hier (zum Glück) eben nicht um ein einfallsloses, gender-swapped „Herr(in) der Fliegen“ handelt, sondern dass die Showrunner*innen Ashley Lyle und Bart Nickerson (beide wirkten u.a. an „Narcos: Mexico“ mit) sehr viel mehr Eigenes zu erzählen haben.

Das Trauma des Sozialdarwinismus

So mögen die Zeitsprünge zwischen den Erzählebenen von 2021 und 1996 in „Yellowjackets“ anfangs noch etwas unvermittelt wirken. Bald aber nähern sie sich wirkungsvoll den verborgenen Wahrheiten über die Geschehnisse nach (und vor) dem Absturz und liefern so Erklärungen für die weiteren Lebenswege der vier Frauen. Beide Zeitebenen sind dabei spannend gestaltet: In der Gegenwart mühen sich Taissa, Shauna, Natalie und Misty mit einem unbekannten Erpresser und Lebensfrust ab, in der Vergangenheit erwartet das Publikum der schrittweise Zusammenbruch des Sozialgefüges unter den Mädchen im Angesicht zunehmender Lebensbedrohung.

Diese Wandlung erfolgt aber nicht nur durch den heraufziehenden Winter und zunehmende körperliche wie psychische Strapazen. Schon Tage nach dem Absturz machen sich in der Gruppe Verschiebungen in der Gruppendynamik und den vorigen Rollenzuschreibungen bemerkbar: So wird die bisherige Außenseiterin Misty (Sammi Hanratty) bald als besonnen handelnde (und amputierende) Ersthelferin akzeptiert, während die zimperliche Team-Kapitänin Jackie (Ella Purnell) ihre Führungsrolle bald an die ehrgeizige Taissa (Jasmin Savoy Brown) abgeben muss. Die einstige High-School-Hierarchie scheint fernab vom Popularitätsgerangel auf Pausenhof und Partys aufgehoben, macht aber zugleich einer neuen Rangordnung der Überlebensfähigsten Platz.

Okkult-Horror und 90er-Flair

Und zu all dem gesellt sich noch ein okkultes Motiv hinzu, als die Überlebenden die Absturzstelle verlassen und eine verlassene Jagdhütte erreichen. So fügt sich schließlich zusammen, was der gelungene Vorspann aus verzerrten Videoschnipseln und dem Song „No Return“ von Craig Wedren und Anna Waronker andeutete: ein grungiger 90er-Jahre-Teenage-Flair und ein Hang zum Okkult-Horror à la „Blair Witch Project“. Wer die 90er selbst noch bewusst miterlebt habt, wird der aus populären Rap-, Pop- und Grunge-Nummern bestehenden Songauswahl in „Yellowjackets“ einiges abgewinnen können, auch wenn sie mitunter etwas überladen wirkt (ein klischeehaft platzierter „Cranberries“-Song war unnötig und auf die Reminder an zu Recht vergessene Hits wie Snows „Informer“ und Marky Marks „Good Vibrations“ hätte man auch verzichten können).

Durchweg gelungen sind hingegen die Mystery- und Horror-Elemente, die visuell und erzählerisch wirklich bedacht platziert und mit einem von gespenstischen Atem-Ritualen getragenen Theme untermalt sind. All dies fügt sich in dieser ersten Staffel von „Yellowjackets“ zu einem überzeugenden, unerwartet düsteren und launigen Ganzen zusammen, das viele Fans finden sollte. Ob das Erzählkonzept sich wirklich auf die von den Serienmacher*innen beabsichtigten fünf Staffeln ausdehnen sollte, bleibt abzuwarten – die zweite Staffel ist aber schon glücklicherweise beauftragt.

Die 10 einstündigen Episoden der ersten Staffel von „Yellowjackets“ sind vom 28. Dezember 2021 an auf Sky Atlantic und Sky Ticket im Stream zu sehen.


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