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So war es bei Kate Bushs „Before The Dawn“-Show

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Wann hat Kate Bush eigentlich den letzten vorhersehbaren „Move“ ihrer Karriere hingelegt? In diesem Jahrhundert jedenfalls nicht: Ein plötzliches Comeback-Album nach zwölf Jahren Stille, eine Neuvertonung ihrer verschmähten 1993er Platte THE RED SHOES, nur wenige Monate später ein Konzeptwerk über Schnee. Und jetzt, wie aus dem Nichts, 22 Konzerte im Hammersmith Odeon, in dem 1979 ihre drei letzten Shows stattfanden.

An diesem roten Faden scheint sich Kate Bush auch bei „Before The Dawn“ festzuhalten und beginnt mit dem unvorhersehbarsten Set, das man sich bei ihr hätte denken können: Einem stinknormalen nämlich. Wer Spektakel wollte, wird sogleich enttäuscht. Wer ein Comeback wollte, das bei jedem gewöhnlichen Popstar als fantastisch durchgegangen wäre (sprich: niemand), konnte sich freuen. La Bush kam auf die Bühne gewatschelt als käme sie gerade aus ihrer Küche und sang alte und neue Hits ohne großes Brimborium.

„Hounds of Love“ und „Running Up That Hill“ werden früh verfeuert, „King of the Mountain“ ist der vorläufige Höhepunkt. Die Abmischung ist perfekt, über Kates phänomenale Gesangsleistung brauchen wir nicht zu reden. Doch irgendwas fehlt. Und während man gerade ins Grübeln kommt, ob das denn wirklich alles sei – etwas Licht, ein paar nette Worte – passiert es: Kate Bush schleicht sich kaum merklich in den Hintergrund und singt noch ein letztes Mal „the wind is whisteling“, als wollte sie uns schon einen Wink geben. Perkussionist Milo Cinelu schreitet derweil nach vorne und: Peng! Cinelu schwingt einen Hammer über seinem Kopf, ein Gewitter setzt ein, Konfettikanonen schießen Schnipsel ins Publikum, auf denen ein Gedicht geschrieben steht. Und wieder einmal hat uns Kate Bush, der ungewöhnlichste Popstar der Welt, verarscht.

Der Donnerhall war der Beginn der Suite „The Ninth Wave“ von Kate Bushs 1985 erschienenem Album HOUNDS OF LOVE. Eine Leinwand wird heruntergelassen. Man sieht einen Astronomen, der zufällig den SOS-Ruf eines Schiffes mitbekommen hat und nun am Telefon die Küstenwache alarmiert. Doch die nimmt den Mann nicht ernst und will nicht helfen. Leidtragende des Ganzen: Die langsam aber sicher versinkende Kate Bush. Die Leinwand fährt hoch und man sieht sie in einer Schwimmweste über einen Bildschirm huschen. Die Band steht mittlerweile in einem auf der Bühne platzierten Schiffswrack. Die Bildschirm-Bush singt „And Dream of Sheep“, während die echte bei „Under Ice“ wieder übernimmt.

Schnell wird der Wechsel klar: Was die Schiffbrüchige wirklich erlebt, findet auf dem Bildschirm statt. Was sie träumt, wird auf der Bühne zum Leben erweckt. Und so beginnt Kates reizüberfluteter Überlebenskampf. Gegen Wind, Wetter, Fische muss sie sich behaupten, einem Priester, der sie für eine Hexe hält, Paroli bieten. Bei „Watching You Without Me“ träumt Kate Bush, wie es wäre, ein Geist zu sein, und schaut ihrer (echten) Familie in einem schwebenden Wohnzimmer beim Abendessen zu, ohne sich bemerkbar machen zu können. Den Höhepunkt erreicht „The Ninth Wave“ bei „Hello Earth“: Die Schiffbrüchige klettert an einer Boje empor, hat es fast geschafft – doch die Fische zerren sie erneut in die Tiefe. Mit „The Morning Fog“ folgt sogleich die Auflösung.

