Jan Müllers Reflektor-Kolumne: Die wunderbare Zeitmaschine
Wie H.G. Wells' Vision bis heute nachwirkt – damit beschäftigt sich Jan Müller in seiner aktuellen Kolumne.
Als Kind saß ich gebannt vor dem Fernseher, als ich zum ersten Mal den Spielfilm „Die Zeitmaschine“ sah. Zusammen mit Filmen wie „Die phantastische Reise“ und diversen japanischen Monsterfilmen prägte dieser Film mein Pop-Bewusstsein zunächst weit stärker als die Musik. George Pals „Die Zeitmaschine“ stammt aus dem Jahr 1960 und war damit – wie auch die anderen genannten Filme – schon deutlich in die Jahre gekommen, als ich ihn damals in den 70er-Jahren entdeckte.
Womit wir beim Thema Zeit sind: Der Protagonist der Zeitmaschine reist mit der von ihm gebauten Maschine nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft – genauer gesagt in das Jahr 802 701. „Die Zeitmaschine“ ist die Verfilmung der gleichnamigen Novelle von H.G. Wells. Für den 28-Jährigen begründete der 1895 veröffentlichte Roman seinen Ruhm als Science-Fiction-Schriftsteller. Und das, obwohl dieses Werk von einem pessimistischen Menschenbild geprägt ist.
Der Zeitreisende wähnt sich nach Ankunft in der Zukunft zunächst in einem Paradies, bis er feststellt: Verschärfte Klassenkämpfe haben das Proletariat immer weiter unter die Erde gedrängt, wo es die Aufgabe hatte, die Maschinen zu bedienen. Die Menschheit entwickelte sich im Laufe der Evolution in zwei verschiedene Spezies. Über der Erde lebten die zarten Eloi und unter der Erde die finsteren Morlocks. Die herrschende Klasse der Eloi verlor schließlich in Dekadenz ihren Intellekt. Und wurde so zur Nahrungsquelle für die die Produktionsmittel bedienenden Morlocks.
Zwar hat Pal in seiner Verfilmung diese klassenpolitischen Aspekte vollkommen eliminiert, aber glücklicherweise ist der Film dennoch durch und durch gelungen. Die Ausstattung ist der pure Wahnsinn. Die Zeitmaschine selbst sieht so dermaßen toll aus: wie eine Mischung aus den skurrilsten Fahrzeugen aus der „Mad Max“-Filmreihe und Oma Ducks Detroit Electric. Dieser Film ist eine buntere Version der Wirklichkeit.
Die zarten Eloi benehmen sich in der lieblichen Landschaft wie die kalifornischen Hippies bei den Summers of Love Ende der 60er-Jahre oder die Menschenmassen bei den Berliner Loveparaden Ende der 90er-Jahre. Franz-Josef Degenhardt findet in einer Lessing-Variation, dem im Jahr 1968 veröffentlichten Rundumschlag-Protestsong „Für wen ich singe“, auch deutliche Worte gegen die Hippie-Bewegung: „Ich singe nicht für Euch / Ihr, die Ihr nur lebt, weil hier zu viel / Und anderswo zu wenig Brot herumliegt! / Tempelstufenhocker / Ihr, die Ihr nichts so liebt / Wie Eure eigenen bemalten Bäuche / Die Ihr mit blödem Haschisch-Lächeln / Eure gesetzlosen Gesetze vor Euch hinlallt / Nein, für Euch nicht!“
Andererseits: Was können die Nachfahren der ehemals herrschenden Klasse, die Eloi, schon dafür, dass sie in die vollkommene Gleichgültigkeit abgesunken sind?
Die Eloi-Frau Weena wird im Angesicht anderer teilnahmsloser Eloi von dem Zeitreisenden vor dem Ertrinken gerettet. Im Film spricht sie zwei faszinierende Sätze: „There is no past“ und „There is no future“. Alle, die sich einmal in einem Rave verloren haben, kennen dieses Gefühl.
Der Film erlangte angesichts seiner ästhetischen Wirkmacht Einfluss in der Popkultur. Eine 1969 gegründete Band hat sich sogar bis zur Wahl des Bandnamens hin begeistert. Die Hannoveraner Eloy sind immer noch aktiv und haben bisher 20 Alben veröffentlicht. Ihr Feld ist der Artrock und Progressive Rock.
Auf ihrem ersten Album findet sich der Song „Eloy“. Im Text heißt es: „People sitting ‚round a river / Consumptive nice and with garments on / They are eating fruits / And do love the peace / And feel so happy all their time / They are called Eloy in this old story / But I think they are living in my mind / They are the world / I want to stay here / In this land of charity / Spend my life / In a land of freedom.“
Frank Bornemann und seine Bandkollegen haben leider beim Texten übersehen, dass das Land der Eloi ein goldener und letztendlich tödlicher Käfig ist.
Interessant ist, dass es keine bekannte Metal-Band namens „Morlock“ gibt. Dabei sind die Morlocks die perfekten Metal-Wesen: leuchtende Augen, lange, struppige Haare und grimmiger Blick. Immerhin gibt es aber die amerikanische Garage-Rockband The Morlocks. Mein Anspieltipp: „Promised Land“.
Das bringt uns zu der Frage: Wohin wäre es anzuraten, mit einer Zeitmaschine zu reisen? Wenn ich mir die derzeitige Entwicklung ins Bewusstsein rufe, so bin ich doch stark geneigt, in die Vergangenheit zu reisen. Vielleicht am besten in das Jahr 1895 – auf ein Glas Tee mit H.G. Wells.




