30M Records: Musikalisches Brückenbauen zu iranischen Künstler*innen

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Zur Gründung von 30M Records kam es zunächst vor allem durch Matthias Kochs langjährige Mitarbeit bei Musiklabels und seine erste Reise in den Iran. Seit den 2000er-Jahren arbeitete er für Musiklabels: „Da habe ich eine Genre-Bandbreite von Punkrock bis Klassik abgedeckt“, erklärt er. „Auf den Reisen habe ich mich natürlich dann auch immer darum gekümmert Musiker*innen, Labelbetreiber*innen und Veranstalter*innen zu treffen.“

Alles begann letztendlich mit einem Konzert des isländischen Neoklassik-Künstlers Ólafur Arnalds, das Koch im Iran organisierte. „Ich arbeitete zu der Zeit viel mit Neoklassik. Dann wurde ich auch öfters von den Iraner*innen gefragt, ob ich Ólafur Arnalds und Nils Frahm kenne. Irgendwann dachte ich dann, das passt gut zusammen. Arnalds hat dann letztendlich vor fünftausend Leuten gespielt.“

Traditionelle Elemente treffen auf Elektronik

Nach seinem ersten Besuch habe er unbedingt wiederkehren wollen, erklärt Koch. Durch seine insgesamt elf Reisen lernte er so mehr und mehr Musiker*innen kennen: „Ich stellte fest, dass es eine extrem spannende Musikszene gibt. Das Land hat eine unheimlich reiche Kulturgeschichte, die auch einen Einfluss auf die kontemporäre Szene hat, in ihrer Tonalität und den Instrumenten. Traditionelle Elemente treffen so häufig auf Elektronik.“

Auf der anderen Seite habe er so von den Musiker*innen, aber auch von den Schwierigkeiten erfahren, ihre Musik zu vermarkten: „Zum einen gibt es die Restriktionen innerhalb des Landes: Die religiösen, die gesellschaftlichen und die politischen. Und dann die Problematik, dass iranische Musiker*innen im Westen nicht problemlos auf Plattformen vertreten sein können. Oder Verträge mit Labels abschließen können. Wobei ihnen das sogar noch freisteht — nur der Zahlungsverkehr ist eben nicht möglich.“

Auch die Musikindustrie des Iran treffen die US-Sanktionen hart

Seit der Aufkündigung des Atom-Abkommens im Jahr 2018 verhing die USA zunehmend Sanktionen gegenüber dem Iran. So wurde das Land nicht nur vom internationalen Finanzsystem abgekoppelt. Auch EU-Unternehmen, die mit dem Iran Handel trieben, zogen sich aus Furcht vor wirtschaftlichen Nachteilen aus dem gemeinsamen Handel zurück.

Cover – THIS IS TEHRAN?

Welche Schwierigkeiten damit für Label und Künstler*innen einhergehen, musste Matthias Koch auch selbst als Label-Inhaber erfahren. Am 6. Juni dieses Jahres erschien die Compilation THIS IS TEHRAN?, die Songs zehn verschiedener Artists listet. Für die Platte habe Koch auch einen Track eines iranischen Künstlers lizenziert, der bei einem englischen Label unter Vertrag steht. Doch schon allein der Lizenzvorschuss habe sich schwierig gestaltet:

„Der Bezahlvorgang ist gesperrt worden wegen des Stichworts ,Teheran‘ in der Überweisung“

„Der Bezahlvorgang ist gesperrt worden wegen des Stichworts ,Teheran‘ in der Überweisung. Die Bank hat sich dann beim Label gemeldet und gesagt, hier liefe irgendetwas Schräges und sie würden den Überweiser aus Deutschland bitten, auch nie wieder eine Zahlung an sie zu tätigen.“ Koch schlussfolgert trocken: „Ich habe ab dann das Wort ,Teheran‘ aus den Überweisungen rausgelassen.“

Aber auch beim Bestellen der Platte auf Bandcamp habe das Label mit Schwierigkeiten kämpfen müssen: „Bis jetzt wurde jeder einzelne Bezahlvorgang für die Compilation erst mal für drei Tage bei PayPal zur Überprüfung gesperrt. Und das passiert bei jedem Track-Download und jeder Bestellung. Das verschreckt die Leute natürlich. Die sagen dann: ,Das ist mir alles irgendwie zu anstrengend‘“.

Hört hier die Compilation THIS IS TEHRAN?:

Musikerinnen sind gleich mehrfach von Hindernissen betroffen

Doch nicht nur die Sanktionen der USA würden die Arbeitsbedingungen für Musiker*innen erschweren, sondern auch die inneren Restriktionen des Landes. Besonders Frauen sind mehrfach betroffen. „Die erste Kompilation ist auch im Iran erschienen, allerdings mit zwei Stücken weniger, da auf diesen Frauen zu hören sind“, erzählt Koch. „Sonst gibt es da keine Lizenz. Es gibt eine Behörde, die Artwork, Texte, Auftreten und Haltung prüft. Und ohne den Stempel kannst du weder live auftreten noch Musik veröffentlichen.“

Mina Momeni

Künstlerin Mina Momeni, die auch auf 30M Records unter Vetrag steht und auf der THIS IS TEHRAN?-Compilation zu hören ist, erklärt ihre Lage als iranische Musikerin: „Als Frau kann ich vor einem Publikum auftreten, das nur aus Frauen besteht. Mich persönlich interessiert ein Konzert unter diesen Bedingungen aber nicht.“ Als Musikerin könne sie zudem nicht bei einem iranischen Label gesignt werden.

