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Zum Start von „Dark:“ Wie Netflix die Serienlandschaft in Europa verändert

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Die Mysteryserie „Dark“ erzählt in zehn einstündigen Episoden von einer typischen, deutschen Kleinstadt, von vier Familien, von verschwundenen Kindern, von Verbrechen, die ins Jahr 1986 zurückreichen, vom kalten Grauen. Der Blick hinter die Heile-Welt-Fassade, der dunkle Geheimnisse offenbart, die entlang der Wipfel des dunklen Waldes huschende Kamera, die graublauen Bilder, das Summen und Brummen des Soundtracks – ein bisschen kommt einem dieses Kaff Winden wie Deutschlands Antwort auf das verwunschene TV-Städtchen namens Twin Peaks vor. „David Lynch und seine Serie ,Twin Peaks‘ haben uns in unserer Teenagerzeit geprägt“, gibt Jantje Friese zu, die sich zusammen mit Baran bo Odar „Dark“ ausgedacht hat. Dass die Autorin und der Regisseur gerne die Abgründe zeigen, die sich in Kleinstädten auftun (sie haben sich des Themas schon 2010 in dem Film „Das letzte Schweigen“ genähert), könnte aber auch schlicht daran liegen, dass sie beide in Kaffs wie Winden oder Twin Peaks aufgewachsen sind.

Friese und Odar haben die zehn „Dark“-Episoden im Schneideraum schon mindestens 50 Mal gesehen, während sich der Rest der Welt vorerst noch mit dem Teaser begnügen muss, den Netflix veröffentlicht hat – und der nicht nur an „Twin Peaks“ erinnert, sondern auch an skandinavische Krimiserien und ein klein wenig an „Stranger Things“. „Unsere Serie ist auf jeden Fall mehr mit dem Nordic-Noir-Genre verwandt als mit ,Stranger Things‘, auch weil wir alle unsere Bücher schon geschrieben hatten, als ‚Stranger Things‘ herauskam“, sagt Odar, „außerdem sind wir auf jeden Fall finsterer.“ – „Wenn dann sind wir der düstere europäische Bruder von ,Stranger Things‘“, sagt Friese.

Eigentlich wollten Netflix-Geschäftsführer Reed Hastings und Programmchef Ted Sarandos, dass Friese und Odar aus ihrem Film „Who Am I“ eine Serie machen. Doch die Hackergeschichte weiterzuerzählen, fanden die beiden zu öde und sagten ab. „Wir machen lieber Sachen, die wir noch nie gemacht haben, weil wir uns schrecklich schnell langweilen“, sagt Odar. Offensichtlich imponierte so viel Kaltschnäuzigkeit den Netflix-Chefs. Sie wollten wissen, was für eine Geschichte die beiden denn lieber erzählen möchten. So entstand „Dark“.

„Bitte macht was Eigenes“

Dass sich Netflix mit einer Eigenproduktion nach Deutschland wagt, kommt nicht überraschend. Schließlich befindet sich hier einer der wichtigsten TV-Märkte der Welt. Bereits im Januar 2016 hatte Hastings verraten, dass er nach passenden Serienstoffen in Deutschland suche. Dass man sich jetzt auf einen Mystery-Stoff geeinigt hat, ist dann aber doch ungewöhnlich. Dieses Genre gilt nicht unbedingt als deutsche Spezialität – anders als zum Beispiel die Geschichtsstunden aus dem Hause UFA Fiction. „Klar hätte man auch einfach nur eine Crime Show oder etwas Historisches mit Nazis, DDR oder so machen können“, sagt Odar, „von Netflix kam aber klar die Ansage: Bitte macht was Eigenes – etwas, das Deutschland so noch nicht gesehen hat.“

Tatsächlich kann es sich der Streamingdienst, der weltweit über 100 Millionen Abonnenten hat und in rund 200 Ländern verfügbar ist, gar nicht leisten, nur für nationale Märkte zu produzieren. Die sechs Milliarden Dollar, die Netflix 2017 für sein Programm ausgeben will, sind nur dann eine lohnende Investition, wenn überall auf der Welt geschaut wird. Einen Schwerpunkt sollen da inzwischen Inhalte bilden, die für die ganze Familie geeignet, anspruchsvoll und subversiv zugleich sind – nach dem Vorbild von Serien wie „Stranger Things“, „Gilmore Girls“ oder „A Series Of Unfortunate Events“. Brian Wright, der bei Netflix für die Familienunterhaltung und damit auch für die kontroverse Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ zuständig ist, hält zwar den deutschen für einen sehr wichtigen Markt für Netflix, sagt aber trotzdem: „Wir fragen uns immer von Anfang an, ob die Geschichte, die wir erzählen wollen, international funktionieren wird.“

David Harbour in „Stranger Things“.