Kate Bush performt 2014 live in zwei Akten

Der erste Akt ist vorbei, doch was man im zweiten erwarten kann, dürfte sich herumgesprochen haben: Die zweite große Suite „A Sky of Honey“ ist an der Reihe. Im Gegensatz zu „The Ninth Wave“ hat „A Sky of Honey“ keinen festen Handlungsstrang sondern erzählt grob von einem perfekten Sommertag im Einklang mit Vogelsang. Bush hat hier also weniger feste Koordinaten für die Performance, dafür aber umso mehr Optionen. Die erste auffällige Entscheidung ist die Einbindung einer kindsgroßen Holzpuppe, die von Marionettenspieler Basil Twist gesteuert ihre Runden um die Bühne dreht. Die zweite ist die größere Bedeutung, die der Rolle des Malers – auf dem Album nur eine Randfigur – beigemessen wird. Sohn Bertie, der den Maler spielt, darf mit „Tawny Moon“ sogar ein eigenes Lied singen.

Auch hier findet wieder eine Zweiteilung statt: Während bei „The Ninth Wave“ Bildschirm und Bühne das Geschehen trennten, sind es bei „A Sky of Honey“ die rechte und die linke Bühnenhälfte. Links ist Platz für die Band, rechts fürs Theater. Diesmal senkt sich eine riesige Tür von oben auf die Bühne, es gibt ein Himmelsgemälde, hinter dem ab und zu der Geist einer geheimnisvollen Amsel aufflackert, viel Schnee und Federn, sowie im Hintergrund wahlweise Vögel in Super-SlowMo oder Himmelskörper. Das ist alles weit weniger spektakulär als „The Ninth Wave“, jedoch darf man nicht vergessen, dass „A Sky of Honey“ musikalisch gesehen das Großartigste ist, was Kate Bush je zustande gebracht hat. Der Schluss- und Titelsong ist zugleich der Höhepunkt: Es werden Bögen geschossen, die Holzpuppe tötet und verspeist eine Friedenstaube, zwei Birken krachen von oben auf die Bühne (eine mitten durch den Konzertflügel), am Ende trägt die ganze Band Schnäbel. Kate Bush sind in der Zwischenzeit Flügel gewachsen und als sich die Tür ein letztes Mal öffnet, fliegt sie übers Publikum und das Licht geht aus. Ende, tosender Beifall.

Kate Bushs „Before The Dawn“-Konzerte bieten Kunst statt Pathos

Soviel zu dem, was in „Before The Dawn“ passiert. Die Art und Weise, wie es auf einen wirkt, begreift man jedoch erst, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Was auf den ersten Blick nach Größenwahnsinn und Musicalkitsch klingt, ist in Wahrheit die perfekte Symbiose aus Musik, Theater, Tanz, Film, Puppenspiel, Architektur, Kabarett und Malerei. Kate Bush selbst hat dabei die beruhigende Ausstrahlung einer Mutter, die stets alles unter Kontrolle hat. Kein Pathos, nur Kunst.

Als die barfüßige Bush schließlich zur Zugabe an den Flügel schlurft, schaut sie fast schon ein bisschen beschämt zu Boden. Sie spielt „Among Angels“ von ihrem letzten Album 50 WORDS FOR SNOW, ihre schönste Ballade. Und während der Großteil der Besucher mit den Tränen zu kämpfen hat, fällt kaum merklich eine einzelne Feder auf den Flügel. Man will gar nicht darüber nachdenken, ob das auch geplant war oder nicht. Als letzten Song des Abends hat sich Bush „Cloudbusting“ rausgepickt – und sie fordert gar zum Mitsingen auf. Und erst als das gesamte Publikum stehend singt und klatscht (auf zwei und vier – es gibt noch Wunder!) gesellt sich zur Scham auch eine gehörige Portion Stolz.

Unterm Strich bleiben zwei Erkenntnisse:

1. „Before The Dawn“ dürfte zu den besten Live-Shows gehören, die es je gab.

2. Hätte Kate Bushs „Tour of Life“ die Geschichte der Popkonzerte wirklich so sehr beeinflusst, wie stets behauptet wird, hätte der heutige Abend eigentlich nur für Achselzucken sorgen können. Dass diese Frau nach 35 Jahren Inaktivität die Latte für Bühnenshows wieder in die Stratosphäre schießen konnte, ohne dabei überhaupt wie ein Star zu wirken, spricht nicht nur für ihre Einzigartigkeit, sondern auch für mangelnde Ambitionen bei der Konkurrenz.

Kate Bush live 2014 – die Setlist in London am 2. September:

„Lily“

„Hounds of Love“

„Joanni“

„Top of the City“

„Running Up That Hill“

„King of the Mountain“

„The Ninth Wave“

„A Sky of Honey“

„Among Angels“

„Cloudbusting“

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