„Trotz einiger Probleme durch Sanktionen kann ich meine Musik allerdings international veröffentlichen.“ Dass dies wiederum Einschränkungen mit sich bringt, erklärt Momeni so: „Durch Politik und Sanktionen darf ich mich aber nicht frei auf der Welt bewegen und Konzerte geben, wo ich will. Bis jetzt habe ich viele Einladungen in die USA für Auftritte bekommen – die konnte ich aber nicht wahrnehmen.“

Mina Momeni: „Ich sehe es in meiner sozialen Verantwortung als Künstlerin, Tabus anzusprechen“

In ihrem aktuellen Musikvideo „Divar“ spricht Momeni das Thema des Kindesmissbrauchs an: „Es wird nicht viel über solche Themen in den Medien geredet. Es gibt auch kaum Aufklärungsarbeit oder Statistiken über Betroffene. Die Regierung zieht es vor, solche Themen nicht anzusprechen. Dadurch können Bewegungen wie ,MeToo‘ gar nicht erst entstehen. Ich sehe es aber in meiner sozialen Verantwortung als Künstlerin, Tabus anzusprechen.“

Seht hier Mina Momenis Video zu „Divar“:

Matthias Koch bemerkt, dass Kritik an der aktuellen Lage innerhalb des Landes auch durch Musik anderer Künstler*innen auf dem Label durchscheint: „Ich weiß von der ein*en oder anderen Musiker*in, dass die Sachen durchaus politisch sind. Zumindest im Ausdruck oder der Klangfarbe. Aber natürlich nie direkt laut und grell in großen Lettern.“

Bamdad Afshar

Am Ende des Tages könne das Plakative nicht nur schnell reißerisch werden, so Koch, sondern er stehe als Betreiber auch in einer bestimmten Verantwortung gegenüber den Künstler*innen. „Es gäbe sicher Musik, die offensiv noch viel politischer und kritischer wäre. Das würde wahrscheinlich auch noch einmal mehr wahrgenommen werden“, führt er an.

Hoosyhar Khayam

„Aber wenn ich hier eine große Geschichte aufstelle, kommt das irgendwann zurück und die Künstler*innen bekommen Probleme. Ich könnte natürlich das Projekt auch schnell zu Ende bringen, wenn gegen mich ein Einreiseverbot erlassen werden würde. Dann wäre es nicht besonders nachhaltig, einmal schnell laut zu werden für den großen Effekt“, schlussfolgert er.

Bis jetzt sind drei Platten über das Label erschienen, das im vorigen Jahr in Hamburg gegründet wurde. Zum Einen das Album RAAZ (2020) des Duos Hooshyar Khayam und Bamdad Afshar, das auf dem Langspieler traditionelle Klänge Belutschistans mit Elektronik paart. Im Juni dieses Jahres wurde die Compilation THIS IS TEHRAN? veröffentlicht. Und im Juli releaste das Label mit Saba Alizadehs Veröffentlichung I MAY NEVER SEE YOU AGAIN ein Soloalbum. Alizadeh studierte die Kamancheh, eine traditionelle persische Violine und verbindet klassische Instrumentierungen mit experimentellen Sounds in seiner Musik.

Streamt hier „RAAZ“ von Hooshyar Khayam und Bamdad Afshar:

Matthias Koch: „Als westlicher Industrievertreter bin ich nicht der Maßstabgeber per se“

Als weißer, westlicher Label-Betreiber mit Musik iranischer Künstler*innen ist es durchaus wichtig, seine eigene Machtstellung zu reflektieren: „Was mir total fernliegt, ist die Musik oder die Leute exotisiert darzustellen. So aka ,das klingt total fremd und jetzt mischen wir noch ein paar House-Beats von hier drunter, damit es zu einer Tanznummer wird‘. Ich versuche möglichst respektvoll damit umzugehen“, erklärt Matthias Koch.

„Wenn ich mich mit den Musiker*innen treffe und wir unterhalten uns, versuche ich zu verstehen, was ihre Idee ist. Das will ich inhaltlich nicht verändern.“ So sei zum Beispiel auch das Artwork der Compilation in Teheran entstanden und auch Saba Alizadehs Album komplett dort produziert. „Als westlicher Industrievertreter bin ich nicht der Maßstabgeber per se, der automatisch weiß, wie der Hase läuft und sagt: Genauso muss das sein“, bemerkt Koch. „Ich glaube, das kann am Ende nur erfolgreich sein, wenn es möglichst authentisch ist.“

Streamt hier „I May Never See You Again“ von Saba Alizadeh:

Die Bedingungen für junge iranische Musiker*innen, ihre Musik grenzübergreifend zugänglich zu machen, sind derzeit nicht einfach. 30M Records leistet als Label dazu einen Beitrag, eine musikalische Brücke zu bauen. Was Musikerin Mina Momeni trotz der Schwierigkeiten am Ende des Tages antreibt, weiterhin Musik zu machen? „Meine Gefühle. Die Dinge, die um mich passieren. Mein Wunsch, gehört zu werden.“

Gata Ziatabari

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