Das haben zwar die „Dark“-Macher kapiert, die schon in „Das letzte Schweigen“ und „Who Am I“ universelle Geschichten erzählen wollten, die auch in Asien oder Südamerika verstanden werden, nicht aber die meisten deutschen Sendeanstalten. „Ein Problem ist, dass Deutschland als TV-Markt so groß ist, dass dieser in sich selbst funktioniert“, sagt Friese. „Es ist gar nicht nötig, über die Landesgrenze hinauszudenken. In Skandinavien ist das anders. Wenn die Dänen nur für den dänischen Markt produzieren würden, müssten ihre Shows spottbillig sein, um sich zu rechnen.“

Überhaupt sei die Kategorie Deutsch auch ästhetisch äußerst fragwürdig, findet Odar: „Offenbar sind die Leute der Auffassung, die Marke Deutsch hat gefälligst hässlich und trist auszusehen“, sagt er. „Fritz Lang und Friedrich Murnau kamen aus Deutschland und haben bombastische Bilder geschaffen: Wir haben die spektakuläre Hollywood-Optik erfunden. Ich finde es schade, dass das verloren gegangen ist.“

Der alte Glanz kehrt zurück

Doch vielleicht sorgt Netflix jetzt dafür, diesen alten Glanz zurückzubringen. Allerdings kommt Deutschland bei Netflix’ Europa-Offensive erst recht spät an die Reihe. Ausgerechnet in Frankreich, dem Mutterland des Autorenfilms, dem Land, in dem das europäische Kino sich noch am wackersten gegen die Übermacht aus Hollywood wehrt, ließ Netflix seine erste europäische Serie drehen. Im Mai 2016 nahm man das Hochglanz-Politdrama „Marseille“ ins Programm. Netflix hatte zwar mit Gérard Depardieu als Marseilles Bürgermeister Frankreichs größten Superstar verpflichtet, das Drehbuch und die Regie Franzosen überlassen, sich aber für eine Story entschieden, die trotz der südfranzösischen Einfärbung letztlich überall auf der Welt hätte erzählt werden können.

Schüler gegen Lehrer: In „Marseille“ ist ein Kampf um das Rathaus der Stadt entbrannt.

Auch die erste spanische Netflix-Serie „La chicas del cable“ ist so eine universelle, mit Lokalkolorit und historischer Patina verzierte Story, die zwar von Telefonistinnen im Madrid der 20er-Jahre, aber letztlich weibliche Selbstbestimmung im Hier und Jetzt thematisiert. Für die britische Netflix-Serie „The Crown“ wurde Peter Morgan angeheuert, der schon das Drehbuch für Stephen Frears’ Biopic „Die Queen“ geschrieben hatte. Erneut erzählt er das Leben von Königin Elisabeth II. nach. Diesmal beginnend im Jahr 1947. Und die erste italienische Netflix-Serie „Suburra“, die Anfang Oktober online gegangen ist, beruht auf dem gleichnamigen Film von Stefano Sollima, der auch hinter der Mafiaserie „Gomorrha“ steckt und der sich in dem zehnteiligen Krimidrama erneut an seinem Lieblingsthema abarbeitet. In Vorbereitung sind außerdem bereits eine zweite französische Netflix-Produktion (die Science-Fiction-Serie „Osmosis“, die 2018 gedreht werden soll), und eine zweite deutsche Netflix-Serie: „Dogs Of Berlin“ ist für 2018 angekündigt und handelt von zwei Polizisten, die in den Abgründen der Berliner Unterwelt ermitteln. Christian Alvart („Antikörper“, „Halbe Brüder“) führt Regie und schreibt das Drehbuch.

Politik macht Serie

Netflix’ Eifer in Europa hat auch mit einer Verordnung zu tun, die das Europäische Parlament nach einer Initiative Frankreichs im Mai erlassen hat. Streamingdienste wie Amazon Prime oder Netflix müssen in Europa künftig Quoten einhalten: Mindestens 30 Prozent des Angebots im Katalog des jeweiligen Anbieters muss aus Europa stammen. Colin Bortner, der bei Netflix fürs internationale Geschäft verantwortlich ist, glaubt zwar, dass so eine Quote der Qualität schadet, die EU hofft aber, mit der sogenannten Audiovisuellen Mediendienste-Richtlinie die europäische Filmkultur zu retten.

Und vielleicht gelingt dies tatsächlich dank eines Medienunternehmens aus Kalifornien und dank Filmemachern wie Friese und Odar, die davon überzeugt sind, dass das Arthouse-Kino noch nicht tot ist und im Fernsehen eine Fortsetzung finden kann: „Wir glauben, dass man etwas mit einem hohen künstlerischen Anspruch produzieren kann, das trotzdem ein relativ großes Publikum erreicht“, sagt Friese. Deshalb wird „Dark“ auch nicht wie die Amazon-Serie „You Are Wanted“ entlang eines nationalen Superstars erzählt. Karoline Eichhorn, Jördis Triebel, Angela Winkler, Michael Mendl oder Mark Waschke kennt man nicht unbedingt aus Blockbustern. „Wir lieben Serien“, sagt Odar, „und in den besten ist immer die Serie der Star. So war das zum Beispiel bei ,Mad Men‘ und ,Breaking Bad‘. Und so war das auch in ,Sopranos‘ oder in ,Game of Thrones‘: Die Gesichter kannte man vorher nicht. Und jetzt sind alle Weltstars. Am Anfang war aber nur die Serie der Star.“

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Netflix
David Koskas/Netflix


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